Champions League: FC Chelsea - Bayer Leverkusen

Frank Lampard: Mensch und Maschine

Von Stefan Moser
Dienstag, 13.09.2011 | 11:31 Uhr
Frank Lampard wechselte 2001 von West Ham zum FC Chelsea
© Getty
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Trotz schwerer Schicksalsschläge funktionierte Frank Lampard beim FC Chelsea jahrelang wie ein Uhrwerk. Doch nun läuft die Zeit plötzlich gegen ihn. Kein Wunder, dass er vor dem Champions-League-Auftakt gegen Bayer Leverkusen (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky) an Michael Ballack denkt.

Auf dem Spielberichtsbogen stand später nur eine ganz banale Auswechslung. Doch die Szene hatte auch etwas Symbolisches, sensibel gestimmte Beobachter hörten womöglich eine Uhr ticken. Das Ende einer großen Karriere jedenfalls wurde zumindest angedeutet, als der englische Nationaltrainer Fabio Capello Frank Lampard einwechselte. Zehn Minuten vor Schluss, beim Stand von 3:0 gegen Bulgarien, in einem Spiel, das längst entschieden war.

Zum ersten Mal seit 2007 saß der Vizekapitän des FC Chelsea bei den Three Lions nur auf der Bank. Mit 33 Jahren war der Mann, den Jose Mourinho einst für den besten Spieler der Welt hielt, plötzlich ein Lückenfüller.

Und das nicht etwa, weil er angeschlagen war: "Seine ersten Spiele mit Chelsea waren nicht gut", fand Capello einfach. Überhaupt dachte der Italiener erstaunlich offen über die Verfassung seiner Routiniers nach. Einige der Spieler hätten mentale Probleme, die er nicht mehr imstande sei zu lösen. Die verpasste EM-Quali 2008 und das frühe Aus in Südafrika hätten womöglich zu tiefe Spuren und Blockaden hinterlassen.

Sündenbock der Nationalmannschaft

Capellos bemerkenswertes Geständnis und die Andeutung eines notwendigen Umbruchs in der Nationalmannschaft stammen vom vergangenen Dienstag, vier Tage nach dem Bulgarien-Spiel. Ein äußerst mühsames 1:0 gegen Wales lieferte den endgültigen Anlass. Frank Lampard war da aufgrund einer Bronchitis zwar schon wieder zuhause. Angesprochen fühlen durfte er sich trotzdem.

Denn kein Nationalspieler verkörpert die enttäuschten Hoffnungen der Engländer mehr als Lampard. Nach einer ordentlichen EM 2004 wurde er schon 2006 zum öffentlichen Sündenbock, weil er weder die Form noch seine Torgefährlichkeit aus dem Verein mit ins Turnier bringen konnte. Dazu war er einer von drei Spielern, die im Viertelfinale gegen Portugal im Elfmeterschießen scheiterten.

Auch die vergeigte Qualifikation zur EM 2008 wurde vor allem an ihm festgemacht. Als er nach der 2:3-Niederlage gegen Kroatien im November 2007 von der UEFA zum "Man oft he Match" gewählt wurde, antworteten die heimischen Fans mit einem bösartigen Pfeifkonzert.

Das "Tor" gegen Deutschland

Die endgültige Botschaft, dass er mit den Löwen auf der Brust nicht glücklich werden sollte, schickte ihm das Schicksal dann mit Jorge Larrionda nach Südafrika. Der uruguayische Schiedsrichter verweigerte seinem Tor im Achtelfinale gegen Deutschland die Anerkennung.

"Ich kann dieses Spiel einfach nicht vergessen. Ich frage mich nur manchmal, was wäre wohl passiert, wenn das Tor gezählt hätte? Das Spiel wäre beim Stand von 2:2 vielleicht ganz anders gelaufen. Das beschert mir noch immer schlaflose Nächte", sagt er heute.

Der "Lattentreffer" steht damit als Lampards 37. Torschuss bei einer Weltmeisterschaft in den Statistiken. Ohne einen einzigen Treffer: ein trauriger WM-Rekord.

Lampard: Maschine mit Selbstzweifel

Und mittlerweile hat nicht nur Capello Zweifel, dass sich das Blatt noch einmal wenden wird. Auch Lampard selbst wirkt resigniert: "Ich war 28, in Topform und habe eine scheiß WM in Deutschland gespielt. Ich weiß im Moment nicht, ob ich mit 34 noch eine gute EM spielen kann."

