Fussball

Der HSV steigt aus der Bundesliga ab: Die Wende kam einen Hollerbach zu spät

Der Hamburger SV ist aus der Bundesliga abgestiegen.
© getty

Der Hamburger SV ist zum ersten Mal aus der Bundesliga abgestiegen. Die Gründe dafür sind vielfältig, der erste Abstieg hat sich lange angedeutet und ist unter dem Strich verdient. Die Entwicklungen der letzten Wochen machen jedoch Hoffnung für den Wiederaufbau.

Uwe Seeler machte sich Sorgen um seinen HSV. Seit Jahren. Doch immer wieder hatte es ein Happy End für seinen Herzensverein gegeben.

Diesmal nicht. "Ich bin traurig", sagte der geknickte Seeler: "Hamburg ohne erste Liga kann ich mir noch gar nicht vorstellen." An diese Vorstellung wird sich die Vereinsikone jedoch gewöhnen müssen. Denn um 17.37 Uhr war es Gewissheit: Der Hamburger SV ist nach 54 Jahren und 261 Tagen zum ersten Mal überhaupt abgestiegen. Die Bundesliga-Uhr im Volksparkstadion wird aufhören zu ticken.

HSV steigt trotz Sieges gegen Gladbach ab

Und das obwohl der HSV seine eigenen Hausaufgaben am letzten Spieltag erledigte. Angetrieben von weitgehend positiv verrückten Fans, fuhren die Hamburger gegen Borussia Mönchengladbach einen verdienten 2:1-Heimsieg ein. Weil zeitgleich der VfL Wolfsburg allerdings gegen den 1. FC Köln gewann, reichte es eben nicht.

"Ich wusste schon, dass es schwer wird, wenn man von anderen abhängig ist. Wir haben die letzten Jahre auch schon Wunder erlebt, aber immer wieder Wunder gibt es nicht", fasste Seeler zusammen.

Der HSV stieg nicht am Samstag ab. Und er stieg auch nicht in den letzten acht Spielen ab.

Entscheidung für Christian Titz hatte einen Effekt

Denn die Entscheidung für Christian Titz war seit Jahren die erste auf der Trainerposition, die einen echten Effekt hatte. Seitdem der 47-Jährige am Ruder war, spielten die Hamburger so gut und ansehnlich wie lange nicht.

Anstatt im Abstiegskampf auf Kratzen und Beißen zu setzen, war der HSV eine der wenigen Mannschaften in der Bundesliga, die den Ball haben wollte und einen offensiven Plan hatte. "Wir spielen das erste Mal seit vier Jahren Fußball", lobte Lewis Holtby die Spielidee seines Trainers zuletzt.

Eben jener Holtby war zuletzt das Gesicht des Hamburger Aufschwungs. Unter Markus Gisdol und Bernd Hollerbach hatte er auf der Tribüne gesessen. Titz machte Holtby zu seinem Mann, sprach ihm das volle Vertrauen aus und bekam dies mit Leistung und Toren zurückgezahlt. In acht Spielen unter Titz erzielte er fünf Treffer, unter anderem das Siegtor gegen Gladbach.

HSV in der Titz-Tabelle auf Platz sechs

Und der Erfolg gab Titz' Ansatz Recht. In acht Spielen holte das Team 13 Punkte. In der imaginären Titz-Tabelle steht der HSV auf Platz sechs. Die echte Tabelle zeigt allerdings Platz 17 und dieser bedeutet nun mal den Abstieg.

"Ich habe es das erste Mal nach 80 Minuten gespürt. Im Moment ist es eine große Enttäuschung", sagte Titz, sichtlich nach den richtigen Worten suchend. "Ich war bis zuletzt überzeugt, dass wir gewinnen und dass es reichen könnte. Ich bin trotzdem stolz auf die Jungs und auf das, was sie in den letzten acht Wochen bereit waren zu geben, dieses Wunder noch möglich zu machen."

Wenngleich der beeindruckende Endspurt und das Kratzen am Wunder über einiges hinwegtäuscht, ist der Abstieg sportlich verdient. Über einen Großteil der Saison war der HSV eben die zweitschwächste, während des Kölner Zwischenhochs sogar eine Zeitlang die schwächste Mannschaft die Liga.

Abstieg des HSV logische Konsequenz

Der Abstieg ist die logische Konsequenz aus einer Aneinanderreihung an Fehlentscheidungen über Jahre hinweg. Die Gründe sind mannigfaltig.

Der Verein hat seinen Standortvorteil, seine starke Infrastruktur und seine riesige Fanbase nicht genutzt. Selbst mit den Millionenzuschüssen von Investor Klaus-Michael Kühne ist es über Jahre hinweg nicht gelungen, den Kader sinnvoll zusammenzustellen.

Darüber hinaus gab es in der Besetzung der Trainerposition nie eine klare Idee. Alleine in dieser Saison waren mit Markus Gisdol, Bernd Hollerbach und Christian Titz drei Trainer am Werk, deren Idee vom Fußball eine grundlegend unterschiedliche ist. Entsprechend passten jeweils Teile des Kaders nicht zusammen.

Das Idealbild eines Vereins, dessen Führung eine klare Linie vorgibt und nach dieser den Trainer und den Kader aussucht, gab es in den letzten Jahren in Hamburg nicht.

