Rubin Kasan im Porträt

Ein Provinzverein erobert Europa

Von Falk Landahl
Mittwoch, 29.09.2010 | 16:04 Uhr
2008 und 2009 durften die Fans von Rubin Kasan den russischen Meistertitel bejubeln
© Getty
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Vor einem Jahr lenkte ein Nobody des großen internationalen Geschäfts mit einem Sieg beim FC Barcelona erstmals das Interesse der breiten Öffentlichkeit auf sich: Rubin Kasan. Am Mittwochabend standen sich die beiden Mannschaften wieder gegenüber. Erneut verloren die Russen nicht.

Bei Salvatore Bocchetti fließen die Tränen. Er kann und möchte seine Trauer nicht verbergen, während er sich von den Spielern, Trainern und Mitarbeitern beim FC Genua verabschiedet.

Von allen, die er bei seinen ehemaligen Arbeitgeber so geschätzt hat. Die Bilder des weinenden Youngsters gehen durch die italienische Presse. Nach zwei Jahren ist das bisher erfolgreichste Kapitel seiner noch jungen Laufbahn beendet, das ihn zum Nationalspieler und WM-Fahrer gemacht hat.

Jetzt geht die Reise weiter zu Rubin Kasan nach Russland und der 23-jährige Innenverteidiger ist furchtbar traurig. Nicht, weil er fortan in einem Land lebt, dessen Sprache er nicht beherrscht und dessen Kultur ihm vollkommen fremd ist, sondern weil Bocchetti seine geliebte Heimat verlässt.

Geld und Champions League als Perspektive

Solche Abschiede sind für Neuzugänge in der Hauptstadt des russischen Islam nicht ungewöhnlich. Die Spieler, die hierher kommen, machen das meistens aus zwei Gründen: Die Perspektive, dauerhaft Champions League spielen zu können und vor allem: Geld.

Medienberichten zufolge verdient Bocchetti nun das Sechsfache seines alten Gehalts in Genua. Auch für seinen Klub hat sich das Geschäft gelohnt.

Während die anderen an ihm interessierten Vereine, unter anderem namhafte Größen wie Juventus Turin und der AC Milan, rund sechs Millionen Euro geboten haben soll, haben die Tartastani zehn Millionen Euro auf den Tisch gelegt, plus Bonuszahlungen im Erfolgsfall.

Ansammlung von Stars

Der Italiener ist der siebte Neuzugang an der Wolga, unter anderen haben auch Carlos Eduardo (1899 Hoffenheim) und Obafemi Martins (VfL Wolfsburg) den Weg hinter den Ural gefunden.

Spieler wie Gökdeniz Karadeniz, der letztes Jahr in Barcelona das 1:0 geschossen hat und der Israeli Bibras Natkho, die zwar international weitestgehend unbekannt sind, sind als Stars ihrer Heimatländer schon länger im hintersten Teil des europäischen Russlands aktiv.

Die klangvollen Neuverpflichtungen bedeuten für den Shootingstar im russischen Vereinsfußball nur die nächste Evolutionsstufe zum europäischen Schwergewicht. Zwar musste man hochklassige Spieler wie Alejandro Dominguez und Aleksandr Bukharow in der Vergangenheit für gutes Geld ziehen lassen, aber der Weg ging im letzten Jahrzehnt trotzdem nur in eine Richtung: Steil nach oben.

2003 stieg man zum ersten Mal in die höchste russische Liga auf, 2008 holte man die russische Meisterschaft und 2009 wurde der FC Barcelona im Camp Nou mit 2:1 geschlagen. Väter des Erfolgs sind gleich zwei: Trainer Gurban Berdiyew, der die Mannschaft mit eiserner Disziplin voran trieb und die Republik Tatarstan. Anders als Zenit St. Petersburg, Dinamo Moskau und Co. profitiert Kasan nicht von einem starken Unternehmen im Rücken, sondern von dem eigenen Land.

Die eigene Provinz als Geldgeber

Die Provinzregierung Tatarstan unter Führung von Mintimer Schaimijew griff dem Klub Mitte der 90er unter die Arme, als wichtige private Unternehmen als Sponsoren abgesprungen waren. Mittlerweile führt der Vizepräsident des tatarischen Parlaments Rubin Kasan, der starke Mann hinter dem Verein ist jedoch Schaimijew.

Der ergraute Politiker wird von allen im Umfeld verehrt. Sein Porträt in Öl ist allgegenwärtig. Man ist dankbar in Kasan, schließlich war der kometenhafte Aufstieg des Provinzvereins nur dank der Gelder und Visionen von Schimijew überhaupt möglich.

Der eigenwillige 73-Jährige rühmt sich dafür, den Slogan "Yes, we can" angeblich erfunden zu haben. Vor einem gewissen Barack Obama, der den Spruch weltberühmt machte. In Tatarstan würde das kein Mensch öffentlich bezweifeln, denn Schimijew hat eine Reihe von Verdiensten vorzuweisen - nicht nur für den Verein. Er trieb die Souveränität der Provinz voran und machte das erdölreiche Tatarstan zu einer russischen Wirtschaftsmacht.

So ist das Projekt Rubin Kasan auch ein weiteres Zeichen an die Bevölkerung, dass die Großen im Land auch an die Kleinen denken und Geld dabei keine Rolle spielt.

Offensive statt Defensive

Seit diesem Sommer wurde die taktische Marschroute in Kasan geändert. Während man 2009 den FC Barcelona mit gnadenloser Defensive besiegen konnte, wurde schon mit den Transfers von Eduardo und Martins ein Zeichen für die Kursänderung gesetzt. Ab sofort wird in der tatarischen Hauptstadt eine offensivere Spielweise gewünscht. Das 4-5-1-System mit der Doppelsechs ist Geschichte, jetzt stehen mit Eduardo, Noboa, Kornilenko und Martins gleich vier Offensivkräfte auf dem Feld.

Wie so oft fordert das neue System jedoch seine Opfer: Nach zwei Meisterschaften in Folge steht man mit vier Punkten Rückstand auf Zenit St. Petersburg nur auf Platz zwei der russischen Premier Liga und in der Champions League setzte es zum Auftakt in Kopenhagen trotz drückender Überlegenheit eine überrraschende Niederlage.

Damit brachte man sich in die wenig komfortable Lage, dass man gegen Top-Favorit Barcelona fast schon punkten musste. Der Das Remis, das am Ende zu Buche stand, war deshalb nicht nur aller Ehren wert, sondern auch enorm wichtig.

Rubin Kasan im Steckbrief

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