Barca-Star Xavi im Porträt

Von den Toten auferstanden

Von Thomas Gaber
Donnerstag, 26.05.2011 | 20:00 Uhr
Xavi gewann 2006 und 2009 mit dem FC Barcelona die Champions League
© Getty
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Am Samstag greift Xavi mit dem FC Barcelona gegen Manchester United nach seiner dritten Champions-League-Krone (ab 20.15 im LIVE-TICKER). Der 31-Jährige ist das Barca-Herz, auf dem Platz und außerhalb. Kein anderer Spieler wird im Verein so verehrt wie Xavi. Dabei war er einst ein unerwünschter Eindringling.

Der Torhüter von Llongueras Sant Crist hatte keine Chance. Xavi war im Anflug. Kein Abwehrspieler weit und breit in Sicht. Xavi schlug einen Haken nach rechts und obwohl er mit dem linken Fuß leicht in der Grasnarbe hängenblieb, war er nicht aufzuhalten. Tor für den FC Barcelona, 6:0.

Der Schlusspunkt eines einseitigen Spiels. Wie so oft, wenn die Prebenjamins von Barca spielen. Die Prebenjamins, das sind die absoluten Küken im Verein. Lauter 8-Jährige, die später einmal für die erste Mannschaft in der Champions League spielen wollen.

Xavi ist Stürmer, sein voller Name lautet Xavi Quentin Shay Simons. Er fällt schon rein äußerlich aus der Reihe. Inmitten lauter schwarzhaariger Chicos ragt Xavi mit seiner blonden Lockenmähne heraus. Xavi würde auch als hübsches Mädchen durchgehen. Doch er hat einen Traum: Xavi will für die berühmtesten Herren Barcelonas spielen und einmal so werden wie sein Namensvetter.

Xavi, Iniesta, Messi - günstige Fügung

Xavi Hernandez Creus lernte das Fußballspielen ebenfalls im vereinseigenen Talenteschuppen La Masia. Im Vergleich zu Xavi Simons war der Welt- und Europameister ein Spätstarter. Erst mit 11 Jahren kam er zu Barca, doch wie sich später herausstellen sollte, nicht zum falschen Zeitpunkt.

Immerhin spielt Xavi schon seit einigen Jahren in einer Mannschaft mit den etwas jüngeren Andres Iniesta und Lionel Messi, die ebenfalls bei Barca ausgebildet wurden. Bei der Wahl zum Fußballer des Jahres 2010 wurden sie auf die ersten drei Plätze gewählt. "Das nennt man wohl günstige Fügung", sagt Xavi.

Fußballerisch sind alle drei einzigartig. Im Barca-System ist Xavi das Groß-, Iniesta das Kleinhirn, manchmal auch umgekehrt, und Messi ist das ultimative Spektakel.

Absage an ManCity

Xavi steht beim FC Barcelona dennoch ein bisschen über den anderen. Er verkörpert die Ideale und Werte des Klubs - Xavi ist Katalane.

"Was Xavi für Barca leistet, ist nicht mit Siegen oder Trophäen zu bemessen. Er repräsentiert die Werte: Einsatz, Loyalität, Arbeit und Herz. Vor allem Loyalität ist ein selten gewordenes Gut im Profifußball geworden", sagte Barca-Präsident Sandro Rosell.

Manchester City lockte Xavi kürzlich mit einem Netto-Gehalt von neun Millionen Euro pro Jahr. Der 31-Jährige lehnte dankend ab.

Für Xavi gibt es bis zum Karriereende, und wahrscheinlich darüber hinaus, nur einen Verein: Barca. "Dieser Klub ist mein Leben. Ich hatte einmal die Chance, als 17-Jähriger zu Milan zu wechseln. Meine Familie war in Sorge: 'Uh, jetzt geht er weg.' Ich dachte nur: 'Ich? Weggehen? Von Barca? Was will ich in Italien?' Da müsste ich mich an einen Fußball gewöhnen, der mir nicht liegt, hinter dem ich nicht stehe. Da bleibe ich doch lieber in Barcelona", sagte Xavi dem Magazin "World Soccer".

Ständige Vergleiche mit Guardiola

Dabei hat Xavi nicht nur schöne Zeiten durchgemacht bei den Blaugrana. Sein bewundernswerter Stil, mit dem er im Mittelfeld das Barca-Spiel lenkt, wurde ihm einst als billiges Plagiat eines gewissen Josep Guardiola ausgelegt.

"Als ich in die erste Mannschaft kam, wurde ich ständig mit Pep verglichen. Ich fühlte mich wie ein Eindringling, ein Verbrecher, der bei Barca nichts zu suchen hat. Die Leute sagten nur: 'Oh, Xavi versucht Pep zu imitieren. Hat der keine eigene Note?' Ich hatte einen sehr schwierigen Start", so Xavi.

Auch weil Barca lange Zeit zwar den schönsten Fußball spielte, aber keine Titel holte, war Xavi unter dem Radar. "Das ist doch das Problem im Sport", wettert Xavi. "Die Leute sehen immer nur das Resultat. Wer verliert, ist der Idiot. Dabei müssten die Leute auch sehen, welche Leistung das Individuum bringt. Ich war tot als Spieler. Fußballer wie ich waren am Aussterben. Gott sei Dank ist es anders gekommen."

