Der Reiz des Unvorhersehbaren

Von Für SPOX in Bremen: Stefan Rommel
Mittwoch, 15.09.2010 | 10:54 Uhr
Zufrieden oder unzufrieden? Marko Marin nach dem Spiel in den Armen von Klaus Allofs
© Getty
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Werder Bremen ist mit einem 2:2-Unentschieden zu Hause gegen Tottenham Hotspur in die Champions League gestartet. Kein befriedigendes Ergebnis, denn ein Heimsieg zu Beginn wäre enorm wichtig gewesen. Aber wieder mal ein Erfolg der Moral, denn nach knapp 20 Minuten hatte Bremen eigentlich schon verloren. Die große Werder-Konstante ist die Inkonstanz.

Werder Bremen ist zurück in der Champions League. Das ist eine schöne Nachricht für Offizielle und Fans der Hanseaten.

Und es ist auch die Gewissheit dafür, dass es wieder eine Mannschaft in den Zirkel der besten Teams Europas geschafft hat, die es versteht, aus ihren Spielen etwas ganz Besonderes zu machen.

18 Minuten waren im Bremer Weserstadion gespielt, als der Gast aus London 2:0 führte und Werder sich ans Ende der Welt zu spielen schien: Ohne Willen und Mut, das ursprüngliche Konzept schon zweimal über den Haufen geworfen und mit einer merkwürdigen Lethargie überzogen.

Bremen - Tottenham in der Analyse: Nur ein halbes Werder-Wunder

Remis ein Erfolg? "Kann mich nicht entscheiden"

Das alles wäre eine Nachricht wert, würde es sich nicht um Werder Bremen handeln. Denn genauso bescheiden und verletzlich, wie sich die Mannschaft fast eine Halbzeit lang bei ihrem Comeback in der Königsklasse präsentierte, fand sie urplötzlich und unerklärlich wieder zurück in dieses Spiel.

Am Ende stand ein 2:2 und keiner der Beteiligten wollte sich zu einer klaren Aussage hinreißen lassen, ob das nun ein gutes oder eher ein schlechtes Resultat war.

"Ich kann mich noch nicht entscheiden, ob ich mich mehr über die Aufholjagd freuen oder über die erste Halbzeit ärgern soll", sagte Trainer Thomas Schaaf.

Großer Ärger über erste Halbzeit

In einem aber waren sich fast alle einig: Es war ein fast schon typisches Werder-Spiel. "Alles, was Samstag gegen die Bayern gut war, war plötzlich weg. Ich habe mich besonders über die Passivität geärgert", fügte Schaaf sichtlich erbost über die Darbietung seiner Mannschaft in den ersten 45 Minuten an.

Da hatte Bremen den gefestigten Gästen so gut wie nichts entgegenzusetzen und so ziemlich jeder fragte sich, welche hier die Mannschaft mit der großen Champions-League-Erfahrung und welche der Novize in der Königsklasse sei.

"So etwas wie in der ersten Halbzeit darf uns einfach nicht passieren", sagte Kapitän Torsten Frings. Das war in der Tat richtig. Aber genauso gut hätte er den Satz vor zwei, drei, vier oder fünf Jahren sagen können, ohne dabei auch nur einen Deut seines Wahrheitsgehalts einzubüßen.

Bremen ist offen für alles

Werder Bremen ist wahrlich schwer in ein Raster zu pressen, aber eines begleitet den Klub offenbar unaufhörlich: Der Reiz des Unvorhersehbaren. Werder bleibt auch im sechsten Jahr in der Königsklasse unter Schaaf offen für alles.

Kaum eine andere Mannschaft wechselt ihren Aggregatszustand während eines Spiels so beständig wie die Bremer, reißt die Spielkontrolle an sich und gibt sie wieder ab, kreiert und gewährt Chancen.

Wiese: Oberliga oder Champions League?

"Die ersten 20 Minuten waren Kasperletheater. Offensichtlich gab es bei uns ein Erschöpfungssyndrom", zürnte Tim Wiese, der die Mannschaft mit zwei Paraden in der ersten Halbzeit im Spiel hielt. "Da habe ich mich gefragt, was hier los ist. Wir spielen hier schließlich nicht in der Oberliga, sondern in der Champions League."

Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber auch schon zweimal hinter sich gegriffen, auch weil ein erfahrener Spieler wie Clemens Fritz sich vom formidablen Gareth Bale immer wieder düpieren ließ. Werder war offenbar erstaunt vom Tempo, das die Spurs in ihren Offensivaktionen an den Tag legen konnten.

Fast so, als ob da eine bessere Kirmestruppe Einzug gehalten hätte ins ramponierte Weserstadion. "Vielleicht haben wir es uns am Anfang etwas zu leicht vorgestellt. Da sind wir im Mittelfeld nicht in die Zweikämpfe gekommen, weil nicht alle mitgearbeitet haben", sagte Frings.

Bremer System sorgt allenthalben für Verwirrung

Es sind die immer alten Probleme bei Werder, denen die immer alten Lösungen folgen. Trainer Schaaf hatte in der ersten Halbzeit zweimal sein System umgeworfen, wobei das mit dem System bei Bremen eh so eine Sache für sich zu sein scheint.

Es wird so viel rochiert und gewechselt und verändert, dass die gängigen Formate allenfalls als Gerüst zu dienen scheinen, die jeweilige Interpretation aber immer den elf Spielern auf dem Platz überlassen scheint.

Mit Ausnahme von Frings und dem früh ausgewechselten Philipp Bargfrede spielte jeder andere Mittelfeldspieler mindestens auf zwei verschiedenen Positionen. Das kann eine Menge Flexibilität bringen und ein Offensivspiel wenig greifbar für den Gegner machen. Es verwirrt aber mitunter auch das eigene Defensivgebilde.

Zu viele Freiheiten für Crouch

Wenn sich also der bekanntermaßen äußerst groß geratene Peter Crouch aus der Spitze löste, um im Mittelfeld als Zielspieler einen hohen Ball zu verwerten, fehlten die Bremer, um den gegnerischen Angriff zu unterbinden.

"Entscheidend waren die zweiten Bälle. Und die haben wir nicht bekommen. Weil auch ein Crouch kann aus 40 Metern kein Kopfballtor machen", sagte Petri Pasanen.

Auch Inter Mailand spielt nur 2:2

Immerhin ist noch nicht viel passiert in Gruppe A, die Konkurrenz aus Enschede und Mailand hat sich freundlicherweise ebenfalls auf ein 2:2  geeinigt. Im Prinzip ist ein Spieltag ohne großes Aufheben vergangen.

Nur werden die kommenden Aufgaben kaum einfacher und eines von drei Heimspielen ist schon absolviert. Die nächste Hürde heißt Giuseppe-Meazza, das Hinspiel bei Titelverteidiger Inter Mailand.

"Inter ist natürlich Favorit. Aber wir können da auch etwas mitnehmen", sagte Bremens Bester, Marko Marin zu später Stunde. "Wir wollen da auch wieder so auftreten, wie Werder immer auftritt." Das kann durchaus als Verheißung gedeutet werden - oder wahlweise auch als Drohung.

Werder Bremen - Tottenham Hotspur: Daten zum Spiel

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