Gross, Lehmann und der X-Faktor

Von Stefan Rommel
Dienstag, 23.02.2010 | 17:00 Uhr
Christian Gross absolvierte 1978 ein Länderspiel für die Schweizer Nationalmannschaft
© Imago
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Mehr Underdog geht kaum: Der VfB Stuttgart erwartet den großen FC Barcelona im Achtelfinale der Champions League (20.30 im LIVE-TICKER und auf SKY) und scheint chancenlos gegen das Wunderteam aus Katalonien. Aber es gibt vage Hoffnungsschimmer. Nicht viele, aber immerhin...

Ruud van Nistelrooy trabte gelangweilt durch die Katakomben, sein MP3-Player blies die sanften Klänge der Brit-Hopper Massive Attack durch die Kopfhörer.

So sieht es also aus in Stuttgart. Kaltes Wetter, nettes Stadion, ein bisschen Daimler-Benz. Und ach ja, da war ja noch das Spiel. Van Nistelrooy logierte mit den Giganten von Manchester United beim VfB.

Erinnerungen an Manchester

Eine kurze Stippvisite war geplant und selbstredend drei Punkte gegen den unbekannten Emporkömmling aus Deutschland. Der vergnügliche Betriebsausflug endete für die Red Devils mit einem bösen Erwachen. Der VfB Stuttgart dagegen hatte sich auf Europas Landkarte geschossen. "Wir waren arrogant und überheblich", musste van Nistelrooy nachher gestehen.

"Wir waren unverkrampft und hatten nichts zu verlieren. Der Teamgeist war toll und wir sind völlig locker in die Partie gegangen", erinnert sich SPOX-Kolumnist und Zeitzeuge Andreas Hinkel. "Als wir den Platz vor dem Spiel besichtigt haben, kamen plötzlich auch die Stars von ManU auf den Rasen. Aber da war keine Ehrfurcht bei uns zu spüren. Wir waren heiß wir Frittenfett!"

Das 2:1 vom Oktober 2003 gilt bis heute als eine der Sternstunden der durchaus lebhaften 117-jährigen Vereinsgeschichte. Heute (20.30 im LIVE-TICKER und auf SKY) soll eine weitere dazukommen. Der FC Barcelona ist zu Gast, es geht um den Einzug ins Viertelfinale der Champions League. Es ist nicht viel, was für den VfB spricht, aber eine Handvoll Aspekte machen dennoch Mut.

1. Barcas Hochmut als Hoffnungsschimmer: Die beste Mannschaft der Welt, der Titelverteidiger, Zlatan Ibrahimovic, Andres Iniesta, Lionel Messi. Die Herausforderung kann größer nicht sein. Und kaum kleiner die Chance aufs Weiterkommen.

In den acht Partien des Achtelfinales ist die Paarung Stuttgart gegen Barcelona jene, die am wenigsten Beachtung findet. Das Feld ist bestellt. Die Alles-Gewinner aus 2009 gegen eine Mannschaft, die in der ersten Halbserie so ziemlich alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann.

Die einen Trainer verschlissen, die eigenen Fans aufgebracht und sich nur auf Grund der frappierenden Schwäche der Konkurrenz in seiner Vorrundengruppe überhaupt erst für die Runde der letzten 16 qualifiziert hat.

Wie immer wird das Spiel bei Null zu Null beginnen und mit je elf Spielern auf beiden Seiten. Aber selbst das macht wenig Hoffnung. Die Spanier werden dem VfB spielerisch, läuferisch und in ihrer individuellen Besetzung klar überlegen sein.

Puyol warnt vor Stuttgart

Als engster Verbündeter der Stuttgarter bleibt daher ein unsichtbarer Wegbegleiter. Die mögliche Überheblichkeit des FC Barcelona. Wohl selten zuvor hat sich der Ausgang einer VfB-Partie so über die Einstellung seiner Protagonisten zum Spiel definiert.

Leidenschaft ist ein Schlagwort in diesen Tagen. Dass der VfB diese aufbringen kann, ist unstrittig. Aber ob Barca das Feuer auf dem Rasen zulassen wird, hängt schlicht von den Spaniern ab. Deren Kapitän Carles Puyol jedenfalls warnt. "Wenn wir nicht aufpassen, erleben wir ein böses Erwachen. Das ist eine andere Mannschaft als noch vor ein paar Wochen."

Zuletzt hat der VfB mit 5:1 beim 1. FC Köln gewonnen. Barcelona konterte die minimale Kampfansage mit einem unverschämt leichten 4:0 gegen Racing Santander.

"Ich glaube nicht, dass Barcelona jetzt plötzlich Angst vor uns hat", sagte Sportvorstand Horst Heldt nach dem Spiel in Köln. "Ich hoffe, dass sie uns auf unerhörte Art und Weise unterschätzen werden", vergaß er wohl dazu zu sagen.

