Kein Bock auf Burnout

Von Für SPOX.com in Barcelona: Haruka Gruber
Mittwoch, 09.04.2008 | 14:22 Uhr
kuranyi, boden, schalke
© Imago
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Barcelona - Wer Halil Altintop auf der Pressekonferenz reden hörte, hätte meinen können, es sei das Allernormalste. Praktisch ein Automatismus, dem ein Fußballer sowieso nicht zu entfliehen vermag.

"So etwas gehört doch zu jedem Stürmer. Das ist doch gar nicht so schlimm", sagte Altintop zu SPOX auf die Frage, wie der Türke denn nun den Leistungseinbruch seines Sturmpartners Kevin Kuranyi vor dem Viertelfinal-Rückspiel der Champions League beim FC Barcelona (20.45 Uhr im SPOX-TICKER und Internet TV) bewerte.

Es sei also alles "gar nicht so schlimm, Ich bin mir sicher, dass wir gegen Barca wieder den alten Kevin sehen werden", glaubt Altintop. Oder er sagte es zumindest. Denn die Loyalität zu seinem Teamkollegen in Ehren, erinnert Kuranyis Formtief schon lange nicht mehr dem typischen Leistungszyklus, dem ein Profi die Saison über unterliegt.

(Slomka jetzt im Video bei SPOX.TV: "Barca hat Schwächen in der Defensive")

Müller sorgt sich um Kuranyi

Vielmehr ist das gesamte System "Kevin Kuranyi" aus den Fugen geraten. Selbstredend ist seine Rückrunden-Bilanz mit vier Toren und einer Vorlage nicht die schlechteste, doch die Art und Weise, wie sich der 26-Jährige derzeit präsentiert, gibt Anlass zur Sorge.

"Seine Probleme haben sicherlich mentale Ursachen", sagt etwa Rainer Adrion, Trainer der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart und seinerzeit Kuranyis Entdecker und Förderer. "Eigentlich bringt er alles mit, was ein Spitzenstürmer auszeichnet. Daher hängen die Fehler, die er macht, viel mit dem fehlenden Selbstbewusstsein und der mangelnden Akzeptanz bei den Fans zusammen."

Mangelnde Akzeptanz ist dabei noch höflich formuliert. Vor allem bei Heimspielen wurde Kuranyi zuletzt derart ausgepfiffen, dass sich Manager Andreas Müller in der "Bild"-Zeitung zu diesen drastischen Worten genötigt sah: "Ich habe Angst, dass Kevin kaputt gemacht wird. Das Publikum pickt ihn sich raus, stellt ihn an den Pranger und macht ihn zum Sündenbock."

"Kevin ist blockiert"

Kuranyi polarisiert wie kaum ein anderer Bundesliga-Star. Für die einen ist er ein Rackerer, ein Platzschaffer, ein technisch recht beschlagener Mittelstürmer mit dem vielleicht besten Kopfballspiel Deutschlands. "Vor allem seine Ballfertigkeit wird unterbewertet. Dabei bringt er von Haus aus eine sehr starke Technik mit. Er kann kombinieren, saubere Pässe spielen und Bälle verarbeiten", sagt Adrion.

Die Mehrheit jedoch sieht das: Einwurf auf Kuranyi, Ballannahme Kuranyi, der Ball verspringt um zwei Meter. Auch häufig zu bewundern diese Variante: Kurzpass auf Kuranyi, direkt weitergespielt von Kuranyi, der Ball landet im Aus.

"Er ist blockiert. Und in seinem Frust macht er sich zuviel Druck. Er muss jetzt keine Überdinger versuchen, sondern die einfachen Sachen machen. Rennen, grätschen, kämpfen", sagt Müller.

Ein Satz, der haften bleibt

Kuranyi selbst mag angesichts der spielerischen Einöde nicht viel sagen, nach dem Hinspiel gegen Barca fiel jedoch ein Satz, der aufhorchen ließ. Er entschuldigte sich bei den Medien, dass er keine Interview geben wolle, weil er sich im "Kopf leer fühlt".

Worte, die ein bisschen an einen Burnout-Patienten erinnern. An einen Sebastian Deisler oder Sven Hannawald. Beim Abschlusstraining im Camp Nou machte er jedoch ganz und gar nicht den Eindruck eines zutiefst Verunsicherten, scherzte mit den Kollegen, vernahm mit Sicherheit die aufmunternden "KEVIN KURANYI"-Rufe einiger mitgereister Anhänger. Das "Ich fühle mich leer im Kopf" bleibt dennoch haften.

Ähnlich grüblerisch äußerte er sich nach der WM 2006. Sich seiner Nominierung sicher, ließ er es eine Zeit lang schleifen, schwänzte offizielle DFB-Termine, ging abends feiern, vernachlässigte die Trainingsarbeit - und wurde daraufhin von Jürgen Klinsmann ausgebootet. "Er hat sich in seiner Jugendlichkeit ein halbes Jahr nicht so auf den Fußball konzentriert", sagt Adrion. "Er hat aber daraus gelernt."

Zittern um das EM-Ticket

Mangelnden Arbeitseifer könne man den zwei Jahre reiferen Kuranyi nicht vorwerfen, betonen die Verantwortlichen. Dennoch liegt es im Bereich des Denkbaren, dass er womöglich auch die EM verpasst, sollte sich seine "doch gar nicht so schlimme" Form nicht endlich mal ins Positive umkehren. Die Stefan Kießlings lauern.

Umso wichtiger die Partie in Barcelona. Es könnte sein, dass es Kuranyis letzte Chance ist, sich international anzubieten. Danach wäre er wieder nur ein Stürmer unter vielen in der Bundesliga, nicht mehr der beste Angreifer des einzigen deutschen Champions-League-Vertreters.

"Manchmal ist es gut, wenn man als Spieler etwas gekitzelt wird", sagte Fabian Ernst nach der Partie in Rostock, die Kuranyi erstmals nach fast eineinhalb Jahren aus Leistungsgründen als Reservist begann. Im Camp Nou wird er aber definitiv in der Startelf stehen.

Trainer Mirko Slomka: "Kevin ist ein großer Spieler und in einem so großen Spiel mit Sicherheit dabei." Als sei es derzeit das Allernormalste, auf Kevin Kuranyi zu setzen.

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