Dienstag, 30.09.2008

Bixente Lizarazu exklusiv

"Lyon wird nicht verlieren"

Nach zwei Niederlagen in der Liga hintereinander ist der FC Bayern München auf dem besten Weg in eine Krise. Jürgen Klinsmann ist wegen seiner Totalrotation in Sachen Personal und Spielsystem massiv in die Kritik geraten. Vor dem Duell mit Frankreichs Serienmeister Olympique Lyon in der Champions League (20.30 Uhr im SPOX-TICKER und im Internet TV) spielte der 44-Jährige die Erwartungen an seine Mannschaft herunter.

Bixente Lizarazu Bayern München
© Getty

"Lyon ist technisch sehr beschlagen, kann schnell umschalten und mit ein, zwei Kontakten in die Spitze spielen. Keine einfache Messlatte für uns", sagte Klinsmann am Montag. "Spieler wie Benzema, Fred oder Juninho können ein Spiel alleine entscheiden. Wir müssen hoch konzentriert sein und dürften ihnen keine Chancen erlauben."

Auch Franck Ribery, dessen Aufstellung in der Startelf Klinsmann noch offen ließ, weiß um die prekäre Lage: "Ein sehr wichtiger Tag, ein sehr wichtiges Spiel. Entscheidend ist, welche Mannschaften den größeren Siegeswillen an den Tag legt. Wer von der ersten bis zur letzten Minute mehr Aggressivität zeigt, wird das Spiel gewinnen."

Doch können die Bayern nach den zuletzt enttäuschenden Ligaauftritten und dem zwar erfolgreichen, aber wenig berauschenden Pokal-Intermezzo (2:0 gegen Nürnberg) den Schalter umlegen?

Ernsthafte Zweifel daran hat Bixente Lizarazu. Der Franzose sieht seinen Ex-Klub (1997 bis 2004) in einem Tief und Klinsmann mit seinen Systemumstellungen auf dem falschen Weg. Für Lizarazu geht Lyon als Favorit ins Spiel in der Allianz Arena. Für SPOX analysierte der 38-Jährige die Schlüsselduelle.

Martin Demichelis gegen Karim Benzema

Karim Benzema erzielte in der Liga 6 Tore in 7 Spielen, auch in der CL traf er schon
Karim Benzema erzielte in der Liga 6 Tore in 7 Spielen, auch in der CL traf er schon
© Getty

Bixente Lizarazu: Ich glaube nicht, dass Demichelis Benzema alleine stoppen kann. Er wird dazu die Hilfe von Lucio brauchen. Micho ist der technisch versiertere Spieler, aber langsamer als Lucio. An Klinsmanns Stelle würde ich Lucio auf Benzema stellen und der Brasilianer sollte ihn dann 90 Minuten lang nicht aus den Augen verlieren und höchst konzentriert agieren. Wenn Lucio in Top-Form ist, wird er gegen Benzema gut aussehen. Im direkten Duell ist Lucio schließlich kaum zu packen.

Sein einziges Manko: Er mischt sich zu sehr ins Offensivspiel ein, obwohl es nicht seine Rolle ist. Wenn er sich konsequent und ausschließlich auf seine Defensiv-Arbeit konzentriert, kann er gegen Benzema das letzte Wort haben. Aber wenn Lucio und Micho irgendwann nachlassen sollten, dann wird Benz viel Spaß in der Allianz-Arena haben.

Luca Toni gegen Cris

Der 31-jährige Brasilianer Cris spielte 2003 kurzfristig mal für Leverkusen, seit 2004 ist er in Lyon
Der 31-jährige Brasilianer Cris spielte 2003 kurzfristig mal für Leverkusen, seit 2004 ist er in Lyon
© Getty

Lizarazu: Wenn Cris wieder zur alten Form kommt, wird es für jeden Gegner der Welt schwer, gegen Lyon zu gewinnen. Aber da liegt die Chance der Bayern: Seit seiner schweren Knieverletzung ist der Ex-Leverkusener nicht mehr der Alte. Er braucht noch Zeit und Spielpraxis. Ich denke, dass er sich erst in ein oder zwei Monaten wieder auf absolutem Top-Niveau befinden wird. Ich denke also, dass Toni gut aussehen kann. Es ist unheimlich schwer, gegen Toni zu spielen. Er ist sehr aktiv im Strafraum, arbeitet viel. Er ist ein Tier. Es wird ein sehr wichtiges Duell sein, keine Frage.

