Der unglaubliche Louis

Von Florian Bogner
Montag, 05.04.2010 | 23:00 Uhr
Louis van Gaal hat mit dem FC Bayern München bislang 61,9 Prozent aller Pflichtspiele gewonnen
© Getty
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Seine Gespräche mit den Medien sind stets ein Ereignis, sein gesprochenes "unglaublich" sollte Anwärter auf das Wort des Jahres sein. Und ganz nebenbei träumt der FC Bayern München unter ihm wieder vom Triple. Keine Frage: Der streitbare Louis van Gaal ist dabei, dem FCB schon in seiner ersten Saison den Stempel aufzudrücken. Arjen Robben gibt derweil grünes Licht für Manchester.

Am Ostermontag blieben viele Türen an der Säbener Straße verschlossen. Der Großteil des Personals genoss ohnehin den Feiertag, und obwohl für den FC Bayern in zwei Tagen das Viertelfinal-Rückspiel der Champions League bei Manchester United ansteht, gab Trainer Louis van Gaal seiner Mannschaft ebenfalls großzügig frei.

Im übertragenen Sinne stehen den Bayern in dieser Saison jedoch weiter alle Türen offen. Meisterschaft, Pokal, Champions League: Erstmals seit über einer Dekade haben die Bayern so spät in der Saison noch die Chance auf das historische Triple - und dazu die nötige Form und das Selbstvertrauen, bis aufs Äußerste darum zu kämpfen.

"Wir sind mit Inter Mailand das einzige Team in Europa, das noch in allen drei Wettbewerben vertreten ist", sagte van Gaal nach dem 2:1-Sieg auf Schalke stolz und lobte sein Team: "Es ist unglaublich, aber auch fantastisch, dass diese Spieler das aufbringen können."

Van der Sar ehrfurchtsvoll

Lob, dass sich seine Mannschaft nach zwei Niederlagen gegen Frankfurt und Stuttgart mit den Erfolgen gegen Schalke und ManUtd wieder verdient hat. In den wichtigen Spielen ist der FC Bayern seit Herbst voll auf der Höhe - und erreicht am Ende stets sein Ziel. In Turin, in Florenz, zweimal gegen Schalke und im Hinspiel gegen Manchester.

"Der Geist ist wichtiger als der Körper", sagt van Gaal dazu gerne. Und deswegen weiß er auch, dass ein freier Tag im Kreise der Familie manchmal mehr bringt als eine weitere Trainingseinheit.

Zumal der Trainer seiner Mannschaft damit Vertrauen entgegenbringt, das sie wenn möglich im nächsten Spiel zurückzahlen soll.

Zwei Tage vor dem bis dato wichtigsten Spiel der Saison frei zu geben, ist im Profi-Geschäft jedenfalls nicht normaler Usus. "Ich weiß aber aus Erfahrung, dass er nichts dem Zufall überlässt", sagt Manchesters Torwart Edwin van der Sar vor dem Duell am Mittwoch voller Anerkennung: "Ich habe viel Respekt vor ihm und ich weiß, dass er Bayern optimal vorbereiten wird."

Sammer lobt Bayerns Fitness

Van Gaal hat in seinen zehn Monaten in München auch stets bewiesen, dass er die richtige Abstimmung zwischen Be- und Entlastung findet. Spielerisch haperte es vielleicht das ein oder andere Mal - physisch präsent waren die Bayern in dieser Saison aber immer.

So imponierte der Fitnessgrad der Münchner beim Spiel auf Schalke sogar den sonst eher reservierten Matthias Sammer. "Sie sind topfit - zum jetzigen Zeitpunkt, bei diesen Belastungen, gegen diese Gegner. Das ist großes Kino", meinte der DFB-Sportdirektor.

Van Gaals niederländischer Landsmann van der Sar ist zudem der Meinung, "dass Bayern mental unglaublich stark ist". Das haben die Münchner schließlich schon im Hinspiel bewiesen, als man ein 0:1 noch in einen Sieg umbog. "Dass sie van Gaal als Trainer haben, macht sie noch stärker", stellt van der Sar mit Unbehagen fest.

