Eine Wundertüte namens Werder

Von Für SPOX in Bremen: Stefan Rommel
Mittwoch, 17.09.2008 | 08:28 Uhr
Bremen, Werder, Frings, Mertesacker, Champions League, Famagusta
© Getty
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Ernüchternder Auftakt für den SV Werder Bremen in der Champions League. Im ersten Gruppenspiel kam Werder im heimischen Weserstadion gegen Famagusta nicht über ein 0:0-Unentschieden hinaus. Spieler und Beobachter waren sich nach der Partie weitgehend einig: Das war zu wenig.

Ein Mertesacker ist kein Frings, so viel steht schon mal fest.

Da gibt es Per Mertesacker: ein Meter sechsundneunzig groß, Innenverteidiger, ein ruhiger Vertreter der Spezies Fußballprofi und der klassische Typ Schwiegersohn.

Und es gibt Torsten Frings: Ein ganzes Stück kleiner geraten als Kollege Mertesacker, Mittelfeldrenner mit extrovertiertem Äußeren und eher ein kauziger Typ mit Ecken und Kanten.

…und schuld sind nur die Stürmer

Mertesacker und Frings standen also in der Mixed Zone des Bremer Weserstadions, keine zwei Meter voneinander entfernt, und erklärten ihre Sicht der Dinge über die 90 Minuten, in denen sich 

Werder Bremen gegen den Novizen Anortonis Famagusta die erste schmerzhafte Ohrfeige der noch jungen Champions-League-Saison einfing.

Das 0:0 war eindeutig zu wenig, das waren sich alle einig. Auch über die offenkundigen Gründe für die fade Nullnummer gab es kaum zweierlei Ansichten: Die Stürmer waren schuld, oder zumindest das zu laxe Offensivspiel.

Ein "die" als "wir"

Mertesacker stand da, versuchte, die bösen Gedanken einfach ein wenig wegzulächeln, und gab sich gewohnt ausgewogen. "Wir haben zwar Druck aufgebaut, aber irgendwie war letzte Pass, der letzte Schuss, nicht genau genug. Im Abschluss hat uns einfach das letzte Quäntchen Qualität gefehlt."

Frings sah das ähnlich - und doch hörten sich seine Sätze deutlich anders an. Auf die Frage nach den eindimensionalen und ungefährlichen Standards wurde er etwas patzig.

"Wenn Du dreimal alleine vor dem Keeper stehst, dann scheiß ich auf die Eckbälle." Der brave Per Mertesacker würde so etwas ja nie sagen. "Wir hatten drei, vier Hundertprozentige. Ich weiß nicht, was man sonst noch haben möchte? Wir waren viel zu leichtfertig."

Ein wenig hatte Frings auch die Unwahrheit gesagt, zumindest unterschwellig. Denn mit "wir" waren nicht die 14 eingesetzten Spieler allgemein, sondern die sehr unkonzentrierten, sehr fahrlässigen Angreifer gemeint. Es war ein "die", das nur als "wir" verpackt daher kam.

"So kann man nicht spielen"

Nun sollte man nicht gleich darauf schließen, dass es innerhalb der Mannschaft nicht so ganz stimmt, auch wenn die eine oder andere Aussage vielleicht Rückschlüsse darauf zuließe. Aber selbst Sportdirektor Klaus Allofs orakelte von "einigen Dingen, die noch nicht so recht passen würden".

Welche er genau meinte, wollte er leider nicht verraten. Nur so viel: "Wir sind noch nicht so gut, wie wir es uns wünschen und wie wir es können. Wir werden den Erwartungen noch nicht gerecht." Er selbst sei "sehr unzufrieden und sehr enttäuscht. Es hat heute die Entschlossenheit gefehlt, man hatte nicht das Gefühl, dass wir das Tor unbedingt erzwingen wollten." Und überhaupt: "So kann man international nicht spielen."

Keine guten Aussichten

Gegen den Champions-League-Neuling hatten sich alle mehr versprochen, ein Sieg war Pflicht. Zumal sich Werder in den vergangenen Jahre stets in die Königsklasse quälte und mit akkurater Verlässlichkeit einen Fehlstart nach dem anderen hinlegte.

Da sollte es doch bitteschön im Heimspiel gegen einen Vertreter aus Zypern schon ein Sieg sein. So muss Werder jetzt die schweren (Inter Mailand) und unangenehmen (Panathinaikos Athen) Auswärtsfahrten mit nur einem Pünktlein im Gepäck antreten.

Jenes Werder, das vergangene Saison von seinen Reisen in der Königsklasse keinen einzigen Zähler mit nach Hause brachte.

"Famagusta ist neu in der Champions League, die wussten gar nicht: Passiert uns hier was? Und wir haben ihnen nichts getan. Das war zu harmlos und viel zu brav. Wenn wir weiterhin so die Aggressivität vermissen lassen, brauchen wir in Athen und in Mailand erst gar nicht antreten", so Allofs.

Konstanz und Kaltschnäuzigkeit fehlen noch immer

Etwas überraschend meinte Allofs dann noch, dass die Bremer Mannschaft noch lernen und sich verbessern müsse. "Wir haben ein Team, das noch dazu lernen muss." Überraschend deshalb, weil Bremen nun das fünfte Jahr in Folge im vertrauten Zirkel von Europas besten Vereinsmannschaften mitmachen darf

Ein gewisser Lerneffekt sollte sich da langsam doch mal einstellen.
Aber offenbar sind die Bremer wirklich noch nicht so weit, auch solche Spiele zu gewinnen. Vereinzelte Glanzlichter setzt Werder immer mal wieder. Die geforderte Kaltschnäuzigkeit und Konstanz lassen die Hanseaten international aber weiter vermissen. Werder ist und bleibt eine Wundertüte.

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