Inters Kapitän im Porträt

Javier Zanetti: Der Traum eines jeden Trainers

Von Christian Bernhard
Mittwoch, 19.05.2010 | 23:12 Uhr
Kapitän Javier Zanetti bestreitet im CL-Finale in Madrid sein 700. Spiel für Inter Mailand
© Getty
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Inter-Kapitän Javier Zanetti bestreitet im Champions-League-Finale gegen den FC Bayern sein 700. Spiel im Trikot der Mailänder. Der argentinische Rekordnationalspieler ist ein seltenes Beispiel an Vereinstreue, Fairness und Kontinuität. Die Gegner achten den bald 37-Jährigen, die Inter-Fans verehren ihn. Ein außergewöhnlicher Fußballer im Porträt.

Javier Zanetti kann sich noch ganz genau an seinen ersten Tag bei Inter erinnern. "Ich kam mit einer Plastiktasche in der Hand, in der meine Fußballschuhe waren, im Sommertrainingslager in Cavalese an. Überall wimmelte es von Journalisten, aber keiner hat mich erkannt".

Es war der 28. Juli 1995. Der damalige Inter-Coach Ottavio Bianchi fragte den 21-Jährigen, wo er denn spielen wolle. "'Rechts', antwortete ich. Ich hatte nicht verstanden, dass er damit meinte, an welchen Klub ich gerne ausgeliehen werden wollte", erzählte Zanetti schmunzelnd der "Gazzetta dello Sport".

Giggs schwärmt von Zanetti

Heute, 15 Jahre später, ist Zanetti immer noch bei Inter. Als Kapitän ist er der Kopf und das Herz der Mannschaft, das alleine aber reicht noch nicht. Zanetti ist mehr, er ist das Symbol der Ära Massimo Moratti, einer der ersten Einkäufe des Präsidenten. Und der gelungenste. Zanetti wird von den Gegnern geachtet und von den Fans geliebt. Ein echtes Vorbild. Nicht umsonst heißt es im Sprechchor der Inter-Tifosi für ihren Kapitän, dass er wie Pele dribbelt.

"Javier ist der größte Abwehrspieler, auf den ich in knapp 20 Jahren getroffen bin. Er hat alles: Schnelligkeit, Kraft, Mut, Technik und Spielintelligenz. Und er ist ein überragender Kapitän", schwärmt ManUtd-Legende Ryan Giggs in höchsten Tönen.

Besser kann man "Pupi" nicht beschreiben. Einzig Zanettis Vielseitigkeit und Fairness fehlen in Giggs' Aufzählung. Erst ein einziges Mal sah der Argentinier die Rote Karte - wegen Protestierens. Und es gibt kaum eine Position, die Zanetti noch nicht gespielt hat.

Egal ob als Außenverteidiger auf beiden Seiten, links oder rechts im Mittelfeld, vor der Abwehr oder als offensiver Flügelspieler: Zanetti hat fast überall schon seinen Mann gestanden, er ist der Traum eines jeden Trainers.

Laut Francesco Toldo wäre er auch ein guter Torwart, Zlatan Ibrahimovic traut ihm auch zu, als zweiter Stürmer aufzulaufen. Die einzige Position, auf der er sich nicht wohl fühlt, ist die Bank. Aber da lässt er sich auch nur selten blicken.

"Inters überragender Spieler"

137 Serie-A-Spiele in Serie stand er auf dem Feld, erst dann stoppte ihn im April eine Gelbsperre. "Vielleicht ist er ein Marsmensch", spekulierte die "Gazzetta dello Sport" nach dem Rekord, "unzerstörbar ist er auf jeden Fall".

Verletzungen? Fehlanzeige. Kapitän Zanetti läuft und spielt, spielt und läuft - wie ein Duracell-Hase. Die letzten zweieinhalb Spielzeiten hat er quasi durchgespielt.

"Zanetti steht nicht im Fokus der Öffentlichkeit, aber für mich ist er der überragende Spieler bei Inter. Er agiert sehr unauffällig, aber er spielt jedes Mal und ist ungemein wertvoll. Was ihn auszeichnet: Er verzichtet auf Tricksereien, sondern macht die kleinen Dinge, die die Mannschaft braucht, um Erfolg zu haben. Ohne ihn wäre Inter nie so weit gekommen", sagt Andreas Brehme, der selbst vier Jahre für Inter aktiv war, im Gespräch mit SPOX.

Moratti: "Statt zu altern, scheint er jünger zu werden"

Was macht das Phänomen Zanetti aus? Was macht ihn so stark? Stellvertretend dafür steht eine Szene aus der Champions-League-Zwischenrunde 2002/2003 gegen Leverkusen. Zanetti kommt am eigenen Strafraum an den Ball, verteidigt ihn gegen drei Bayer-Spieler, befreit sich mit mehreren Drehungen aus der Umklammerung der Gegner und leitet mit einem unnachahmlichen Antritt den Konter ein.

Zanetti at his best

Auch heute pflügt Zanetti wie ein Jungspund den Platz rauf und runter - trotz seiner 37 Jahre. "Er ist der Älteste, aber man merkt es ihm nicht an. Er wird von Jahr zu Jahr besser, statt zu altern, scheint er jünger zu werden", sagte Moratti nach dem Gewinn des 18. Scudetto.

"Es stimmt, das ist die beste Saison meines Lebens", pflichtet Zanetti seinem Präsidenten bei - weist ansonsten die Lobeshymnen aber galant von sich und gibt sie an die Mannschaft weiter.

"Wir haben viele Topspieler, aber auch ein große Herz. Ich bin stolz auf dieses Team, das nie aufgibt. Ich höre immer wieder, dass wir das Team mit den meisten Ausländern in Italien sind. Ich sehe aber nirgends auf der Welt eine Gruppe, die das Trikot mit einem solchen Stolz trägt, wie wir. Das ist unser Erfolgsrezept", erzählt Zanetti.

Spiel Nummer 700 in Madrid

In Madrid kann Zanetti seine Inter-Karriere jetzt krönen. Sein 55. Saisonspiel für die Nerazzurri ist nicht nur deshalb ein ganz besonderes, weil es das Champions-League-Finale ist. Es ist auch sein 700. im Inter-Dress.

Damit fehlen nur noch 59 Spiele, um Giuseppe Bergomi an der Spitze der Spieler mit den meisten Einsätzen für Inter abzulösen. "Er scheint jetzt auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu sein, er wirkt wie ein 27-Jähriger. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass er noch fünf bis sechs Jahre spielt", sagt Moratti.

Zanettis Ehefrau Paula glaubt auch, dass er noch "vier oder fünf Jahre" spielt. "Solange er Spaß hat, macht er sicher weiter". Bergomi kann sich schon mal mit dem Gedanken anfreunden, dass er den Rekord bald los ist.

Nur bei der WM wird Argentiniens Rekordnationalspieler nicht am Start sein. So wie Jose Pekerman 2006 verzichtet auch Diego Maradona in Südafrika auf die Dienste Zanettis. Schade. Mehr Typen wie Javier, dem Traktor aus Banfield, würden dem Fußball gut tun.

Javier Zanetti im Steckbrief

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