Fussball

VfB Stuttgart kommt mit blauem Auge davon: Die Lehren aus dem Hinspiel der Bundesliga-Relegation

Der VfB Stuttgart enttäuschte im Hinspiel der Bundesliga-Relegation gegen Union Berlin.

Stuttgart ist noch nicht abgestiegen. Trotz der schlechten Ausgangslage nach dem 2:2-Unentschieden im Hinspiel der Bundesliga-Relegation gegen Union Berlin geht der VfB als Favorit ins Rückspiel - wenn auch mit blauem Auge. Hoffnung machen vor allem die Lehren, die die Mannschaft von Nico Willig aus dem Hinspiel ziehen kann.

Stell dir vor, es ist Signalspiel, und keiner hat Empfang.

"Ich habe schon mal von Signalspielern gesprochen. Ich wünsche mir, dass wir am Donnerstag 55.000 Signalspieler haben", appellierte Interimstrainer Willig vor dem Signalspiel gegen Union Berlin an die Fans. Die 54.989 Signalspieler auf den Rängen sendeten ihre Signale aus. Der Empfang in der Mercedes-Benz Arena schien jedoch gestört zu sein, denn bei den vermeintlichen Signalspielern auf dem Rasen kam offenbar nichts an.

Der VfB erwischte zwar den besseren Start, der resultierte jedoch nur aus der Nervosität der Gäste aus Berlin. Union schenkte in der Anfangsphase viele Bälle zu einfach ab, spielte beinahe jeden zweiten Ball zum Gegner. Der VfB kam früh zu einigen Abschlüssen. Er ging jedoch schludrig damit um.

VfB Stuttgart hat seine spielerische Überlegenheit nicht ausgenutzt

Das zog sich durch die gesamte Partie. Stuttgart ist die spielerisch überlegene Mannschaft. Das belegte der Bundesligist in vereinzelten Duellen immer wieder. Als Team bekam er es jedoch nicht auf die Kette.

"Das ist definitiv zu wenig. (...) Die ganze Saison haben wir nichts geboten. Den Fans steht es bis zum Hals, uns steht es bis zum Hals", gestand Mario Gomez nach dem Spiel am Eurosport-Mikrofon ein. Wenig verwunderlich erspielte sich der Außenseiter aus Berlin nach und nach ein Chancenplus - Ron-Robert Zieler verhinderte den Rückstand.

Stuttgart nutzte seine Überlegenheit zu selten aus. Oft fehlte es an Präzision und der nötigen Konzentration. So kam es zu Pässen in den Rücken des Mitspielers, schwer zu verarbeitenden Bällen und einfachen technischen Fehlern. Der VfB wirkte bisweilen überheblich, zu inkonsequent, als hätte er den Ernst dieses Signalspiels nicht erkannt.

Beispielhaft dafür waren zwei Aktionen des vergleichsweise starken Anastasios Donis. Beim Stand von 1:1 spielte er ohne Not einen Rabona-Pass zu Gentner, den der VfB-Kapitän nur schwer verarbeiten konnte. Beim Stand von 2:1 blieb er mit einer Zidane-Pirouette an Sebastian Andersson hängen. Zuvor hatte er mit der vielleicht besten Einzelaktion des Spiels die Stuttgarter Führung zum 1:0 vorbereitet.

VfB Stuttgart muss Sebastian Andersson in den Griff bekommen

Der vermeintliche Brustlöser. Doch nur 87 Sekunden nach dem Rückstand glich Union Berlin aus - mit der Geradlinigkeit, die den Hausherren fehlte. Ein langer Ball auf Andersson, eine starke Finte von Suleiman Abdullahi, trockener Abschluss, Tor.

"Wir müssen versuchen, hinten stabiler zu stehen - vor allem bei Kopfballduellen hatten wir keine gute Staffelung", sagte Gomez.

Keine gute Staffelung, schlechtes Timing und zögerliches Zweikampfverhalten führten dazu, dass Unions Spielplan aufging. Urs Fischer hatte vom zuletzt häufig gespielten 4-4-2 zurück auf ein 4-3-3-System mit Andersson als Wandspieler in der Spitze umgestellt.

