Bilanz als Bayern-Trainer

Klinsmanns Methodik greift

Von Für SPOX in Florenz: Thomas Gaber
Mittwoch, 05.11.2008 | 13:07 Uhr
Jürgen Klinsmann, Bayern-Trainer, Bilanz
© Imago
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Jürgen Klinsmann hatte einen schweren Einstand als Bayern-Trainer. Doch nach vier Monaten Amtszeit steht fest: Klinsmann hat auch vieles richtig gemacht. Einen ersten Teilerfolg hat er mit dem 1:1-Remis beim AC Florenz fast geschafft. Der Einzug ins Achtelfinale der Champions League ist nahezu perfekt.

Vor gut einem Jahr beging Ottmar Hitzfeld einen folgenschweren Fehler. Der damalige Trainer des FC Bayern München hatte im UEFA-Cup-Spiel gegen die Bolton Wanderers beim Stand von 2:0 Franck Ribery ausgewechselt.  

Ohne ihren Star-Franzosen kassierten die Bayern noch zwei Tore, was Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge veranlasste, dem Mathematiklehrer Hitzfeld öffentlich die Unvereinbarkeit von Rechenspielen und Fußball klarzumachen.

Was Rummenigge damals nicht ahnte: Er hatte Hitzfeld sportlich exekutiert. Kurz vor Weihnachten warf der gekränkte Hitzfeld das Handtuch, der Boulevard verlieh Rummenigge den martialischen Beinamen "Killer-Kalle".

Klinsmann als "spiritus rector"

Immerhin gewährte Hitzfeld dem Bayern-Boss noch Zeit, einen geeigneten Nachfolger zu suchen. Jürgen Klinsmann bekam den begehrten Job, eine schnelle und unerwartete Lösung.

"Jürgen Klinsmann polarisiert, der FC Bayern polarisiert - das passt zusammen", sagte Rummenigge nach der Verpflichtung des Ex-Bundestrainers.

Mit Klinsmann sollte vieles anders, aber vor allem vieles besser werden beim FC Bayern. Der deutsche Rekordmeister hatte den Anschluss an die europäische Spitze sukzessive verloren, nationale Titel en masse gaben Hitzfeld und Vorgänger Felix Magath keine Jobgarantie.

"Wir haben einen neuen Stil, neue Ideen gebraucht", sagte Manager Uli Hoeneß und bezeichnete Klinsmann als "spiritus rector" des neuen FC Bayern.

Schwierige Anfangsphase

Seit vier Monaten ist Klinsmann mittlerweile Bayern-Trainer und hat bereits einige Misserfolge erlebt. Er bekam die ungemütliche Stimmung in München mit voller Breitseite zu spüren. Als die Ergebnisse zu Saisonbeginn ausblieben, wurde eine lächerliche Diskussion um Sinn und Unsinn von Buddha-Figuren angezettelt.

Der FC Bayern habe eine Armee voller Trainer und jede Menge neumodischen Schnickschnack, aber keine funktionierende Mannschaft, so der Vorwurf. Die Spieler begehrten gegen die Abkehr des erfolgreich praktizierten 4-4-2 auf und nach dem verhunzten 3:3 gegen den VfL Bochum war Klinsmann bei einigen Fans komplett isoliert.

Bayern bietet Spektakel

Vor dem Auftritt in der Champions League beim AC Florenz bleibt allerdings festzuhalten: Klinsmann hat auch vieles richtig gemacht.

Er hat der Mannschaft binnen kürzester Zeit einen Stil beigebracht, auf den Rummenigge, Hoeneß, vor allem aber die Millionen Anhänger seit Jahren lechzen.

Die Bayern sind mittlerweile in der Lage, über 90 Minuten hohes Tempo zu gehen. Wolfsburg und Bielefeld wurden zuletzt in der zweiten Halbzeit förmlich überrannt. Herauskam jeweils "ein Spektakel, wie ich es lange nicht erlebt habe", sagte Hoeneß.

Für Rummenigge liefert der FC Bayern derzeit das ab, wofür Fußball seiner Meinung nach in erster Linie steht: pure Emotion.

Klinsmanns Philosophie wird aber nicht nur in den eigenen vier Wänden geschätzt. Für Hertha-Manager Dieter Hoeneß ist die Entertainment-Liga das Produkt von Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer: "Er hat einen klaren Trend zum Offensiv-Fußball gesetzt. Es hat etwas gedauert, aber nun wird diese Vorgabe auch in der Bundesliga umgesetzt."

Klinsmann gesteht Fehler ein

Klinsmann ist freilich nicht so naiv, zu glauben, dass bloßes Nach-vorne-rennen eine Garantie für Titel ist. "In der Defensive haben wir noch Nachholbedarf", sagt der Coach. Aus der Gegentor-Flut in der Bundesliga (17 Treffer) hat Klinsmann gelernt. Das instabile 3-5-2 ist Geschichte, vier Verteidiger plus zwei defensive Mittelfeldspieler sind Standard.

"Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn ein Trainer in schwierigen Phasen zu einem erfolgreichen System zurückkehrt", sagte Rummenigge der Münchner "tz".

Es muss Klinsmann positiv ausgelegt werden, dass er Fehler eingestanden und nicht wie zu Bundestrainer-Zeiten stur an seinen Prinzipien festgehalten hat. Er hat erkannt, dass es nicht klug war, mit Mark van Bommel den Kapitän zu diskreditieren, wenngleich sich der Niederländer im Formtief befand.

Taktisches Geschick

Klinsmann weiß, dass er es nicht jedem Spieler recht machen kann, versucht aber, den Luxus-Kader bei Laune zu halten. Langzeit-Bankdrücker wie Tim Borowski, Andreas Ottl, Breno, Toni Kroos oder Lukas Podolski bekommen immer wieder ihre Chance.

Dass Klinsmann darüber hinaus über kluges taktisches Kalkül verfügt, bewies er in der Halbzeit des Wolfsburg-Spiels. Ze Roberto wurde auf die Linksverteidiger-Position beordert,  Borowski mit dem Auftrag aufs Feld geschickt, im Mittelfeld Bälle zu verteilen und immer wieder die Nähe zum Tor zu suchen. Ze Roberto wirbelte fortan gemeinsam mit Ribery auf der linken Seite und bereitete zwei Treffer vor. Eine Vorlage nutzte Borowski zum zwischenzeitlichen 3:2.

Noch kein Rentenvertrag

Bei aller Wertschätzung für seine Arbeit: Auch Klinsmanns Zukunft beim FC Bayern ist von Ergebnissen abhängig. Die Zwischenbilanz sieht rosig aus. Mit einem Sieg in Florenz kann der Einzug ins Champions-League-Achtelfinale perfekt gemacht werden. Und in der Bundesliga stehen lediglich die Hurra-Fußballer aus Hoffenheim und Leverkusen noch vor den Bayern.

Rummenigge betont, dass der FC Bayern erst nach dem 30. Juni 2009 eine Bilanz ziehen werde.

Dann wäre Klinsmann ein Jahr im Amt. Auch wenn ihm von Präsident Franz Beckenbauer der in Glanzzeiten übliche Rentenvertrag noch nicht offeriert wurde, darf man von einer länger währenden Anstellung ausgehen.

Bayern vor dem Florenz-Spiel: Ohne Poldi dem Sturm entgegen

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