Hoffenheim aus der Hölle

Von Stefan Rommel / Roman Moranow
Mittwoch, 06.04.2011 | 14:47 Uhr
Der Macher und seine Gang: Rinat Achmetow im Kreis seiner Spieler nach dem UEFA-Pokal-Sieg 2009
© Imago
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Schachtjor Donezk ist ein sonderbarer Klub, der 1899 Hoffenheim in vielem gleicht - was an einem reichen Mäzen und einer risikofreudigen Personalpolitik liegt. Der FC Barcelona, Gegner der Ukrainer im Viertelfinale der Champions League (20.30 Uhr im LIVE-TICKER), sollte sich jedenfalls auf einiges gefasst machen.

Dichte Rauchschwaden dämpfen das grelle Licht, die Musik wird noch lauter als in den Minuten davor. Gleich ist Anpfiff und die etwas mehr als 30.000 Fans in der Donbas Arena wollen etwas geboten bekommen.

Wolyn Luzk spielt in Donezk vor, ein Neuling, der im Mittelfeld der Tabelle angesiedelt ist. Die Heimmannschaft hat nach 23 Spieltagen bereits doppelt so viele Punkte gesammelt wie der Gegner, führt die Tabelle mit 58 Zählern an.

"Schachtjor ist ein Stern"

Früher hätte man die Premier-Liga eine Operettenliga genannt. Im Vorbeigehen liest Schachtjor die Punkte gegen 90 Prozent der Kontrahenten auf. Spannend wird es nur, wenn die Spiele gegen Kharkow oder das ungeliebte Dynamo Kiew anstehen.

Also fährt der Klub rund um die Partien im neuen Stadion das volle Party-Programm. Die komplette Stadt ist dann zugeklebt mit Werbung für das anstehende Spiel, im Stadion zündeln von der Klubführung geduldete Ultras mit Pyrotechnik, die Musik ist lauter und entnervender als bei jedem DFB-Länderspiel.

"Schachtjor ist ein Stern, es ist die Zukunft", flutet die Vereinshymne förmlich aus den Boxen. Es kracht und blitzt und raucht. Am Ende sind die Fans zufrieden, die Orange-Schwarzen gewinnen 4:0.

Erfolgsstory vom Reißbrett

So war es geplant, also musste es auch so kommen. Der pompöse Fußball-Zeitgeist ist angekommen in Donezk. Am Reißbrett ist in der Einöde der Südost-Provinz der heißeste Exportschlager der Ukraine entstanden.

Schachtjor Donezk hat in den letzten fünf Jahren eine Entwicklung durchlaufen wie kaum ein anderer Klub des europäischen Fußballs. Es ist eine Erfolgsstory, gebastelt aus einfachen Bausteinen, einem durchdachten Konzept und jeder Menge Geld.

Sergej Palkin ist erst 36 Jahre alt. Aber er ist Chief Executive Officer des Klubs, der Geschäftsführer. Er muss den Überblick bewahren, hat alle Strippen in der Hand und hat die gescheiten Ideen.

Die Idee: Viele Brasilianer für die Offensive

Den sportlichen Bereich überlässt er aber fast komplett Trainer Mircea Lucescu. Er ist seit sieben Jahren bei Schachtjor. Viele Ideen hatte er bis heute nicht. Im Prinzip nur eine einzige: Sein Kader soll zweigeteilt sein - die zentrale Defensivachse bilden Spieler aus der Ukraine.

Hier ist die Basis. Kompromisslos und eisenhart. Bayerns Anatolj Tymoschtschuk hat hier einst auch schon aufgeräumt. Und dann gibt es noch die Offensive: In der Parallelwelt ein paar Meter weiter vorne tobt der Zirkus.

Über die Hälfte aller zehn Offensivspieler im Kader hat einen brasilianischen Pass, zumeist laufen mindestens vier von ihnen auf. Dazu stehen noch der Bolivianer Marceloa Moreno (ehemals Werder Bremen) und der gebürtige Brasilianer Eduardo, der jetzt auch einen kroatischen Pass hat, im Kader.

Wenn man so will, ist es die einzig nachhaltige Philosophie des Vereins: Immer genügend Brasilianer im Team zu haben, um den Leuten etwas zu bieten. Und um Spiele zu gewinnen.

Risikoreiches Modell

"Die Südamerikaner zeigen schönen, technisch starken Fußball. Im Endeffekt bringt es zwei wesentliche Vorteile: Wir kommen zu sportlichen Erfolgen, und das schöne Kombinationsspiel gefällt unseren Fans", sagt Palkin.

