"Bayern kommt Vorbild Barca näher"

Von Interview: Thomas Gaber
Montag, 19.04.2010 | 19:42 Uhr
Ottmar Hitzfeld trainierte die Bayern von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008
© Getty
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Ottmar Hitzfeld führte die Bayern 2001 zum bisher letzten Champions-League-Triumph, dieses Jahr könnten die Münchner diesen Erfolg wiederholen. Im Exklusiv-Interview mit SPOX spricht er über die Chancen auf ein Weiterkommen gegen Olympique Lyon, Hilfe für Arjen Robben und die Artisten aus Barcelona.

SPOX traf Ottmar Hitzfeld auf einer Veranstaltung von Castrol, dem offiziellen Sponsor der FIFA-WM 2010 in Südafrika. Castrol hat ein System entwickelt, um die besten Spieler der Welt zu bewerten.

SPOX: Herr Hitzfeld, der FC Bayern trifft im Champions-League-Halbfinale auf Olympique Lyon. Sie verbindet mit Lyon eine gewisse Rede von Franz Beckenbauer.

Ottmar Hitzfeld (lacht): Die legendäre Brandrede. Die bleibt natürlich in Erinnerung. Franz Beckenbauer hat uns damals mit einer Altherren-Mannschaft verglichen. Das war eine gewisse Beleidigung. Da war keine Loyalität zu erkennen in der Niederlage. Aber das gehört zum Sport und zu Bayern München. Franz darf eben alles sagen. Ich habe der Mannschaft damals gesagt, sie soll gar nicht reagieren auf diese Rede. Wir haben das ganz gut weggesteckt.

SPOX: Am Ende stand der Champions-League-Titel. Neun Jahre später sind die Bayern endlich mal wieder im Halbfinale. Warum hat das so lange gedauert?

Hitzfeld: Die Bayern waren lange nicht mehr so gut besetzt wie jetzt. Robben, Ribery, Olic, Müller, Klose oder Gomez können ein Spiel entscheiden. Die Qualitäten in der Offensive sind enorm. Dazu spielt Schweinsteiger die Saison seines Lebens. Er ist auf dem Sprung zur Weltklasse. Van Bommel ist ein Leader wie damals Stefan Effenberg. Eine starke Persönlichkeit und hervorragender Stratege im Mittelfeld. Van Bommel ist sich seiner Verantwortung bewusst. Auch die jungen Spieler wie Müller oder Badstuber spielen eine überraschend starke Saison.

SPOX: Aber die Bayern haben schon vier Mal verloren in dieser Champions-League-Saison.

Hitzfeld: Ja, aber sie stehen trotzdem im Halbfinale. Das kann man nur schaffen, wenn der feste Glaube vorhanden ist. Und die Bayern haben in den K.o.-Spielen das nötige Schlachtenglück gehabt. Die Bayern spüren, dass sie etwas Großes erreichen können. Die Euphorie beflügelt enorm.

SPOX: Sind die Bayern in der Lage, das bis zum Ende durchzuziehen?

Hitzfeld: Jede Mannschaft, die ein Halbfinale erreicht, kann den Wettbewerb gewinnen. Der Weg ins Halbfinale ist eigentlich schwieriger. Jetzt sind es "nur" noch drei Spiele bis zum Titel. Der FC Bayern darf sich berechtigte Hoffnungen machen, Champions-League-Sieger 2010 zu werden.

SPOX: Sind die Bayern Favorit gegen Lyon?

Hitzfeld: Ja, aufgrund ihrer überragenden Klasse in der Offensive. Sie haben sehr viel Selbstvertrauen und sind klar im Kopf.

SPOX: Wo lauern die Gefahren?

Hitzfeld: Lyon ist ein unbequemer Gegner. Sie sind defensiv sehr gut organisiert und taktisch gut geschult. Es ist schwer, gegen sie Tore zu erzielen. Diese Erfahrung musste schon Real Madrid machen. Aber Lyon ist nicht so torgefährlich. Sie machen das Spiel nicht, sondern verlassen sich auf Konter. Die Bayern müssen das Bollwerk knacken, ohne die Abwehr zu entblößen. Sie werden 60, 65 Prozent Ballbesitz haben, müssen aber die nötige Geduld aufbringen. Ein 1:0 wäre schon ein gutes Resultat im Hinspiel.

SPOX: Wer Manchester United ausgeschaltet hat, muss auch Olympique Lyon ausschalten. Stimmt diese These und ist der Druck für Bayern nicht dann besonders groß?

