Donnerstag, 24.04.2008

Nullnummer in Barcelona

Zerstörer in Trance

München - Als Manchester United 1999 in Barcelona durch einen 2:1-Sieg gegen Bayern München die Champions League gewann, war Paul Scholes gesperrt. Der kleine Rotschopf bezeichnete seine Abwesenheit damals als "schlimmste Tragödie meines Lebens".

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© Imago

Neun Jahre später kehrte ManUnited an die Stätte des größten Erfolges der Vereinsgeschichte zurück. Anlass war das Halbfinal-Hinspiel in der Königsklasse beim ortsansässigen FC Barcelona. Paul Scholes durfte diesmal von Beginn an mitmachen und während der 90 Minuten gewann man den Eindruck, als wolle er die einzigartige Atmosphäre im Camp Nou, die ihm 1999 verwehrt wurde, in vollen Zügen aufsaugen.

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Scholes spielte wie in Trance, drehte mit dem Ball die eine oder andere sinnlose Pirouette, als fordere er seine Freundin zum Tanz auf. Scholes wählte die sanfte Variante zur Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses und konnte sich der uneingeschränkten Solidarität seiner Mitspieler sicher sein.

Fergusons Plan ging auf 

Kein Akteur der Red Devils verspürte die Lust, dem angeschlagenen FC Barcelona schon im Hinspiel den Knock-Out zu verpassen. Penibel hielt sich die Mannschaft an die Vorgabe ihres Trainers Sir Alex Ferguson, ein brauchbares Ergebnis mit nach England zu nehmen, ohne sich dabei zu verausgaben. Der Plan ging mit dem 0:0 halbwegs auf.

Und weil Barca derzeit nicht in der Lage ist, Spielzerstörer für ihre Passivität gerecht zu bestrafen, kam ein fürchterliches Gekicke dabei raus. Ferguson für die destruktive Spielweise seiner Elf zu verdammen, wäre töricht. Er bekam das, was er wollte. Und die Defensive um den überragenden Kapitän Rio Ferdinand machte auch einen guten Job. Aber machen wir uns nichts vor: so was will keiner sehen.

Manchester beeindruckte in dieser Saison durch Offensiv-Fußball nahe der Perfektion. In Barcelona ging's nur darum, den Ball so weit wie möglich vom eigenen  Tor wegzuhalten, anstatt selbst die Initiative zu ergreifen. Wayne Rooney wurde auf die rechte Außenbahn beordert und Cristiano Ronaldo als Stoßstürmer eingesetzt. Es war ein Jammer, mitansehen zu müssen, wie hilflos diese Klasse-Kicker auf ihren ungewohnten Positionen waren.

Ronaldo bleibt gelassen

Ronaldo war das alles herzlich egal: "Ich weiß gar nicht, was ihr alle wollt. Wir haben sehr gut verteidigt und das 0:0 ist eine sehr gute Ausgangsposition für uns", raunzte der Portugiese die Journalisten an. "Selbst sein verschossener Elfmeter in Minute zwei konnte Ronaldo die Laune nicht verderben.

"In dieser Saison habe ich schon ein paar Elfmeter versenkt. Dass ich jetzt mal einen verschossen habe, ist kein Problem. Dann treffe ich halt im Rückspiel", sagte der 23-Jährige. 

Barcelona fahndete vergeblich nach Lücken in der United-Abwehr. Nur einmal blitzte die Genialität der Katalanen auf, als Samuel Eto'o nach fantastischer Vorarbeit von Andres Iniesta und Lionel Messi aus halbrechter Position nur das Außennetz traf.

Messi noch der Beste 

Ansonsten blieb es bei niedlichen Versuchen, mit dem Kopf durch die United-Mauer zu rennen. Barca agierte plan- und ideenlos, das Passspiel ist zwar nach wie vor chirurgisch genau, hat aber enorm an Geschwindigkeit verloren. Heilsbringer Messi war noch der Beste, doch die Luft reichte nach sechswöchiger Verletzungspause nur für 60 Minuten.

Trainer Frank Rijkaard war mit dem Spiel seiner Mannschaft trotz allem zufrieden. "Wir haben unseren Kritikern gezeigt, wie gut wir immer noch fußballspielen können", sagte der Niederländer. Die Ansprüche in Barcelona sind scheinbar deutlich gesunken.  

Thomas Gaber

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