"Wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank"

Von Interview: Carsten Germann
Montag, 12.09.2011 | 12:34 Uhr
Liam Becket (unten rechts knieend, mit Vollbart) und die Crusaders kassierten in Bukarest ein 0:11
© Johnston Press
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Die Kreuzritter tauchten am Nachmittag in Bukarest auf - und holten sich eine historische Tracht Prügel ab. Im Oktober 1973 verlor der nordirische Meister FC Crusaders Belfast beim rumänischen Titelträger Dinamo Bukarest im Europacup der Landesmeister mit 0:11. Wenn Liam Beckett (60) an diesen ominösen Oktoberabend denkt, plagen den ehemaligen Mittelfeldspieler aus Nordirland auch nach fast 40 Jahren noch Albträume. Mit den Crusaders schrieb Beckett in der "Albtraumnacht in Bukarest" (uefa.com) ein trauriges Kapitel Europacup-Geschichte. Es ist die bis heute höchste Europapokal-Schlappe, die je ein Team einstecken musste.

"Wahrscheinlich", mutmaßt Liam Beckett rückblickend mit einem Zwinkern, "fühlten wir uns nach dem Hinspiel zu sicher." Die erste Partie im Windsor Park von Belfast hatten die Nordiren nur 0:1 verloren. In Bukarest ging aber alles ganz schnell. Schon zur Pause hieß es 0:4 aus Sicht der Crusaders, ehe es danach zweistellig wurde. Rumäniens Klassestürmer Dudu Georgescu und Mittelfeldspieler Radu Nunweiler trafen beim Kreuzritter-Bashing jeweils vier Mal für Dinamo. Treffer von Florea Dumitrache und Constantin Dinu sowie ein Eigentor von Liam Beckett sorgten für das geschichtsträchtige 0:11.

Schalkes Euro-League-Gegner HJK Helsinki kam im Juli 2011 in der Champions-League-Qualifikation gegen die Waliser von Bangor City mit einem 10:0 dieser Bestmarke gefährlich nahe. Aber besser schlafen kann Liam Beckett deshalb nicht. Der damals 22-Jährige bleibt dabei: "Bukarest wird wohl für immer die unwirklichste Nacht meines Lebens bleiben." Sie machte Beckett und die Crusaders zu unvergessenen Anti-Helden. Nicht nur in Nordirland.

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Im Interview mit SPOX spricht Beckett über die Klatsche von Bukarest, einen Affen auf seinem Rücken, die Beatles, wilde Zeiten in Belfast und sein Idol George Best.

SPOX: Mister Beckett, woran denken Sie, wenn Sie den Namen Dinamo Bukarest hören?

Liam Beckett: Ich zittere immer noch. (lacht) Im Oktober 1973 sind wir als gutes Team aus Nordirland nach Rumänien gefahren. Das dachten wir zumindest, aber wir waren für Europa überhaupt nicht bereit, waren viel zu unerfahren. Wir waren wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank. Auch wenn es eigenartig klingt: Wir waren trotz des 0:11 besser, als es das Ergebnis aussagt. Wir haben versucht, anzugreifen, standen aber viel zu offen und Dinamo hat das voll ausgenutzt.

SPOX: Es soll also keiner sagen, Sie hätten sich nicht gewehrt...

Beckett: Das haben wir zumindest versucht. (lacht) Unser Trainer Billy Johnston hat uns vor dem Spiel gesagt, dass wir den Ball halten sollen. Aber den haben wir immer nur beim Anstoß gesehen. Spaß beiseite: Ich habe mit den Crusaders und später mit dem FC Coleraine oft im Europacup gespielt und wir hatten in den späten Siebzigerjahren wesentlich erfolgreichere Tage als diesen. Damals gab es im Meistercup noch keine Qualifikationsrunden und das war ein Vorteil.

SPOX: Aber Bukarest bleibt unerreicht.

Beckett: Ja, auch wenn wir zwei Jahre später mit dem FC Coleraine (als nordirischer Pokalsieger, die Red.) gegen Eintracht Frankfurt gespielt und in der Addition 3:11 verloren haben. Das war hart. Dafür haben wir 1977 bei Lokomotive Leipzig ein 2:2 erzielt.

SPOX: Klingt nach einem guten Ergebnis.

Beckett: Exakt. Die Leipzig-Fans rissen vor Wut die Sitzbänke heraus und feuerten sie auf den Rasen. Das war ihre Art des Protests. In Erinnerung ist mir aber auch die Anreise geblieben. Wir flogen zunächst nach West-Berlin. Man brachte uns dann zum berühmten Checkpoint Charlie und dann mit dem alten Mannschaftsbus von Lokomotive Leipzig zum Stadion.

SPOX: Zurück ins Jahr 2011. Haben Sie sich im Juli gewünscht, dass HJK Helsinki den Stempel der höchsten Europacup-Pleite an Bangor City weiterreicht?

Beckett: Das hätte ich mir in der Tat gewünscht. (lacht) Auf diesen Rekord bin ich nicht besonders stolz, obwohl wir von einer extrem starken Mannschaft überrollt wurden. In Nordirland gab es damals politische Unruhen und die Fans in Rumänien nahmen darauf Rücksicht. Ich habe diese Nacht angesichts der großartigen Gastfreundschaft genossen - aber natürlich nicht wegen des Ergebnisses. Und im Juli dachte ich mir beim Blick auf die Champions-League-Qualifikationsspiele: Hätte Helsinki nicht noch ein Tor mehr schießen können? Dann wäre ich endlich diesen Affen losgeworden, der mir seit Bukarest auf dem Rücken sitzt.

SPOX: Was werden Sie tun, wenn der Rekord eines Tages tatsächlich gebrochen wird?

Beckett: Ich werde den Trainer des Siegerteams anrufen und ihn nach Belfast auf ein Glas Guinness einladen. (lacht) Ehrlich, ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn ich diese Last von meinen Schultern bekäme.

 

Hier geht's zu Teil 2: Beckett über Hölzenbein, Miniröcke und George Best

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