Der brutale Unterschiedsfaktor

Donnerstag, 21.09.2017 | 09:30 Uhr
Andrej Yarmolenko (r.) hat in seinen ersten Spielen für den BVB überzeugt
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Andrej Yarmolenko hat bei Borussia Dortmund keine Anlaufzeit gebraucht und innerhalb einer Woche drei starke Leistungen gezeigt. Der Hype um den Außenstürmer macht die Querelen um den Abgang von Ousmane Dembele vergessen. Michael Zorc ist voll des Lobes, Trainer Peter Bosz bremst die Euphorie.

Für einen O-Ton steht Andrej Yarmolenko an diesem Abend in Hamburg nicht zur Verfügung. Der Ukrainer ist gerade einmal drei Wochen in Deutschland. Er spricht kein Deutsch und nicht gut Englisch. Selbst kann er seinen starken Start als Spieler von Borussia Dortmund nicht erklären.

Statt Worte ließ der 27-Jährige am Mittwoch Taten sprechen. Erneut.

Denn bei seinem dritten Startelf-Einsatz innerhalb einer Woche hinterließ Yarmolenko erneut einen nachhaltigen Eindruck. Wie bereits bei den Partien gegen Tottenham Hotspur und den 1. FC Köln zeigte er beim 3:0-Auswärtssieg gegen den Hamburger SV, was für ein breites Spektrum an Qualitäten er dem Dortmunder Spiel geben kann.

Hamann: Yarmolenko ist eine "Augenweide"

Und da der Ukrainer nach dem Spiel selbst nicht Rede und Antwort stehen konnte, sprachen andere über ihn. Sky-Experte Didi Hamann bezeichnet es als "Augenweide", Yarmolenko zuzuschauen: "Es gibt wenige Spieler, die diese Balance haben bei dieser Körpergröße und es gibt ganz wenige Spieler, die den Übersteiger mit beiden Beinen machen."

Diese Übersteiger waren es, die es ihm bereits gegen Köln im direkten Duell mit dem jungen Linksverteidiger Jannes Horn immer wieder ermöglichten, zur Grundlinie zu ziehen und zu flanken.

Am Mittwoch hieß Yarmolenkos "Opfer" Gotoku Sakai. Der Hamburger Kapitän war mit dem trickreichen Dortmunder völlig überfordert. Im Eins-gegen-eins spekulierte er mehrfach darauf, dass sein Gegenspieler sich den Ball auf den linken Fuß legen und abziehen würde. Den klassischen Robben-Trick sozusagen. Doch Yarmolenko tat das, was gegen Köln schon so gut funktionierte: stattdessen zur Grundlinie ziehen und mit rechts flanken. Sakai war zwischenzeitlich so frustriert, dass er seinen Kontrahenten in der 31. Minute rotwürdig umgrätschte - und mit Gelb noch gut bedient war.

Yarmolenko an den meisten Angriffen beteiligt

Die Spielfreude nahm Sakai der Nummer 9 des BVB damit nicht. Bis zu seiner Auswechslung in der 67. Minute war dieser nämlich an nahezu jeder gefährlichen Offensivaktion beteiligt.

Bei beinahe der Hälfte aller Torschüsse hatte er die Füße im Spiel (fünf Torschussvorlagen, drei Torschüsse, Dortmund kam insgesamt auf 17 Torschüsse) - darunter die Freistoßflanke vor dem 1:0 durch Shinji Kagawa und der direkte Assist vor dem 2:0 durch Pierre-Emerick Aubameyang.

Zorc: Yarmolenko "ein Unterschiedsfaktor"

Innerhalb einer Woche machte Yarmolenko vieles von dem Trubel rund um den Abgang von Ousmane Dembele zum FC Barcelona vergessen. Bereits vor dem Auftritt beim HSV hatte Sportdirektor Michael Zorc analysiert, der Neuzugang sei "schon komplett integriert in unser Spiel."