Der Zweitligist agierte vor allem über lange Bälle auf Andersson. Der Schwede hatte die viertmeisten Ballaktionen aller Berliner - als Stürmer. Er führte 36 Zweikämpfe, beinahe ein Drittel aller Duelle.

Die Stuttgarter schienen darauf vorbereitet zu sein - in der Theorie, denn auf dem Platz behielt Andersson meist die Oberhand. "Darauf hat es Union heute angelegt. Wir haben es nicht geschafft, sie in solchen Situationen vom Tor fernzuhalten", gab Gentner zu. So war Andersson an sieben der 16 Torschüsse Unions direkt beteiligt, das 1:1 bereitete er per Kopf vor. Nahezu jeder Berliner Angriff lief über ihn.

Letztlich sorgte Zieler mit seinen Paraden dafür, dass Andersson nicht selbst auch noch traf. "Ihm fehlte vielleicht ein bisschen Glück. Natürlich hat Zieler auch stark gehalten. Aber er hat sich vollkommen in den Dienst der Mannschaft gestellt, sich aufgerieben und eine gute Leistung gezeigt", sagte sein Trainer Fischer.

Der war mit dem 2:2 und der Leistung seiner Mannschaft vollends zufrieden. "Wir können auf unsere Fans zählen und das Hinspiel gibt uns Mut", sagte er über das Rückspiel im Stadion An der Alten Försterei.

Mario Gomez ist ein Mittel gegen Unions Kompaktheit

Dass die Eisernen nicht sogar mit einem Auswärtssieg in die zweite Halbzeit der Relegation gehen, verdankte der VfB Joker Mario Gomez.

In der Rückrunde startete Gomez nur in neun Spielen. Bei der 0:3-Pleite gegen Düsseldorf saß er mit Gelb-Rotsperre auf der Tribüne, gegen Bayern und Wolfsburg 90 Minuten lang auf der Ersatzbank und sechs Mal wurde er in der zweiten Halbzeit eingewechselt - wie auch diesmal.

Willig brachte Gomez in der Halbzeitpause für den enttäuschenden Daniel Didavi. Sechs Minuten später traf der Älteste im VfB-Kader zur erneuten Führung. Nach einem kraftvollen Solo, das geradezu an Vintage-Gomez erinnerte, würgte er den Ball mithilfe des Kopfes von Marvin Friedrich irgendwie an Rafal Gikiewicz vorbei ins Tor der Berliner - schnörkellos, dreckig.

Gomez, wenn auch etwas glücklos in vielen seiner Aktionen, tat dem Spiel der Stuttgarter gut. Da dem VfB die Durchschlagskraft im Mittelfeld gegen kompakte Berliner fehlte, mündeten viele der Stuttgarter Angriffsbemühungen in planlos nach vorne geschlagenen Bällen oder aussichtslosen Flanken aus dem Halbfeld.

Mario Gomez eine Option für die Startelf im Rückspiel

Vor der Einwechslung von Gomez wusste kein VfB-Akteur mit diesen Bällen etwas anzufangen. Gomez aber machte ähnlich wie sein Pendant auf Seiten Unions, Andersson, hin und wieder einen Ball fest und setzte seine Mitspieler in Szene - nicht schön, aber effizient. Möglicherweise setzt Willig im Rückspiel von Beginn an auf Gomez.

"Natürlich sind beide (Gomez und Gentner, Anm. d. Red.) sehr wichtig. Sie sind die Führungsspieler dieser Mannschaft. Sie waren auch dieses Mal wichtig", sagte Willig, appellierte jedoch im selben Atemzug an den Rest der Mannschaft: "Aber sie können es nicht alleine richten."

Stuttgart braucht im Finale in Berlin mehr als nur zwei oder drei Signalspieler auf dem Platz - ansonsten schenkt der VfB seine Favoritenrolle erneut her.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung