Stuttgarts Gegner: Unbekannt und unbequem

Von Stefan Rommel
Dienstag, 18.08.2009 | 16:02 Uhr
Keinen Geringeren als UEFA-Cup-Sieger Donezk schaltete Timisoara in der CL-Quali aus
© Imago
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Der FC Timosoara ist ebenso unbekannt wie unbequem. Als Antipoden der kommunistischen Klubs aus Bukarest im Ceaucescu-Regime haben die Violetten überleben gelernt - mit ein paar Petrol-Millionen und den heißblütigsten Fans des Landes im Rücken.

1300 Kilometer sind es bis ins vermeintliche Glück. Oder 16 Stunden Busfahrt. Für den VfB Stuttgart startet heute Abend (JETZT im LIVE-TICKER) das dritte Abenteuer in der Champions League. Wobei das Abenteuer so wörtlich wie noch nie zu nehmen ist.

Auf eine Expedition in den äußersten Westen Rumäniens begeben sich rund 800 VfB-Fans, der große Teil davon gesponsert von einem 29-Euro-Angebot des Vereins für eine ruckelige Busfahrt samt Eintrittskarte. Auf nach Timisoara.

Die zweitgrößte Stadt Rumäniens ist im europäischen Zirkel der ganz Großen der totale Nobody. Rund 320.000 Menschen leben in der Hauptstadt der Region Banat, ein Zehntel davon sind Mitglieder beim ganzen Stolz der Stadt.

Lediglich zwei Pokalsiege

Der FC Timisoara ist seit über 70 Jahren Aushängeschild und Trutzburg in einem. In den finsteren Jahren der Ceausescu-Diktatur war der FC das Gegenstück der kommunistischen Klubs aus Bukarest.

Wie in vielen anderen Ostblock-Staaten hielt sich die politische Führung auch in Rumänien ein Spielzeug, mit dem Ziel der sportlichen Reputation im Ausland. Dinamo Bukarest war der Verein der berüchtigten Geheimdienstes Securitate, Steaua der Liebling von Nicolae Ceausescu.

Die Meistertitel gerieten zu reinen Stadtmeisterschaften, ein Exot wie Timisoara hat trotz 78-jähriger Geschichte nur zwei dürre Pokalsiege auf dem Briefkopf stehen. Aber die Öffnung der Märkte und zuletzt der Beitritt Rumäniens in die EU (2007) verschoben die Kraftverhältnisse - wenn auch erst mit rund 15 Jahren Verzögerung.

Balkan Petroleum steigt ein

Bukarest und damit seine Fußball-Klubs sind längst eingeholt worden von Vereinen wie Cluj oder eben Timisoara. Seit einigen Jahren erlebt die Stadt an der ungarischen Grenze einen regelrechten Wirtschaftsboom. Vollbeschäftigung ist dort keine hohle Phrase mehr. Im Niedriglohn-Land Rumänien ist Timisoara das prosperierende Glanzlicht.

Bereits vor fünf Jahren erkannte der Mineralöl-Konzern Balkan Petroleum das schlummernde Potenzial der Region und des ansässigen Fußball-Klubs und stieg beim Nachfolger von Poli Timisoara ein.

Aus dem ehemaligen Societatea sportiva Politehnica (Sportverein der Technischen Universität), 1921 von einem Mathematikprofessor gegründet, machten die Millionen aus dem schwarzen Gold eine feste Größe im rumänischen Fußball.

Sechs-Punkte-Abzug nach Umbenennung

Nach dem ersten Auftritt auf europäischer Bühne im letztjährigen UEFA-Cup wurde Timisoara in der Liga Zweiter - der Titel wurde erst am letzten Spieltag verspielt.

Doch vor das Abenteuer Champions League hatte die FIFA noch etliche Gerichtsverfahren gelegt. 2008 hatte sich der Klub offiziell in FC Timisoara umbenannt, wollte jedoch die Traditionsfarben Violett und weiß nicht aufgeben.

Der FIFA und dem rumänischen Verband suggerierte dies offenbar zu viel Nähe zum Vorgängerklub Poli Timisoara. Die Folge war ein Sechs-Punkte-Abzug nach der Saison und damit der Sturz von Platz zwei und dem CL-Qualifikationsrang.

"Wir sind eine homogene Mannschaft"

Erst Mitte Juni hob der internationale Gerichtshof CAS das Urteil wieder auf und Timisoara durfte in der Champions-League-Qualifikation ran. Die Mannschaft ohne Stars warf dort den UEFA-Cup-Sieger Schachtjor Donezk aus dem Rennen.

Unaufgeregt, nüchtern, fast schon italienisch. Dem 2:2 aus dem Hinspiel in Donezk folgte eine 90-minütige Abwehrschlacht. Am Ende stand ein 0:0 und der größte Erfolg auf internationaler Bühne.

"Wir sind eine homogene Mannschaft und verstehen uns untereinander sehr gut. Viel mehr möchte ich aber nicht verraten. Nur soviel: Wir haben uns gegen den amtierenden UEFA-Cup-Sieger für die Playoff Spiele qualifiziert. Das sollte einiges über unsere Stärke sagen", sagt Stürmer Gueye Mansour über seine Billigtruppe.

Reha in Stuttgart

Mit acht Millionen Euro liegt der Etat in etwa in der Größenordnung eines mittelklassigen deutschen Zweitligisten.

Mansour ist derzeit wegen eines Kreuzbandrisses außer Gefecht - und bereitet sich wie drei andere Teamkollegen ausgerechnet in der Reha-Welt des VfB Stuttgart auf sein Comeback vor. Der Kontakt kam durch den ehemaligen VfB- und Poli-Spieler Viorel Ganea zustande.

Der sieht seine Landsleute sogar eher in der Favoritenrolle. "Ich denke, dass Timisoara gute Chancen hat, weiterzukommen. Sie sind stark, nicht unbedingt wegen ihrer Einzelspieler, sondern vielmehr weil sie ein sehr gutes Kollektiv bilden. Vor allem ihre schnellen Stürmer Georghe Bucur und Winston Parks sind bei den Kontern sehr gefährlich.

"Es wird eine Schlacht"

Also wird Trainer Ioan Sabau auch im wichtigsten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte reinen Ergebnis-Fußball italienischer Prägung spielen lassen. Sabau war selbst sechs Jahre lang Profi bei Brescia Calcio und dem AC Reggina. Das Wort Spektakel kennt der 41-Jährige nicht. Ganz im Gegensatz zu den Fans.

32.000 dürfen ins Stadion Dan-Paltinisanu. Sie gelten als die heißblütigsten des Landes, die Ultra-Gruppierung Comando Viola Ultra Curva Sud als eine der fanatischsten auf dem Balkan.

Für den VfB und seine Fans wird es die sprichwörtliche Reise ins Ungewisse. "Es wird eine Schlacht", verspricht Trainer Sabau. Die Schlacht um Europa. Die Schlacht um einen Platz unter den Besten der Besten.

Playoff-Hinspiel Timisoara vs. Stuttgart: Nicht locker flockig - übel!

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