Stammelf signifikant verjüngt

Natürlich hat der Bayern-Coach in dieser Saison auch schon Fehler begangen. Van Gaal ist jedoch nie zu borniert, seine eigenen Entscheidungen zu hinterfragen und, wenn nötig, zu korrigieren. Ausprobieren, analysieren, ausmerzen - van Gaal beherrscht das wie kein Zweiter und macht dabei auch nicht vor unpopulären Maßnahmen Halt.

Ein Eindruck, den auch Barcelonas Xavi aus van Gaals Amtszeiten in Barcelona (1997-2000 und 2002-2003) noch präsent hat. "Alle Spieler sind gleich. Namen interessieren ihn nicht", sagt der Barca-Mittelfeldspieler heute. Müßig zu erwähnen, dass van Gaal es war, der den jungen Xavi damals zu den Profis holte.

Der Coach hat stets den Anspruch, ein gesundes Gleichgewicht zwischen alten und jungen Spielern herzustellen. Sein Kader-Masterplan sieht stets 22 Profis und drei Jugendspieler vor. So ist es dem Niederländer gelungen, den Altersschnitt der Bayern-Stammelf im Vergleich zum Vorjahr um mehr als drei Jahre zu verjüngen.

Thomas Müller, Holger Badstuber, Diego Contento und David Alaba waren vor einem Jahr selbst Bayern-Fans kaum ein Begriff. In dieser Saison hat das Quartett zusammengenommen bereits 96 Pflichtspieleinsätze absolviert.

Hoeneß: "Große Opferbereitschaft" für van Gaal

Van Gaal spricht häufig von einem Prozess, in dem sich seine Mannschaft befindet. Zu diesem Prozess gehört auch, nicht allein von Individualisten zu leben. "Wir sind nicht so abhängig von Ribery und Robben, wie viele denken", meinte van Gaal kürzlich.

Deswegen beruft er seine verletzungsanfälligen Stars auch nur ins Team, wenn die Fitness stimmt. "Ich stelle nur Spieler auf, die zu hundert Prozent fit sind", lautet ein weiterer Grundsatz des Trainers. Auch wenn die Leistungsdichte im Kader hoch ist - gemuckt wird in dieser Saison so gut wie nie.

"Die Spieler haben mich immer gemocht, vom ersten Tag an. Ich war sehr kritisch, sehr hart die ersten drei Monate, aber sie haben mich immer gemocht", berichtete van Gaal im Februar im Interview mit der "Welt". Uli Hoeneß sprach nach dem zweiten Schalke-Spiel von "großer Opferbereitschaft", die das Team unter van Gaal zeige.

Die Sache mit den komischen Klamotten...

Es läuft also alles wie geschmiert bei den Bayern - doch noch ist nichts gewonnen. Dass man bis dato noch nichts erreicht hat, was den Briefkopf dauerhaft schmücken könnte, ist aber allen Beteiligten bewusst. Mark van Bommel zum Beispiel, von Natur aus eher Realist denn Fantast.

"Wir dürfen jetzt nicht in die Stadt gehen und komische Klamotten kaufen, sondern müssen zu Hause bleiben und die Beine hochlegen", sagte der FCB-Kapitän.

Mit dieser Metapher spielte van Bommel zum einen auf den freien Tag an, den seine Kollegen zum Relaxen nutzen sollten. Zum anderen passte sie aber auch ganz gut zum Sportlichen. Einen Schritt nach dem anderen. Und erst feiern, wenn die Titel eingetütet sind.

Robben und van Buyten fliegen mit

Ganz so ruhig und beschaulich ging es am Ostermontag an der Säbener Straße übrigens dann doch nicht zu. Zum einen hatten trotz des ausgefallenen Trainings rund 70 Fans den freien Montag doch zur Stippvisite am Bayern-Trainingszentrum genutzt, zum anderen war auch van Gaal da, um sich nach dem Fitnessstand zweier angeschlagener Spieler zu erkundigen.

Arjen Robben und Daniel van Buyten absolvierten je eine individuelle Einheit. Bei van Buyten hieß das: Behandlung am geprellten Knie und dann Lauftraining. Robben trainierte nach überstandener Wadenverletzung sogar schon wieder mit Ball. Und der Außenstürmer vermeldete hinterher mit Blick auf Manchester: "Es sieht sehr gut aus."

Ob der Rest der Bayern derweil doch in die Stadt ging, um sich komische Klamotten zumindest im Schaufenster anzusehen, ist nicht überliefert.

Zweiter Sieg auf Schalke: Bayern sticht

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