Ein fitter Cris ist Lyons wichtigster Spieler und europaweit einer der Besten auf seiner Position. Wenn er trotz allem aber einen guten Tag erwischen sollte, wird es für Toni wahnsinnig schwer sich durchzusetzen. Der Italiener in dieser Saison ja noch nicht so effektiv wie letztes Jahr. Er scheint nicht frisch zu sein.

Franck Ribery gegen Jeremy Toulalan

Der 25-jährige Jeremy Toulalan wechselte 2006 vom FC Nantes zu Olympique Lyon
Der 25-jährige Jeremy Toulalan wechselte 2006 vom FC Nantes zu Olympique Lyon
© Getty

Lizarazu: Man sollte von Franck noch nicht allzu viel erwarten, auch wenn es sich für ihn um eine besondere Partie handelt. Sicherlich wird er 15 bis 20 Minuten wie euphorisiert spielen, aber mehr ist nicht drin. Wenn man so lange außer Gefecht war, kann man nicht so schnell sein altes Niveau wiederfinden. Er braucht Zeit und Spielpraxis.

Erst im Dezember oder im Januar wird er wieder der Alte sein. Er wird ein paar gute Aktionen haben, aber mehr nicht. Dazu wird er noch auf einen starken Gegner treffen: Jeremy Toulalan, der bei Lyon und mittlerweile auch in der französischen Nationalmannschaft eine feste Größe ist. Ein guter Test für Franck, der aber zu früh kommt. Klar wird er auch auf andere Gegner treffen, da er viel rotiert und die Position wechselt, aber er hat noch nicht wieder seinen alten Rhythmus.

Philipp Lahm gegen Sidney Govou

Sydney Govou ging schon mit 17 Jahren zu OL. Sieben Meistertitel hat er gewonnen
Sydney Govou ging schon mit 17 Jahren zu OL. Sieben Meistertitel hat er gewonnen
© Getty

Lizarazu: Die Bayern-Fans haben Govou sicher nicht vergessen: Im März 2001 erzielte er ja einen schönen Doppelpack bei Lyons 3:0-Sieg. Bei diesem Spiel war ich nicht dabei, aber im Nachhinein sieht man, das uns dieser Rückschlag gut tat, denn gut zwei Monate später wurden wir Champions-League-Sieger. Ohne Govou wären wir vielleicht nicht soweit gekommen.

Ein interessantes Duell wartet auf ihn gegen Lahm. Philipp setzt nach vorne immer sehr gute Akzente, aber in der Defensive macht er immer wieder krasse Fehler, wie zum Beispiel bei der EM. Govou versucht ständig zu provozieren, er ist dribbelstark und hat eine gute Entwicklung hinter sich. Beide sind ihren Vereinen treu und Nationalspieler. Auf diesen Zweikampf bin ich gespannt.

Fazit

Lizarazu: Zunächst hoffe ich mal, dass Bayern wieder auf Dauer zum 4-4-2-System zurückkehrt. Das 3-5-2 ist ein Rückschritt. Als ich die Bayern neulich in dieser Formation sah, dachte ich: 'Das kann doch nicht wahr sein! Das ist der verkehrte Weg.' Das hatten wir schon anfangs unter Ottmar Hitzfeld ohne großen Erfolg versucht.

Derzeit steckt der FC Bayern in einem Tief. Große Mannschaften sind immer in der Lage, eine Trotzreaktion zu zeigen. Das zeigte beispielhaft die Bayern-Mannschaft von 2001. Aber ich bin für dieses Spiel eher pessimistisch für die Münchner, denn die 2:5-Blamage gegen Werder Bremen in der Bundesliga sitzt immer noch tief. Das kann man nicht einfach von heute auf morgen wegstecken. So etwas bleibt länger hängen, denn: Das war kein Zufall.

Bayern muss erstmal wieder für Stabilität in der Abwehr sorgen und das 4-4-2-System ständig spielen. Außerdem braucht man einen Ribery in Top-Form. Für Lyon ist es ein guter Zeitpunkt, um gegen Bayern zu spielen. Ich denke, dass Lyon eine schwere Hürde für den deutschen Meister wird, außer Bayern zeigt die von mir angesprochene Trotzreaktion. Aber das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich glaube nicht, dass Lyon diese Partie verlieren wird.

Alle Daten und Fakten zur Bayern-Gruppe F

Mit Bixente Lizarazu sprach Alexis Menuge

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