Wer gehässig ist, interpretiert in Xavis Worte den Hang zur Arroganz. Dabei ging es Xavi stets nur um den Spaß am Fußball und dessen Ästhetik. Er akzeptiert andere Wege, im Fußball zum Erfolg zu kommen, bevorzugt aber seit jeher die Eleganz.

"Es ist völlig legitim, über eine geordnete Defensive Titel zu gewinnen. Aber es ist eben nicht mein Ding. Ich frage mich oft: Welches Ziel verfolgt diese oder jene Mannschaft? Wollt ihr nur Tore nach Standards schießen? Warum spielt ihr dann überhaupt Fußball? Fußball ist für mich passen, dribbeln, kombinieren, grob gesagt: spielen. Das ist Fußball. Für mich zumindest."

Was sind schon Siege?

Diese Erfüllung gibt es für Xavi eben nur bei Barca. "Es gibt Teams, die happy sind, wenn sie gewinnen. Unsere Passion bei Barca ist eine andere: Wir wollen Fußball zeigen, der die Leute begeistert. Dieser Philosophie bleiben wir treu - koste es, was es wolle."

"In anderen Vereinen geht es schon in der Jugend nur um Siege. In unseren Nachwuchsteams geht es ums Lernen. Da gibt es Kids, die den Kopf oben haben, passen, spielen. Da denkst du dir: 'Yep, Coach, hol' den ins Team.' Das ist unser Modell, das Johan Cruyff in diesen Klub gebracht hat. Es geht ums Fußballspielen. Jeden. Verdammten. Tag."

Im derzeitigen Barca-Kader findet Xavi genügend Partner, um seine Passion auszuleben. "Ich habe Dani Alves, Busquets, Iniesta, Pedro, Villa. Ich habe so viele Optionen, nach dem Raum zu suchen, in den ich den Pass spiele. Die Jungs sind immer alle anspielbar. Manchmal denke ich: 'Ich habe jetzt Dani drei Mal in Folge angespielt. Jetzt ist Leo bestimmt beleidigt. Ich muss also den nächsten Ball zu Leo spielen.' So läuft das bei uns."

Xavi sucht ständig nach Möglichkeiten, das Barca-Spiel noch zu verbessern. Da bedient er sich gerne auch extern. "Ich schaue in meiner Freizeit sehr viel Fußball, teilweise eine ganze Nacht durch. Ich erinnere mich an ein Spiel aus der Serie A: Sampdoria gegen Juventus - ein grauenhaftes Spiel, aber ich war bis zum Ende dabei. Es gibt immer irgendein wichtiges Detail, das ich wahrnehme."

Besserer Mensch als Fußballer

Xavi kümmert sich gemeinsam mit Kapitän Carles Puyol, ebenfalls Katalane, auch außerhalb des Platzes um das Wohl des Vereins und verteidigt dessen Prinzipien. Manchmal auch mit etwas unlauteren Mitteln.

So soll sich Xavi bei Trainer Guardiola intensiv für einen Verkauf von Zlatan Ibrahimovic stark gemacht haben, weil der streitbare Schwede die Gemeinschaft störte - und außerdem brauche der Verein endlich David Villa. Der Wunsch wurde erfüllt.

Mit Villa ist Xavi seit Jahren eng befreundet. Der Stürmer sagt über ihn: "Xavi ist als Mensch besser als als Fußballer. Ich denke, damit ist alles gesagt."

Auch beim größten Rivalen wird Xavi sehr geschätzt. "Ich kenne ihn, seitdem er 15 ist. Er ist das geworden, was ich erwartet habe: fußballerisch ein Tier und menschlich astrein", sagt Iker Casillas, Kapitän und Torhüter bei Real Madrid.

Zweite Passion: Kenia

In den letzten Jahren hat Xavi mit Barca alles gewonnen und seit Januar ist er auch Rekordspieler mit den meisten Pflichtspieleinsätzen. Gegen Levante absolvierte er sein 549. Spiel für Barca und löste Migueli als Rekordhalter ab.

Als die Zuschauer im Camp Nou im Anschluss an das Spiel Xavi mit 'standing ovation' minutenlang feierten, animiert von Puyol und Co., verlor der stoische Xavi die Fassung.

"Wenn ich nicht die Kontrolle habe, werde ich nervös. Wenn ich den Leuten ausgeliefert bin, würde ich mich am liebsten verkriechen. Auf der anderen Seite ist die Zuneigung, die mir die Barca-Fans übermitteln, mit Geld nicht zu bezahlen."

Nach dem Champions-League-Finale will Xavi erstmal abschalten und seiner zweiten Leidenschaft nachgehen. Xavi reist gerne. Am meisten hat ihm bislang Kenia imponiert. Xavi: "Da habe ich bemerkt, wie schön das Leben sein kann - auch ohne Fußball."

FC Barcelona - Manchester United: die Bilanz gegeneinander

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