Obwohl fürsorglich alimentiert, geht Schachtjor mit der Leitlinie aber auch ein schwer zu kalkulierendes Risiko ein. "Die Liga ist sehr schwach, niemand schaut auf die Ukraine, daher ist es unmöglich, gestandene Profis von internationalem Format mit Mitte 20 nach Donezk zu holen", sagt Trainer Lucescu.

"Europäische Klubs nehmen nur selten ganz junge brasilianische Spieler auf. Das Risiko, sie zu integrieren, ist viel zu hoch. Bei einem ist es schon schwierig, eine ganze Gruppe ist ein echtes Problem - für sie ist alles Show, das Leben eine Fiesta."

Die Folge sind risikoreiche Transfers von unbekannten Talenten im Teenager-Alter. Dann ist es an Lucescu, aus den waghalsigen Investitionen zunächst Erfolg bringendes Kollektiv zu formen und später den einen oder anderen als lukrative Manövriermasse deutlich teurer wieder zu veräußern.

Funktioniert hat das bereits mit Spieler wie Brandao, Elano und Matuzalem, die der Klub nach Marseille, ManCity und Saragossa verkauft und rund zehn Millionen Euro Überschuss erwirtschaftet hat. Die nächsten werden wohl Fernandinho oder Willian sein.

Parallelen zu Hoffenheim

Das Methodik erinnert stark an die von 1899 Hoffenheim unter Ralf Rangnick, allerdings auf einem deutlich höheren Niveau. Und es wird noch dem Kraichgauer Modell noch ähnlicher, wenn man ihn kennt: Rinat Achmetow.

Früher soll er in der Olympiastadt Sotschi als Hütchenspieler sein Geld verdient haben. Heute ist er der reichste Mann der Ukraine. 30 Milliarden Euro ist sein Imperium schwer, rund fünf Milliarden davon sind sein Privatvermögen.

Seine Beteiligungsgesellschaft System Capital Management (SCM) ist aktiv in der Maschinen- und Lebensmittelproduktion und im Dienstleistungssektor - alles Bereiche, die in der postsowjetischen Zeit in einer grauen Stadt wie Donezk brach lagen.

Ihm gehören mehrere Hotels und Brauereien, ein eigener Fernsehsender, ein Zeitungsverlag und eine Telefongesellschaft - insgesamt 30 Unternehmen, in den rund 300.000 Menschen beschäftigt sind.

"Die aus der Hölle kommen"

Ein unglaublicher Riecher für ein lukratives Geschäft wird dem Sohn eines Bergmanns und einer Verkäuferin nachgesagt. Ebenso, wie Kontakte zur organisierten Kriminalität. Achmetow hat tartarische Wurzeln, für die Griechen waren die Tartaren früher "die aus der Hölle kommen".

Aber, und das rechnen ihm die Menschen hoch an: Er investiert Teile seines Vermögens in der Region. Und er wohnt immer noch in Donezk.

Schachtjor ist aber nicht sein Spielzeug, wie der FC Chelsea das von Roman Abramowitsch ist. Es ist eine Herzensangelegenheit und es bleibt sein Bezug zur Heimat. Hier regiert noch immer der Bergbau, heute wird noch in 17 Zechen abgebaut, fünf Stahlwerke gibt es.

Gegenentwurf zu Barca

Achmetow will damit nichts zu tun haben. Schachtjor ist sein Vorzeige-Projekt. Mit sozialen Projekten und Geldern für den Aus- und Umbau von Schulen macht er sich beliebt - und lockt damit die Leute ins Stadion. Mehrere hundert Millionen Euro hat Achmetow seit 1995 bereits in den Klub gesteckt, dazu hat er das Jugendinternat des Klubs bauen lassen.

Dessen Nachhaltigkeit hält sich aber noch sehr in Grenzen: Yaroslav Rakitskiy ist eins der wenigen Talente aus eigener Produktion, das den Sprung in den Profibereich geschafft hat. Genau genommen ist er der einzige. Aber die Jugendakademie erleichtert immerhin das Gewissen.

In dieser Hinsicht ist der Klub der pure Gegenentwurf zum Kontrahenten aus Barcelona, dessen halbe Startelf aus Spielern der "La Masia" besteht und mit dem sich Schachtjor Donezk am Mittwoch im ersten von zwei Spielen um den Einzug ins das Halbfinale der Champions League streitet (20.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Der Erfolg gibt den Machern aber Recht. In den letzten neun Jahren sammelte Schachtjor fünf Meistertitel und holte 2009 den Sieg im UEFA-Cup. In der Königsklasse soll jetzt der nächste große Schritt erfolgen.

Selbst gegen die Übermannschaft aus Katalonien stehen die Chancen dafür gar nicht so schlecht. In der jüngeren Vergangenheit gewann Schachtjor gegen Barca immerhin zweimal. Zuletzt mit 3:2 im Camp Nou.

Der Kader von Schachtjor Donezk

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