Fussball

Schalker Antifußball in Leipzig: Zwischen Cleverness und Realitätsverweigerung

Schalkes Trainer Domenico Tedesco im Regen von Leipzig.

Der FC Schalke 04 hat sich am 9. Spieltag mit einem 0:0 bei RB Leipzig - die Highlights im Video - einen Punkt erkämpft und hat dadurch die Abstiegszone verlassen. Auf dem Rasen hatte Königsblau allerdings sehr wenig anzubieten, dennoch äußerten sich die Verantwortlichen sehr zufrieden. Das ist einerseits verständlich - andererseits aber kein gutes Zeichen für die nächsten Wochen.

Der sonst eher besonnene Dietmar Hamann hatte sich im Sky-Studio in München förmlich in Rage geredet. "Das war ein grauenhafter Kick, Fußball zum Abgewöhnen", schimpfte er über das 0:0, dass er aus der Ferne hatte erdulden müssen. "Wenn das unser Anspruch ist, können wir den Laden zusperren." "Grauenhaft" habe sich gerade Vizemeister Schalke präsentiert. Es fielen die Vokabeln "blamabel" und zweimal "unterirdisch".

In der Tat hatte Hamann zusammen mit Fußball-Deutschland 90 Minuten hinter sich gebracht, die den Logos auf den Trikots nicht unbedingt gerecht worden war. Immerhin spielte da der Zweite des vergangenen Jahres gegen den Sechsten.

Und auch wenn man von Königsblau derzeit nicht unbedingt fußballerische Gaumenfreuden zu erwarten hat, wurde im Dauerregen von Leipzig schon extrem zähe Magerkost geboten. Schalke brachte es auf sechs Abschlüsse, immerhin zwei davon, die Kopfbälle von Breel Embolo und Weston McKennie, waren gefährlich. Kein einziger ging auf den Kasten von Peter Gulacsi.

Darüber hinaus? "Schalke hat viele lange Bälle gespielt, ihr Matchplan war anscheinend, den Ball nur nach vorne zu schießen", konstatierte Marcel Sabitzer nach Abpfiff - was er davon hielt, war an seiner Mimik deutlich abzulesen. Fünf Flanken in 90 Minuten kamen dazu, dafür aber 15 Fouls. Und eine verheerende Passquote, die Hamann mit 56 Prozent noch zu großzügig bemessen hatte: Die sank nämlich in Halbzeit zwei derart tief, dass es am Ende insgesamt nicht einmal 53 Prozent waren.

Schalke 04 zufrieden mit Leistung gegen RB: "Haben es gut gemacht"

Das Erstaunliche: Die Schalker zeigten sich ob dieser kollektiven Fußballverweigerung nicht etwa einsichtig oder gar selbstkritisch. Vielmehr wurde, vom Vorstand über den Trainer bis hin zu den Spielern, einhellig die gute eigene Taktik und dessen Umsetzung gefeiert. "Heute war es ein verdientes Unentschieden", bilanzierte Weston McKennie, Benjamin Stambouli zeigte sich zufrieden damit, dass man zu Chancen gekommen war.

"Wir haben es gut gemacht", lautete das Urteil von Domenico Tedesco. Der hatte mit der schwachen Passquote überhaupt kein Problem: "Wenn wir auf den zweiten Ball gehen und den ersten Ball absichtlich auf den Gegner spielen, ist es klar, dass die Quote nach unten geht." Er verwies auf das 0:6 der Nürnberger und erklärte, dass man sich von RB nicht dazu habe locken lassen, den Ball "in gewisse Zonen" zu spielen. Womit so ziemlich das gesamte Mittelfeld gemeint war.

Im Klartext: Wer den Ball nur hoch und weit in Richtung gegnerischer Abwehrspieler bolzt, kann eben auch nicht ausgekontert werden.

Cleveres Schalke: Wollen keinen "Schönheitspreis" gewinnen

Dabei hat Tedesco zugegebenermaßen eine alte Fußballweisheit auf seiner Seite: Der Erfolg gibt ihm Recht. In wenigen Wochen, vielleicht sogar noch schneller, wird niemand mehr danach fragen, wie sich S04 einen Zähler auswärts bei den favorisierten Leipzigern gesichert hat. Er wird auf dem Punktekonto der Tabelle aufgeführt sein. Allein das zählt.

Umgekehrt wird niemand ein heroisches 1:3 der Schalker feiern, bei dem man wiederholt ins offene Messer läuft. Wie im letzten Jahr geschehen, betonte Tedesco: "Da wollten wir Fußball zaubern. Da kriegst du direkt zwei Glocken." Seine Erkenntnis - "Wenn man gegen Leipzig anders spielt, verliert man" - brachte den ersten Punkt in Leipzig überhaupt ein.

Auf Schalke weiß man, dass derzeit spielerisch kleine Brötchen gebacken werden müssen, gerade angesichts der Tabellensitution. Attraktiveren Fußball hatte man sich in Gelsenkirchen vor Saisonbeginn auf die Fahnen geschrieben. Als dieser dann gehörig in die Hose ging, ging es zurück zum altbewährten "Mund abputzen und Punkte mitnehmen, egal wie". Moralische Siege gibt es auf Platz 15 nicht.

Heidel konterte die Hamann-Kritik treffend: Wenn wir auf Platz 16 stehen und versuchen, zu zaubern, bekomme ich von den Experten gesagt, dass wir erstmal Punkte holen sollen." Man habe an diesem Abend keinen "Schönheitspreis" gewinnen wollen.

Das untere Tabellendrittel nach neun Spieltagen

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
13.1. FSV Mainz 0595:10-59
14.1. FC Nürnberg99:20-119
15.Schalke 0495:11-67
16.Hannover 96911:18-76
17.VfB Stuttgart96:21-155
17.Fortuna Düsseldorf96:21-155

Problem auf Schalke: Schlechteste Offensive seit 51 Jahren

Bei den Schalkern war an diesem Abend die kollektive Bemühung erkennbar, sich diesen Punkt auf keinen Fall madig machen zu lassen. Keinerlei Selbstkritik, durch Konzentration auf das Positive soll wenn möglich eine Aufbruchsstimmung erzeugt werden.

Gleichzeitig sollten die Verantwortlichen hinter verschlossenen Türen andere Töne anschlagen: Nach fünf Toren aus neun Spielen stellt man zusammen mit Mainz die schlechteste Offensive der Liga. Und: So wenig Treffer hat Schalke zuletzt vor 51 Jahren erzielt.

Vor diesem Hintergrund wirken einige Aussagen der Beteiligten wie Realitätsverweigerung. So wertete Tedesco "die Anzahl der Chancen" als "gutes Zeichen". Zweimal war Schalke nach einer Ecke gefährlich - das war's. McKennie erklärte, das Team spiele "momentan guten Fußball". Auch das ist mindestens Auslegungssache.

"Wir schauen weniger auf die Tabelle, wir schauen auf die Leistungen", sagte Tedesco - und widersprach damit Manager Heidel, der festgestellt hatte, dass es "noch ein langer Weg raus aus dem Tabellenkeller" sei. Angesichts der Tabellensituation ist ein Punkt in Leipzig ordentlich. Geht es aber nur nach Leistung, müssen die Ziele auf Schalke höher sein.

Schalke braucht spielerisches Element gegen kleine Gegner

Auf diese Art und Weise kann man sich durchaus einen Punkt ermauern. Die eigene Durststrecke von nun 307 Minuten ohne Tor beendet man so nur bedingt.

Die nächsten Gegner in der Liga heißen Hannover (H), Frankfurt (A) und Nürnberg (H). Mindestens zwei Teams also, gegen die man vor eigenem Publikum mehr anbieten sollte als den einen oder anderen Kopfball. Für den Sprung aus dem Tabellenkeller braucht es Dreier. Dafür braucht es Tore. Und dafür braucht es Chancen.

Um es mit Dietmar Hamann zu sagen: "Es wird Zeit, dass Schalke anfängt, Fußball zu spielen."

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