Hitzfeld: Der Druck steigt. Die Bayern sind Favorit. Jeder erwartet, dass sie ins Finale kommen. Man hat Manchester ausgeschaltet. Wer ist da schon Olympique Lyon? Das ist eine gefährliche Sichtweise. Aber die Bayern können damit umgehen. Man hat international erfahrene Spieler, die schon Großes erreicht haben.

SPOX: Und man hat einen erfahrenen Trainer. Louis van Gaal kann in seiner ersten Saison das erreichen, was Ihnen 1999 gelungen ist: deutscher Meister zu werden und zwei Finals zu erreichen. Steht da eine neue Ära an?

Hitzfeld: Van Gaal kann das schaffen. Er ist sehr erfahren und hat Höhen und Tiefen erlebt. Er hat der Mannschaft eine Identität gegeben. Es ist van Gaals Stärke, Mannschaften zu formen. Eigener Ballbesitz steht über allem. Da ist sicheres Passspiel elementar. Bayern hat in der Champions League nach Barcelona die beste Passquote. Van Gaal nennt Barcelona stets als Vorbild. Die Bayern kommen ihrem Vorbild allmählich näher.

SPOX: Was fehlt den Bayern noch?

Hitzfeld: Barcelona hat momentan eine perfekte Mannschaft. Messi, Iniesta und Xavi sind für mich Artisten. Messi verschwendet keine Energie. Er läuft immer richtig. Wenn Xavi den Ball hat, weiß Messi, dass er ihn bekommt, indem er einläuft. Dann spielt Xavi den Ball über die Abwehr und schon wird's gefährlich. Messi ist der Beste der Welt, ich sehe ihn zehn Prozent stärker als Cristiano Ronaldo. Man muss aber auch Barcas Defensive erwähnen. Was ein Pique beim 2:0 in Madrid gespielt hat, war Weltklasse.

SPOX: Bastian Schweinsteiger sagte nach dem 7:0 gegen Hannover, noch nie in so einer charakterstarken Mannschaft gespielt zu haben.

Hitzfeld: Das kann ich nachvollziehen. Die Mannschaft ist sehr gut aufgestellt. Die Chemie innerhalb des Teams stimmt. Das ist auch ein Verdienst von van Gaal.

SPOX: Franck Ribery scheint aber etwas unter dem Hype um Arjen Robben zu leiden.

Hitzfeld: Ich glaube nicht, dass Ribery eifersüchtig auf Robben ist. Ein Weltklassespieler freut sich immer, wenn andere Tore schießen. Ribery und Robben harmonieren sehr gut und jeder gönnt dem anderen den individuellen Erfolg.

SPOX: Wie wichtig wäre es für die Entwicklung des FC Bayern, Ribery zu halten?

Hitzfeld: Ich bin ein Bewunderer von ihm und durfte ihn trainieren. Das war ein Highlight. Ribery ist ein großartiger Spieler und ein großartiger Mensch. Er ist technisch perfekt, kann die Mannschaft mitreißen und auch nach hinten arbeiten, wenn er will. Ein Spieler, der geniale Züge hat. Es wäre wichtig für die Mannschaft und die Bundesliga, Ribery in München zu halten.

SPOX: Muss die Mannschaft gedeihen oder sind Verstärkungen nötig? Die ersten großen Namen wie Edin Dzeko sind bereits gefallen.

Hitzfeld: Man muss immer Reizpunkte setzen. Auch wenn man eine sehr gute Saison spielt. Gerade im Erfolg ist es wichtig, Konkurrenzsituationen zu schaffen. Die Mannschaft muss hungrig gehalten werden.

SPOX: Der hungrigste ist derzeit Arjen Robben. Was fällt Ihnen spontan zu ihm ein?

Hitzfeld: Er ist absolute Weltklasse und bekommt in München die Wertschätzung, die er verdient.

SPOX: Welchen Anteil hat Philipp Lahm an Robbens Lauf? In den letzten Jahren hat Ribery von Lahm profitiert. Profitiert jetzt Robben von Lahm?

Hitzfeld: Ja, Robben profitiert von Lahm. Er kann sich austoben, weil Lahm die perfekte Absicherung für einen Spieler wie Robben ist. Lahm ist sehr spielintelligent. Er weiß genau, wann er mitgehen muss und wann er bleiben muss.

SPOX: Ist Lahm rechts sogar stärker als links?

Hitzfeld: Ich sehe ihn nach wie vor auf links einen Tick stärker. Seine Flanken von rechts sind nicht so stark. Aber ein Trainer darf sich glücklich schätzen, wenn er diesen Spieler hat. Diese Diskussion, ob links oder rechts, ist Luxus.

Bayern ist heiß auf Lyon

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