Hohe Fluktuation in der Vereinsführung des HSV

Das ist auch ein Ergebnis eines häufigen Wechsels in der Führungsriege. Seit 2014 waren Carl-Edgar Jarchow, Dietmar Beiersdorfer, Heribert Bruchhagen und nun Frank Wettstein Vorstandsvorsitzende. Dem Aufsichtsrat standen in dieser Zeit Jens Meier, Karl Gernandt, Dr. Andreas Peters, Michael Krall und Bernd Hoffmann vor. Auf der Position des Sportdirektors waren Peter Knäbel, Oliver Kreuzer, Dietmar Beiersdorfer und Jens Todt tätig.

Es kehrte über Jahre hinweg keine Ruhe ein. Zwischenstände aus Gesprächen mit Trainern und Sportdirektoren gerieten an die Öffentlichkeit, bereits fix scheinende Personalien platzten doch noch und ständig gab Investor Kühne seinen Senf dazu. Zur "schlechtesten Investition seines Lebens", wie er den HSV kürzlich in einem Interview mit der Bild bezeichnete.

Der Abstieg war nicht das Ergebnis einer Ausrutschersaison. Er hat sich von langer Hand abgezeichnet und wäre bereits in den Vorjahren verdient gewesen.

Das eigentliche Paradox ist, dass er nun in einer Phase Realität wurde, in der der HSV erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit ein solides Bild abgab. Sportlich wie in der Außendarstellung. Plötzlich schien das Wunder möglich und plötzlich schien jeder wieder daran zu glauben.

Letztlich schaffte es Titz trotz größter Bemühungen allerdings auch nicht, den Dino noch einmal wiederzubeleben. Acht Spiele waren zu wenig, um das Wunder noch zu schaffen.

Wochen unter Bernd Hollerbach entscheidend

In der Retrospektive lässt sich vieles am Missverständnis Bernd Hollerbach aufhängen. Als dieser den Posten beim HSV übernahm, stand der Klub zwar ebenfalls schon auf Tabellenrang 17. Allerdings hatte er nur einen Punkt Rückstand auf den Relegationsplatz und vier aufs rettende Ufer.

Was folgte, waren Wochen der Phrasen, des immer schwächer werdenden Fußballs und der ausbleibenden Erfolge. In sieben Spielen holte Hollerbach nur drei Punkte, der Relegationsrang war nun sieben Punkte entfernt.

"Meine Meinung ist, dass der Trainer zu spät gekommen ist", sagte Kyriakos Papadopoulos am Samstag. "Jeder hat die Schritte nach vorne gesehen. Es tut mir leid, dass wir erst am Ende so ein Gesicht gezeigt haben."

Titz sorgte für eine Wende, doch sie kam tatsächlich einen Hollerbach zu spät. Mit dem Fußball und dem Punkteschnitt des ehemaligen U23-Erfolgstrainers wäre unter Umständen sogar das Wunder möglich gewesen.

HSV mit einem neuen Ziel: Aufstieg in die Bundesliga

Es blieb aus. Seit Samstagabend steht ein nie dagewesenes Ziel im Plan des HSV: der Aufstieg in die Bundesliga. Hoffnung, dieses Ziel auch zu erreichen, machen die Entwicklungen der letzten Wochen.

Das Publikum steht zum Verein, ein Großteil der Zuschauer solidarisierte sich neben den wenigen Ausfällen auch am Samstag mit dem Team. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann hat eine Vision. In seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender (2003 bis 2011) schöpfte der HSV zwar ebenfalls nicht sein Potenzial aus, spielte jedoch häufig europäisch. Darüber hinaus bekannte sich mit Kapitän Gotoku Sakai der erste Leistungsträger zum Klub. Ein wichtiges Signal in der schwärzesten Stunde der Vereinsgeschichte.

Die wichtigste Personalie für die Mission Wiederaufstieg ist jedoch der Trainer. Im Laufe der vergangenen Woche machte der HSV die Entscheidung öffentlich, dass Titz auch in der 2. Liga als Trainer im Amt bleiben werde. Am Montag sollen die finalen Vertragsgespräche stattfinden. Mit seinem Rückhalt in der Mannschaft und bei den Fans sowie seiner Spielidee ist der 47-Jährige für den Neuaufbau des HSV in Liga zwei prädestiniert.

Die Sorgen, die sich Uwe Seeler jahrelang um seinen HSV machen musste, weichen künftig der Hoffnung auf den Wiederaufstieg. Im Unterhaus ist der HSV qua Definition direkt Top-Favorit und mit Sicherheit wird es häufiger Grund zu feiern geben als in den quälenden letzten Jahren.

Auch für Seeler. Der ist dann jedenfalls wieder an Bord: "Ich werde auch zur zweiten Liga gehen." Ist ja klar.

Bundesliga-Tabelle nach 34 Spieltagen: HSV abgestiegen

PlatzVereinSpieleTore:GegentoreTordifferenzPunkte
14.1. FSV Mainz 053438:52-1436
15.SC Freiburg3432:56-2436
16.Wolfsburg3436:48-1233
17.Hamburger SV3429:53-2431
18.1. FC Köln3435:70-3522
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