Der Rollenspieler

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 06.05.2009 | 15:07 Uhr
Der Schützling und sein Mentor: Ballack hat sein Spiel unter Hiddink umgestellt
© Getty
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Ein Star im Wandel der Zeit: Nach drei Jahren der Suche hat Guus Hiddink den perfekten Platz für Michael Ballack beim FC Chelsea gefunden. Der 32-Jährige blüht in seiner neuen Rolle sichtbar auf und gilt im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona als Schlüsselspieler der Blues.

Für Jose Mourinho war die Sache klar. Der Portugiese setzte sein überlegenstes Lächeln auf und hauchte ins Mikrophon. "Wir sind ein Team von Champions. Und um ein Team von Champions noch besser zu machen, brauchen wir Champions."

Fast genau drei Jahre ist das jetzt her. Der überlieferte Satz stammt aus jener Pressekonferenz, auf der Michael Ballacks Wechsel von Bayern München zum FC Chelsea publik wurde.

Ballack in neuer Rolle

Die Blues hatten zum zweiten Mal in Folge die Premier League gewonnen, nur: In der Champions League war erneut schon im Achtelfinale Schluss. Genau das aber war der Auftrag an Mourinho: Der Triumph im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt.

Also durfte "The Special One" einkaufen gehen und sicherte sich einige Wochen vor der WM 2006 die Dienste des damals torgefährlichsten Mittelfeldspielers der Welt.

Seitdem ist einiges passiert beim FC Chelsea, nur auf den Sieg in der Königsklasse warten die Blues bis heute. Im Halbfinal-Rückspiel gegen den FC Barcelona (Mi., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) soll der nächste - und vermutlich auch größte - Schritt auf dem Weg ins Glück getätigt werden. Mit einem Ballack in einer völlig neuen Rolle.

(K)ein zweiter Lampard

Als Chelsea den Deutschen zum Transfer überredete, stand Ballack auf der Höhe seines Schaffens. 29 war Ballack damals und noch nie schwer verletzt. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief seine Laufbahn wie auf dem Reißbrett gezeichnet. Chemnitz, Kaiserslautern, Leverkusen, München, Chelsea. Ballack erklomm immer die nächste Stufe, die Stationen waren dem Karriereplan angemessen.

Nur haftete Ballack hartnäckig der Makel des ewigen Zweiten an. Deutscher Meister war er und Pokalsieger, aber die wirklich wichtigen Trophäen holten andere. Deshalb der Schritt zum FC Chelsea, mit seiner eingespielten Mannschaft, mit dem vom Erfolg besessenen Trainer und den Abermillionen des Roman Abramowitsch in der Hinterhand.

Ein zweiter Frank Lampard sollte er in Mourinhos System werden. Technisch beschlagen, aggressiv, kopfballstark, torgefährlich. Ein Spieler, der 90 Minuten dem Ball hinterherjagt und der Mannschaft die paar Prozent mehr Qualität verleiht, die im großen Fußball den Unterschied machen.

Fehler im System

Ballack transportierte sein Münchener Spiel nach London - und fand damit lange Zeit keinen Anschluss. Trotz respektabler Statistiken hatte der Deutsche innerhalb der Mannschaft gegen die Platzhirsche Lampard und John Terry keine Chance.

"Mourinho, danach Avram Grant und später Luiz Felipe Scolari bemerkten den Fehler im System nicht", sagt Matt Hughes.

Hughes reist dem FC Chelsea seit sieben Jahren hinterher und schreibt mittlerweile für die renommierte "Times", er hat fünf Trainer und rund drei Dutzend Spieler kommen und gehen sehen.

"Ballack wurde als Superstar gekauft. Dabei war diese Mannschaft schon längst eine Ansammlung an Stars. Er sollte ein großes Rad im Stellwerk der Blues sein. Aber das konnte so nicht funktionieren."

Der "Hiddink-Effekt"

Der Wandel kam spät und er kam aus Moskau. Guus Hiddink ersetzte den glücklosen und von den Spielern längst nicht mehr akzeptierten Scolari, der unter anderem zu Ballack ein sehr angespanntes Verhältnis hatte. "Im Prinzip war da gar kein Verhältnis mehr", wie Hughes erklärt. "Hiddink wurde aber schnell zum Türöffner."

Der Niederländer und sein Co Ray Wilkins erkannten schnell, wie und wo sie die meiste Verwendung für den mittlerweile 32-Jährigen haben und reformierten dessen Spiel. Ballack ist längst nicht mehr so spritzig wie vor vier, fünf Jahren, aber er ist gereift.