2. Der Trainer als Waffe: Neben dem unberechenbaren Faktor Leichtsinn ruhen die Stuttgarter Hoffnungen auf einem, der nur mittelbar ins Geschehen eingreifen kann. Von Christian Gross und dessen Motivationskünsten zehren die Fans, sie geben der vagen Hoffnung auf ein Wunder ein bisschen Nahrung.

Gross versteht es wie kaum ein anderer Trainer in der jüngeren VfB-Vergangenheit, seine Spieler zu lesen und sie für eine bestimmte Aufgabe größer zu machen, als sie tatsächlich sind.

In den Trainingseinheiten und danach am Fernsehgerät bastelt er sich seine Elf zusammen, abgestimmt auf den Gegner und ohne Rücksicht auf große Namen.

Nach der vermeidbaren Niederlage gegen den HSV war er fuchsig geworden, "wenn wir verlieren, obwohl der Gegner nicht besser war, explodiere ich", sagt Gross von sich selbst.

"Drei Tore sind zu viel. Wir haben dementsprechend gearbeitet", sagte der Schweizer unter der Woche. Seine Mannschaft hatte seine Aggressivität in den Trainingseinheiten vor dem Köln-Spiel gespürt und setzte die unmissverständliche Forderung nach Rehabilitation eindrucksvoll um.

3. Härte am Rande der Legalität: Gegen Barcelona aber bedarf es etwas mehr als ein paar gezielter Flankenläufe und eines filigranen Cacau. Der VfB benötigt ein robustes, bisweilen hartes Spiel am Rande der Legalität. Der FC Chelsea hat es letzte Saison vorgemacht, wie man Barcelona mit kluger Raumaufteilung, Bissigkeit im Zweikampf und schnellem Umkehrspiel in der Offensive den Nerv rauben kann.

Anschauungsunterricht gaben zuletzt der AC Florenz in München und vor allem Olympique Lyon gegen Real Madrid.

Da trifft es sich ganz vorzüglich, dass Gross ein Verfechter eben jenes Spielstils ist. Denn zu was Barca im Stande ist gegen einen Gegner, der meint locker mitspielen zu können und den süßen Geruch der naiven Euphorie versprüht, durften die Bayern bei ihrer Tracht Prügel im letzten April auf sehr radikale Art erfahren.

4. Lehmanns Rache: Ein dritter Faktor ist Jens Lehmann. Der 40-Jährige hat wohl nur noch 13 Pflichtspiele als Profi vor sich, ehe seine Karriere im Mai ihr Ende findet. Und mit Barca hat er schließlich noch eine ganz persönliche Rechnung offen.

2006 zauberte er den FC Arsenal mit unfassbaren Paraden in den Viertelfinals gegen Real Madrid und in den Halbfinals gegen Villarreal ins Finale von Paris. Dort war nach 18 Minuten und einer Roten Karte vorzeitig Schluss, die Gunners verloren 1:2. "Das werde ich mit ins Grab nehmen", sagte Lehmann damals. Jetzt kann er den Ballast deutlich erleichtern.

Denn, oh Wunder, auf der Position des Torhüters scheinen die Schwaben tatsächlich besser besetzt zu sein. Angesichts Lehmanns Eskapaden in der Vorrunde mag man das zwar nur schwer glauben, unterm Strich dürfte es doch seine Richtigkeit haben.

Victor Valdes ist ein solider Keeper, aber er gewinnt Barca so gut wie nie ein Spiel. Weil er nur selten muss und weil er schlicht die einzige kleine Schwachstelle im Team der Unfehlbaren ist.

5. Xavi: Es bleiben nicht viele Punkte, aus denen der VfB Stuttgart Zuversicht schöpfen kann. Auch die personelle Situation bei Barca hat sich entspannt. Letzte Woche noch schwer gebeutelt, packte der Titelverteidiger fast alle seine Stars mit in den Flieger nach Stuttgart. Die zuletzt angeschlagenen Dani Alves und Zlatan brahimovic erhielten grünes Licht. Fehlt einzig und allein Regisseur Xavi wegen anhaltender hartnäckiger Muskelprobleme.

Am Sonntag befasste sich die spanische Presse erstmals eindringlicher mit dem Thema FC Barcelona und Champions League.

Mit eher mittelmäßigem Erfolg. Barcas Hauspostille "Sport" jedenfalls wollte es nicht zu genau nehmen. Das nächste vermeintliche Opfer der katalanischen Streitmacht wurde als VFB Sttutgart vorgestellt.

Hleb: "Unsere Chancen stehen bei 10 Prozent"

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