Mittwoch, 24.10.2007

Kolumne von Wolff Fuss

Undurchsichtiges Netzwerk der Macht

München - Gegen Schalke ließ der FC Chelsea nichts anbrennen und gewann souverän mit 2:0. Dennoch läuft derzeit nicht alles rund beim Klub von Michael Ballack.

© Getty

Premiere-Kommentator Wolff C. Fuss nahm Chelsea unter die Lupe und erklärt das undurchsichtige Netzwerk der Macht.

Mystik Roman Empire

Der Anfang und das Ende dieses Netzwerks heißt Roman Arkadjewitsch Abramowitsch, der reichste Mann Russlands, einer der reichsten Männer der Welt. 

Stellen Sie sich mal folgendes vor: Sie sind unfassbar reich und interessieren sich für Fußball. Ohne konkrete Vereinszugehörigkeit. Und weil Sie so unglaublich reich sind, bauen Sie sich ihren Klub eben selbst. Da Sie realitätsnah sind und wissen, dass es Jahre dauert, bis Sie einen Klub von ganz unten nach ganz oben heben können, suchen Sie sich einfach irgendeinen Erstligisten mit soliden Rahmenbedingungen, in irgendeinem Land.

Der Drahtzieher

Nach der WM 2002 zeigte Abramowitsch unter anderem bei Arsenal, Manchester United und Lazio Rom seine Bereitschaft, die Anteilsmehrheit in deren Verein zu erwerben. Sie alle schreckte die plötzliche Machtfülle eines weitestgehend unbekannten Finanziers. Den FC Chelsea nicht.

Drahtzieher und gleichzeitig Abramowitschs Chefunterhändler bei den Gesprächen mit der damaligen Klubführung war ein gewisser Pini Zahavi. Ein Mann, der bis zum heutigen Tage ohne offizielle Funktion beim FC Chelsea ist und trotzdem wichtigster Berater für Abramowitsch.

Premiere-Kommentator Wolff Fuss
Premiere-Kommentator Wolff Fuss
© Premiere

In der Beurteilung des gebürtigen Israeli in der englischen Medienlandschaft ragt die Spannweite zwischen sympathischer Tausendsassa und kriminell veranlagter Geschäftemacher. Er ist offiziell weltweit agierender Spielerberater, Mitinhaber von Israels größter Sportrechte-Agentur und war an den größten Transfers der Premier League in den letzten Jahren beteiligt. Kurzum: er vermittelt alles und jeden überallhin.

Allerdings nicht immer diesseits der Richtlinien des Erlaubten: Als sich zum Beispiel Chelsea und Ashley Cole (bis 2006 bei Arsenal) schon im Jahr zuvor verbotenerweise zu Verhandlungen trafen, schaffte er die Rahmenbedingungen; als 2006 in England ein Schmiergeldskandal bei Spielertransfers aufgedeckt wurde, gehörte er zu den Beschuldigten. Und, und, und...

Der Moneymaker

Peter Kenyon war der vielleicht genialste Schachzug der Ära Abramowitsch. Der 54-Jährige ist ein ausgewiesener Kenner des Fußballs und anerkannter Marketingfachmann. Er machte Manchester United, gemeinsam mit Alex Ferguson, zwischenzeitlich zum reichsten Klub der Welt. Der neureiche russisch dominierte Verein bekam damit 2004 wieder ein englisches Gesicht. Die Aura des Dubiosen, etwas Zwielichtigen, sollte vom Verein weichen.

Kenyons Seriosität sollte dabei helfen und half. Er wurde neben Jose Mourinho die öffentliche Figur des Vereins. Nach dessen Demission war er der einzige aus der Führungsriege, der zu den Ereignissen Stellung bezog. Er besetzt die Rolle des Gut-Menschen im Chelsea-Konsortium.

Nachdem der Klub in den vergangenen beiden Jahren über 300 Millionen Euro Verlust gemacht hat, soll er jetzt den Turnaround schaffen. Allein, wie das gelingen soll, bleibt bei den immer noch überschwänglichen Geschäftgebaren, schleierhaft.

Das sportliche Netzwerk

Da sind vor allem zwei Personen zu nennen: Piet de Visser, holländischer Talentscout, und Frank Arnesen, ehemaliger dänischer Nationalspieler. De Visser und Arnesen nehmen für sich in Anspruch, Leute wie Ronaldo, Romario, Jaap Stam, Ruud van Nistelrooy oder Arjen Robben entdeckt zu haben. Durch Robbens Verpflichtung lernte man sich kennen. Piet de Visser wurde Scout beim FC Chelsea, Arnesen Leiter der Nachwuchs- und Scoutingabteilung.

Er kam gegen den Willen von Jose Mourinho. Eine weitere sportliche Instanz wurde geschaffen, das fast freundschaftliche Verhältnis zwischen Trainer und Inhaber kühlte merklich ab.

Die Interimslösung

Es gibt in England Kollegen, die behaupten, Avram Grant sei im vergangenen Sommer auch deshalb Director of Football bei den Londonern geworden, um Mourinho im Falle eines Falles ablösen zu können.

Lassen Sie uns bitte sachlich bleiben: Der Mann hat seit fünf Jahren keine Vereinsmannschaft trainiert, ist nicht im Besitz einer für Premier-League-Cheftrainer notwendigen UEFA-Pro-Lizenz, sein bislang größter internationaler Erfolg ist die Fast-Qualifikation für die WM 2006 mit Israel. Bei allem Respekt, auch vor der Freundschaft zwischen ihm und dem Chelsea-Boss: Es ist schwer vorstellbar, dass Abramowitsch Grant die sportliche Leitung ernsthaft langfristig anvertraut.

Die Verpflichtung von Henk ten Cate ist eventuell als ein erster Fingerzeig zu verstehen, dass Grant auf den eigens für ihn geschaffenen Posten des Directors of Football zurückgeschoben werden soll. Nebenbei sucht man nach der großen, bevorzugt holländischen Lösung.

Wer will?

Scheinbar ist es nicht so, dass die Stilikonen des Trainerwesens derzeit in ein lautes Heureka verfallen, wenn ihnen der Cheftrainerposten bei Chelsea angeboten wird. Frank Rijkaard sagte fürs Erste ab. Guus Hiddink verlängerte jüngst demonstrativ seinen Vertrag beim russischen Verband. Wobei eine Doppelfunktion bei ihm ja bekanntermaßen nicht kategorisch ausgeschlossen ist. 

Apropos kategorisch ausgeschlossen - am Ende ist auch folgendes Szenario denkbar: Grant gewinnt die nächsten zehn Spiele zu Null, im Team setzt ein Selbstreinigungsprozess ein, die Verletzten kommen zurück, der Fußball wird attraktiver und Kenyon sagt: "Grant ist und bleibt unser Trainer. Wir haben vollstes Vertrauen zu ihm und haben zu keinem Zeitpunkt über einen anderen Trainer nachgedacht."  Das würde den FC Chelsea dann fast wieder zu einem ganz normalen Fußballklub machen.

Bleiben Sie sportlich,

Wolff Fuss


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