Nach der erneut auffällig guten Vorstellung geriet Zorc ins Schwärmen: "Es ist wirklich brutal, wie schnell er auch ein Unterschiedsfaktor geworden ist. Er ist in jedem Spiel mit einem Assist oder einem Tor beteiligt gewesen. Auch im Eins-gegen-eins ist er schwer zu stoppen", sagte der Sportdirektor bei Sky.

Dass sich Yarmolenko nach nur wenigen Wochen so gut ins Dortmunder Spiel einfügen würde, war zuvor freilich nicht abzusehen. Und doch spielt ein wichtiger Faktor bei dem Transfer eine Rolle: die Erfahrung.

Erfahrung statt Jugendwahn

Auch ohne sprachlich Gleichgesinnte im Team konnte der 72-fache Nationalspieler wohl auch deswegen so schnell loslegen, weil er schon einige Profijahre auf hohem Niveau auf dem Buckel hat. Klar, seine Ligaerfahrung beschränkt sich auf die Ukraine, dazu kommen jedoch auch besagte Länderspiele und immerhin 71 Partien im Europapokal. Mit diesem Selbstbewusstsein tritt er in seinen ersten Wochen in Dortmund auf.

"Er ist jemand, der uns sofort hilft", hatte Zorc deswegen angekündigt. Eine Aussage, die bemerkenswert ist. Denn eigentlich passte der Transfer nicht wirklich in die Transferstrategie des BVB.

Yarmolenko ist kein vielversprechendes Talent, das erst in einigen Jahren auf dem Höhepunkt sein wird, keine Investition in die Zukunft wie etwa Jadon Sancho, Jeremy Toljan, Mo Dahoud, Maximilian Philipp oder Dan-Axel Zagadou.

Yarmolenko nimmt Druck von den Youngstern

Mit 27 Jahren hat er bereits einiges erlebt und bringt zumindest die Grundvoraussetzung dafür mit, von entwicklungsbedingten Leistungstälern eher verschont zu bleiben als junge Kollegen wie der ebenfalls starke Philipp.

Für den BVB ist die Tatsache, dass sich Yarmolenko direkt so überzeugend einfügt, umso wichtiger, da er in Abwesenheit der verletzten Marco Reus und Andre Schürrle den Druck auf Youngster wie Philipp oder auch den immer wichtiger werdenden Christian Pulisic abschwächt.

Zudem bringt er mit seiner beeindruckenden Physis, seiner Schussstärke, aber auch mit seinen guten Standards noch einmal eine neue Facette ins Spiel der Schwarz-Gelben.

Bosz: Yarmolenko hat noch Probleme mit den 90 Minuten

Peter Bosz sprang am Mittwochabend zumindest nicht auf den Zug des überschwänglichen Lobes mit auf. Doch zwischen den Zeilen war die Wertschätzung des Trainers, der eigentlich keine Einzelspieler hervorheben wollte, doch herauszulesen: "Man sieht, dass er noch Probleme hat, das 90 Minuten durchzuhalten. Aber er ist ein sehr guter Spieler und an fast allen Toren beteiligt."

Der Hype in den sozialen Medien ist groß. Besonders nach der Enttäuschung infolge des Dembele-Verhaltens rund um seinen Barca-Transfer sehnt sich die Dortmunder Fanseele nach Lieblingen. Mit seiner unprätentiösen Art zu spielen und sich zu geben, hat Yarmolenko das Zeug dazu, in diese Rolle zu schlüpfen.

Gewiss ist der ganz große Hype nach nun erst drei Startelfeinsätzen verfrüht. Ähnlich wie der BVB wird auch Yarmolenko nicht ausschließlich Galas abliefern. Der Start im schwarz-gelben Trikot jedoch kann sich sehen lassen.

Und die Sprachbarriere ist laut Bosz ohnehin kein allzu großes Thema: "Er ist noch nicht lange da, aber er versteht sich sehr gut mit den Mitspielern. Gute Spieler verstehen sich immer schnell auf dem Platz."

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