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FC Bayern verliert erstmals ein Pflichtspiel unter Niko Kovac: Warnschuss zur Wiesn

Der FC Bayern verlor erstmals seit acht Jahren ein Spiel während des Oktoberfests.
© Getty

Der FC Bayern hat erstmals unter Trainer Niko Kovac ein Pflichtspiel verloren. Den Münchnern fehlten gegen Hertha BSC ein paar Prozentpunkte, die nicht hätten fehlen dürfen. Der Tabellenführer ist weit entfernt von einer Krise, sollte jedoch gewarnt sein.

Auf der Münchner Theresienwiese bot sich am Freitagabend ein längst vergessenes Schauspiel. Links eine halbleere Maß Bier, rechts ein Stück angeknabberte Breze. In der Mitte ein eingefleischter Bayern-Fan. Alleine am Biertisch, die Hände stützen das schwere Kinn, ein enttäuschter Blick in die Leere.

"Wir müssen einen Wiesn-Besucher im Bayern-Trikot moralisch aufbauen und ihm Trost zusprechen", twitterte die Münchner Polizei wenige Minuten nach dem Abpfiff im Berliner Olympiastadion. Seit 28 Spielen hatten die Bayern während des Oktoberfests nicht mehr verloren. Acht Jahre lang waren der Mia-san-Mia-Mentalität zur Wiesn-Zeit keine Grenzen gesetzt.

Und eigentlich hatte Fußball-Deutschland eine ähnliche Souveränität für die gesamte Saison 2018/19 erwartet. "Viele haben gesagt, wir verlieren in der Liga kein Spiel", sagte Niko Kovac. "Wir wurden nach drei, vier Spielen ja schon hochgejubelt", fügte Manuel Neuer an.

FC Bayern ist schlagbar - Hertha zeigte Mut und Disziplin

Plötzlich ist Bayerns so sicher geglaubte Tabellenführung in Gefahr. Der Durchmarsch vom ersten Spieltag bis zur Meisterschaft scheint nicht mehr selbstverständlich. Das Remis gegen den FC Augsburg war ein unglücklicher Ausrutscher. Die Niederlage gegen Hertha zeigte: Der große Titelfavorit ist absolut schlagbar. Ein Zeichen an die Liga?

Kovac wollte davon nichts wissen. Der eine Punkt aus den vergangenen beiden Spielen sei "überhaupt kein Problem". "Die, die den Klub kennen, wissen, dass wir uns das nicht so einfach gefallen lassen werden", proklamierte Kovac. Eine regelrechte Warnung an die Liga. Doch das Learning der Bundesliga muss sein, wie Hertha die Bayern bezwingen konnte - nämlich nicht nur mit Spielglück, sondern auch mit Mut und Disziplin.

Hertha entschleunigte durch gutes Positionsspiel das Spiel der Bayern. Thiago holte sich tief in der eigenen Hälfte die Bälle ab. Renato Sanches und James Rodriguez standen vergleichsweise hoch. Der typische Aufbau der Bayern. Doch Hertha war stets aufmerksam und nah am Mann, beging nicht den Fehler, die aufklaffende Lücke im Zentrum füllen zu wollen, sondern stellte die Räume zwischen Viererkette und Mittelfeld kompakt zu.

Bayern kam selten in den Achter-Positionen zum Ball, griff häufig auf Diagonalbälle zurück. Dem Bayern-Spiel fehlten das nötige Tempo und die Geradlinigkeit, die Kovac fordert. Häufig fehlte die Präzision im letzten Pass, auch weil Hertha defensiv gut gestaffelt war.

Niko Kovac moniert Fehler vor den Gegentoren

Bayern kam zwar - vor allem im zweiten Durchgang - zu vielen Chancen, allerdings zu selten zwingend vor das Hertha-Tor. 24 Schüsse gab der amtierende Deutsche Meister ab. Nur vier davon landeten auf dem Kasten von Thomas Kraft.

Die aktuell in den Fokus geratenen Chancenverwertung der Bayern war erneut ein Problem, jedoch nicht der einzige Grund für die Niederlage in Berlin. Kovac war unzufrieden mit den Unachtsamkeiten in der Defensive. "Wir haben zwei Tore zugelassen. Zwei Tore, die wir nicht zulassen dürfen. Der Elfmeter ... das geht eigentlich nicht. Beim zweiten Gegentor gehen wir nicht richtig mit. Wenn wir auf dem Niveau Fehler begehen, werden wir bestraft. Das ist normal", analysierte der Kroate, der insgesamt dennoch zufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft war.

Kapitän Neuer monierte ein paar Prozent fehlende Einstellung im ersten Durchgang. "Die waren entscheidend", sagte er. Die Bayern gewährten der Hertha nicht viele Chancen. Dank einer taktisch und spielerisch starken Leistung holte Berlin drei Punkte gegen den Ligaprimus.

FC Bayern erhält Warnschuss in Berlin

"Man hat sofort gesehen, dass wir körperlich spritzig waren. Zudem haben wir zu den richtigen Zeitpunkten in Druckphasen der Bayern unsere Tore gemacht", sagte Hertha-Trainer Pal Dardai, der zudem die Kompaktheit und das Pressing seiner Mannschaft lobte.

Das Wichtigste gegen die Bayern sei jedoch das Spiel mit dem Ball. "In dieser Hinsicht haben wir uns in den letzten zwei Jahren sehr gesteigert", sagte Dardai. Tatsächlich entstanden die beiden Berliner Tore aus dem Spiel heraus. Durch schnelles, oft direktes Kombinationsspiel überraschte die Hertha den deutschen Rekordmeister immer wieder und bestrafte die minimalen Nachlässigkeiten der Bayern.

Defensives Umschaltspiel, Zweikampfverhalten, Feinabstimmung im Spiel gegen den Ball - all das dürfte Kovac nicht sonderlich gefallen haben. All das stellte unter Beweis: Die Bayern müssen in der Liga mit 100 Prozent bei der Sache sein. Sicherlich nicht gegen alle Teams. Doch Hertha in der aktuellen Form (mit Ausnahme des Bremen-Spiels) zählt zum engeren Kreis der Mannschaften, gegen die der FCB nicht im Vorbeigehen drei Punkte mitnimmt.

In diesen Spielen dürfen sich die Münchner nicht zu viele Fehler leisten. Dem Ausrutscher gegen Augsburg folgte nun der Warnschuss in Berlin - auch wenn die Bayern noch ruhig bleiben. "Wir sind alle Profis, kennen das Geschäft", sagte Neuer. Demnach sollten er und seine Mitspieler die richtigen Lehren aus der Partie gegen die Hertha ziehen. Denn auch am kommenden Wochenende gegen Borussia Mönchengladbach reichen keine 98 Prozent.

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