Die nur allzu menschliche, aber nichtsdestotrotz überraschende Reaktion eines Mannes, der zumindest beim FC Chelsea doch jahrelang wie eine Maschine funktioniert hat: nie verletzt, selten formschwach, immer torgefährlich.

Mit 164 Spielen am Stück hielt er lange Zeit den englischen Rekord. Zwischen 2006 und 2011 erzielte er als Mittelfeldspieler fünf Jahre hintereinander wettbewerbsübergreifend mindestens 20 Tore pro Saison. Und schob trotzdem fast nach jedem Training Sonderschichten.

Lampard der Weltfußballer

"Ich habe von jeher mit allen mithalten wollen. Wenn jemand besser als ich ist, will ich es unbedingt mit ihm aufnehmen. Ich habe dieses Extraquäntchen Ehrgeiz in mir, das mich immer weiter vorantreibt", sagt Lampard: "Deshalb mache ich viel zusätzliches Training. Ich arbeite an meinem Abschluss, meinem Passspiel, den Dribblings und Sprints. Wenn ich keine Sonderschichten einlege, fühle ich mich am Spieltag nicht gut vorbereitet."

Sein Vater, selbst englischer Nationalspieler, und sein Onkel Harry Redknapp verhalfen ihm als Co-Trainer und Trainer von West Ham 1995 zu seinem ersten Profivertrag. Sein Wille zur Perfektion aber machten Lampard zehn Jahre später zu Englands Fußballer des Jahres. Bei der Wahl zum Weltfußballer belegte er Platz zwei hinter Ronaldinho.

Über Jahre hinweg war er der dominierenden Mittelfeldspieler in Europa: schnörkellos, präsent, torgefährlich - und zuverlässig wie eine Maschine. Selbst mit gebrochenem Herzen liefen die Beine von Frank Lampard immer weiter.

"Mir war alles scheißegal"

Was der plötzliche Tod seiner Mutter 2008 für jemanden bedeutet, der sich selbst als "mumy's boy" bezeichnet, lässt sich nur erahnen. Er selbst sprach nur einmal darüber: "Fußball ist mein Leben, mein ein und alles. Aber nach dem Tod meiner Mom war mir alles scheißegal. Ich glaube, ich habe das Champions-League-Halbfinale gegen Liverpool anschließend in Trance gespielt."

Wenig später folgte die Trennung von seiner Verlobten Elen Rives, mit der er zwei Töchter hat. Moralische Angriffe seitens der Presse inklusive. Am ersten Todestag seiner Mutter ließ sich Lampard live in die Show von Radiomoderator James O'Brian durchstellen, nachdem der nahegelegt hatte, er würde sich (finanziell) nicht ausreichend um seine Kinder kümmern.

"Jeder Penny, den ich verdiene, jeder Meter, den ich auf dem Spielfeld laufe, ist für meine Kinder. Nicht jeden Tag gemeinsam mit ihnen aufzuwachen, bricht mir das Herz", stellte Lampard klar.

Auf dem Platz aber konnte ihn auch das nicht aufhalten. Wieder beendete er die Saison mit 20 Toren und 19 Assists. Im Jahr darauf führte er Chelsea mit 27 Treffern und 20 Vorlagen zum englischen Double.

Die Uhr tickt

Gestoppt wurde er schließlich von einem ganz banalen Leistenbruch. In der vergangenen Saison fehlte er seinem Verein verletzungsbedingt vier Monate lang. Den Trainingsrückstand schleppte er durch die ganze Spielzeit.

Und schließlich hörte auch er die Uhr ticken: "Dass Chelsea noch keinen Champions-League-Titel geholt hat, lag nicht an unseren Trainern. Wir Spieler haben in den entscheidenden Phasen versagt - mich eingeschlossen. Es ist frustrierend, weil wir schon mehrmals so nah dran waren. Ich habe nicht mehr viel Zeit für einen internationalen Titel."

In diesem Jahr will Lampard es noch einmal wissen. Und vermutlich ist es kein Zufall, dass er vor dem Auftakt gegen Bayer Leverkusen besonders an seinen ehemaligen Kollegen Michael Ballack denkt: "Chelsea hat großen Respekt vor Michael Ballack. Er war eine große Persönlichkeit. Es ist wunderbar, ihn am Dienstag an der Stamford Bridge wiederzusehen."

Frank Lampard im Steckbrief

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