Huntelaar: Eine Anomalie des Fußballs

Von Haruka Gruber
Dienstag, 15.02.2011 | 11:16 Uhr
Klaas-Jan Huntelaar steckt beim FC Schalke 04 derzeit in einer veritablen Formkrise
© Getty
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Er ist der "beste Strafraum-Stürmer der Welt" - aber reicht das für Schalke? Rekordeinkauf Klaas-Jan Huntelaar steckt im Formtief. Sollte er sich nicht weiterentwickeln, droht ihm das gleiche Schicksal wie Mario Jardel, Pauleta und Vincenzo Montella. Im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen den FC Valencia (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) kann er beweisen, dass er doch nicht überbewertet ist.

Die einen nennen es Vielseitigkeit, die anderen Flexibilität. Wer sachverständig klingen möchte, bezeichnet es als Polyvalenz. Doch im Grunde meinen sie alle das Gleiche: Die Anforderungen an einen Fußballer haben sich von Grund auf gewandelt. Spezialisten sind  eine aussterbende Gattung, vielmehr ist jeder dazu angehalten, wenn möglich alle Facetten des Spiels zu beherrschen.

Stürmer müssen sich im Moment des Ballverlusts in bissige Kettenhunde verwandeln, ein moderner Innenverteidiger soll sich wiederum nicht nur als Zweikämpfer verstehen, sondern auch als Kreativgeist, der aus der Abwehr heraus das Spiel aufzubauen vermag. Und im Mittelfeld verschwimmt ohnehin seit Jahren die Grenze zwischen Zehner, Achter und Sechser.

Entsprechend außergewöhnlich klingt die Geschichte des Klaas-Jan Huntelaar. Er war lange so etwas wie die Gegenthese zum vorherrschenden Glauben, dass Multidimensionalität eine Grundvoraussetzung für Erfolg im heutigen Fußball ist.

Schalke investiert Rekordsumme

Huntelaar gelang bei Ajax Amsterdam der Durchbruch, spielte für die Weltklubs Real Madrid und AC Milan, bevor Schalke ihn für die Rekordsumme von 14 Millionen Euro ablöste. Obwohl erst 27 Jahre alt, gehört er mit 26 Treffern in 42 Spielen zu den erfolgreichsten Torjägern der niederländischen Nationalelf-Geschichte.

"Endlich haben wir mit Huntelaar einen Spieler, der besser ist als viele andere", sagte Schalkes Trainer Felix Magath nach dem Wechsel. Und Bayerns Louis van Gaal ergänzte:"Im Strafraum ist er der beste Spieler der Welt."

Spätestens nach der zehnten erfolglosen Bundesliga-Partie in Folge jedoch gibt es Zweifel über Huntelaars tatsächliche Wertigkeit auf Schalke. Sein Gespür ist trotz der Flaute weiterhin unbestritten, doch was kann er zum Erfolg der Mannschaft beitragen, wenn ihm wie zuletzt keine Treffer mehr gelingen?

Was kann Huntelaar sonst außer Toreschießen?

Es gibt wohl kaum einen Stürmer im europäischen Spitzenfußball, der sich derart auf ein Talent reduzieren lässt wie Huntelaar. Vom Toreschießen abgesehen offenbart sein Spiel erstaunlich viele Defizite: Er ist nicht besonders schnell, er kann nicht dribbeln, er legt selten Schüsse für Mitspieler auf, er beteiligt sich nicht immer am Pressing.

Selbst das Kopfballspiel, sonst eine Domäne eines Strafraumstürmers, gehört nicht zu seinen Vorzügen, weswegen er auch bei eigenem Ballbesitz als Wandspieler und bei gegnerischen Standards als zusätzliche Abwehrkraft nur bedingt zu gebrauchen ist. Anders als etwa sein Vorgänger Kevin Kuranyi, der mit seiner Kopfball- und Zweikampfstärke auch im eigenen Strafraum enorm wertvoll war.

Dennoch hat Huntelaar weiterhin Magaths Vertrauen und wird im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals gegen den FC Valencia in der Startelf stehen. Ersatzmann Mario Gavranovic wusste zu gefallen, ihm bleibt jedoch zunächst nur die Bank.

Desolate Statistiken

Dabei lesen sich Huntelaar Statistiken desolat - wobei man seine Leistungen in genau zwei Teile ausdifferenzieren muss. Seine ersten zehn Spiele, in denen er immerhin sieben Treffer schoss. Und seine letzten zehn Spiele ohne Torerfolg.

Was auffällt: Huntelaar war anfangs zwar auch nur bedingt im Offensivspiel der Schalker eingebunden, doch immerhin kam er zu Ballkontakten (34,9 im Schnitt) und Torschüssen (3,5 im Schnitt).

In den vergangenen zehn Partien sackten die Werte jedoch ab: auf 25,3 Ballkontakte sowie 2,4 Torschüsse im Schnitt. Dass er in zwei der letzten drei Partien bereits in der Halbzeit ausgewechselt wurde und entsprechend weniger Spielzeit hatte, sollte die miserablen Werte nur teilweise entschuldigen.

Mehr Offensivpotenz bei Oranje

Umso erstaunlicher sind seine Auftritte in der niederländischen Nationalmannschaft. Unbeeindruckt von seinem Schalke-Tief erzielte er in den vergangenen fünf Spielen neun Treffer, was Huntelaar auf die größere Offensivpotenz der Oranje zurückführt. "Bei Schalke bekomme ich nicht so viele Chancen."

26 Tore aus 42 Spielen lesen sich in der Tat beeindruckend und sollten Zeugen seines großen Talents sein. Wobei sich wie immer bei Huntelaar die Frage stellt: Was sagen all die Treffer tatsächlich aus?

Denn nur eins seiner 26 Tore gelang ihm gegen ein Topteam (Frankreich, 2006), sonst traf er nur gegen die kleinen Nationalmannschaften. Bei seiner 9-Tore-Serie hießen drei der fünf Gegner: San Marino, Finnland und Moldawien.

Jardel, Pauleta, Montella - und Huntelaar?

Er selbst mag es womöglich nicht wahrhaben, aber Huntelaar muss aufpassen, nicht zu einem Stereotyp zu verkommen und die Liste an Stürmern fortzusetzen, deren Spielweise zu eindimensional ist für die absolute Spitze.

In den letzten 10, 15 Jahre gab es mit Mario Jardel, Pauleta oder Vincenzo Montella einige Stürmer mit herausragender Trefferquote - dennoch blieb ihnen die ganz große Karriere versagt, weil sie sich eben fast ausschließlich über das Toreschießen definierten.

Huntelaar ist mit seiner Spielweise eine Anomalie im modernen Fußball mit all seinen Anforderungen. Etwas mehr Normalität würde ihm vielleicht nicht schaden.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Valencia: Guaita - Bruno, Ricardo Costa, David Navarro, Mathieu - Banega, Tino Costa, Mata, Joaquin - Soldado, Aduriz

Schalke: Neuer - Uchida, Höwedes, Metzelder, Schmitz - Kluge, Matip - Farfan, Jurado - Raul, Huntelaar

Klaas-Jan Huntelaar im Steckbrief

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