Also stellte Hiddink die Anforderungen um, fordert mehr Strategie, auf Kosten der Torgefahr. Ballack nimmt sich nur noch vereinzelte Vorstöße bis in die Spitze, dafür haben die Blues ja immer noch Lampard - dem der Deutsche im Dreieck mit Michael Essien dafür den Rücken freihält. In 41 Pflichtspielen hat er erst vier Tore erzielt - selbst zu seiner Zeit als Ergänzungsspieler in Kaiserslautern vor zehn Jahren traf er häufiger.

Ballack selbst spricht vom "Hiddink-Effekt", der Chelseas Spiel berührt habe. Aber im Prinzip meint er damit auch sein eigenes Auftreten, das unter dem Niederländer weniger spektakulär, dafür aber umso effektiver ist.

Ballack nimmt sich zurück

Ballack ist clever genug, sich auf den Ratschlag Hiddinks zu verlassen, er respektiert den 62-Jährigen und dessen Masse an Erfolgen. Ballack weiß selbst am besten, dass er - der ewige Zweite - nicht mehr allzu viele Chancen bekommen wird, ein großes Finale zu gewinnen. Er nimmt sich selbst zurück, um dem Team damit den größtmöglichen Nutzen zu bereiten.

Im Hinspiel im Camp Nou gab er nur einen einzigen Torschuss ab, beging aber nach Obi Mikel die zweitmeisten Fouls (4) überhaupt. Seine Laufleistung lag mit 11,4 Kilometern zwei Kilometer über dem Durchschnitt der gesamten Mannschaft.

Gegen Barca war Ballack zusammen mit Essien Hiddinks Eckpfeiler. Der Deutsche hat sich dabei Barcas Herz gepackt, die Spielmacher Xavi und Andres Iniesta. "Auch im Camp Nou waren die Chefs andere,  Ballack aber war ‚indispensable', unverzichtbar", sagt Dominic Fifield, Chelsea-Insider des "Guardian".

"Die Blues haben vor drei Jahren einen Superstar mit all seinen Stärken und Schwächen geholt - und haben sich jetzt einen perfekten Rollenspieler herangezogen."

In zweiter Reihe hinter den Platzhirschen

Da stören auch die Kommentare aus der Heimat wenig. Erst vor einer Woche hatte Lothar Matthäus Ballack als "reinen Mitläufer" deklariert. Franz Beckenbauer sagt, ihm falle Ballack im Spiel kaum noch auf.

"Das ist Nonsens. Wer genau hinsieht, erkennt sofort den Stellenwert Ballacks für die Mannschaft. Und zum Thema Standing: Er hat sich in der zweiten Reihe hinter den Chelsea-Legenden Terry und Lampard mit Spielern wie Cech, Drogba oder Carvalho längst etabliert", sagt Fifield.

Vielmehr habe es Hiddink wie bei Drogba oder Florent Malouda geschafft, einen seiner wichtigsten Spieler aus dem Tief zu holen und eine Mannschaft voll starker Egos in ein Kollektiv umzufunktionieren. Aber nicht nur Hiddinks feines Gespür für die Situation ist der Grund für den Wandel der Stars.

Spielen für den Anschlussvertrag

"Nicht rein zufällig zeigen viele Spieler im April oder Mai ihre besten Leistungen. Schließlich wird dort über die Verträge für die kommenden Jahre verhandelt", kennt Hiddink den einfachen Grund. "Und wenn der Vertrag eines Spieler ausläuft, dann muss er eben Leistung zeigen."

So wie Ballack. Dessen Kontrakt endet am 30. Juni diesen Jahres, Chelsea wird die Option für ein weiteres Jahr wohl ziehen. Ballack aber würde immer noch gerne bis 2011 unterschrieben.

Klub-Eigner Abramowitsch verlässt sich bei jedem einzelnen Vertragsgespräch zu hundert Prozent auf Hiddinks Einschätzung - auch wenn der ab Sommer gar nicht Trainer an der Bridge sein wird.

"Ballack spielt wie Drogba, Malouda oder Ivanovic natürlich auch um seine persönliche Zukunft bei den Blues", sagt "Times"-Redakteur Hughes. "Es wird ein heißer Sommer werden. So oder so. Aber der Gewinn der Champions League könnte als Verhandlungsbasis durchaus hilfreich sein."

Michael Ballack im Steckbrief

 

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