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Respektlose Chamäleons

Sonntag, 28.08.2016 | 23:40 Uhr
Am Ende feierte RB Leipzig den Punktgewinn wie einen Sieg
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RB Leipzig hat sich mit erfrischendem Offensivfußball und Hang zum Drama in der Bundesliga vorgestellt - wenngleich die Mannschaft zu Beginn der Partie gegen 1899 Hoffenheim mit der Situation überfordert war. Dann griff jedoch eine der laut Trainer Ralph Hasenhüttl wichtigsten Eigenschaften des Teams: die Anpassungsfähigkeit.

Noch nicht einmal eine Minute ist RB Leipzig Mitglied der ersten Bundesliga, da müssen alle, die es mit dem Emporkömmling halten, schon tief durchatmen.

Nach einem Steilpass taucht Mark Uth von 1899 Hoffenheim im Sechzehner auf, Torhüter Peter Gulacsi hat aufgepasst und kann vor dem heraneilenden Angreifer klären, doch das Leder landet im Fuß von Sebastian Rudy. Dessen satten Schuss wehrt Gulacsi mit einer starken Parade ab.

Der Sekundenzeiger vollendet erstmals eine Runde in der jungen Saison. Herzlich willkommen in der Bundesliga, RB Leipzig. Gut zehn Minuten schwimmt das Team von Trainer Ralph Hasenhüttl und weiß nicht, wo oben und unten ist.

"Zu viel Respekt vor der Liga"

"Die ersten Minuten waren heftig, da waren wir vor allem defensiv zu naiv und unsortiert. Wir hatten zu viel Respekt vor der Liga", ordnete Hasenhüttl die vogelwilde Anfangsphase hinterher ein.

Kapitän Dominik Kaiser stieß ins gleiche Horn: "Es ging von Anfang an ordentlich zur Sache, da haben wir gemerkt, dass in der Bundesliga ein anderer Wind weht. Danach waren wir gut im Spiel."

Kaiser war an der Aktion beteiligt, die die Wende für die Bullen einleitete. Nach einem starken Spielzug bediente Halstenberg den Kapitän, der vom Elfmeterpunkt freistehend am starken Baumann scheiterte.

Bullen? Chamäleons!

Zwar brachte die Szene nicht die Führung für die Gäste, ab diesem Moment hatten sie jedoch den Respekt endgültig abgelegt.

Geht es nach dem Österreicher, besteht seine Mannschaft nicht aus Bullen. Aufgrund einer besonderen Qualität hat er ein Team aus Chamäleons: "Es zeichnet meine Mannschaft jetzt schon aus, dass wir die Fähigkeit haben, uns schnell an das höhere Niveau zu gewöhnen. Die Truppe hat sehr schnell gelernt, was geht und was nicht geht", lobte Hasenhüttl die Anpassungsfähigkeit seiner Mannschaft.

In der Folge zeigte RB mit erfrischendem Offensivfußball, warum viele Experten sie bereits in dieser Saison als potenzielle Überraschung auf dem Zettel haben.

Starke Werte

Hohes Tempo, viele Torraumszenen, engagierte Zweikämpfe, die Abschlusspartie des ersten Spieltags der neuen Saison war noch einmal ein echtes Highlight - und der Aufsteiger war die bessere Mannschaft.

Mit 9:2 Ecken und 23:11 Torschüssen dominierten sie ein keineswegs schwach spielendes Hoffenheim. Nur Titelverteidiger Bayern München schoss am Auftaktwochenende häufiger aufs Tor (27). Auch die Laufleistung der Sachsen konnte sich sehen lassen: Mit 113 liefen sie fünf Kilometer mehr als der Gegner, hatten mehr Sprints (209 zu 205) und intensive Läufe (600 zu 551) auf der Habenseite.

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"Mit unserer Art, Fußball zu spielen, können wir eine Bereicherung für die Bundesliga sein", resümierte Hasenhüttl.

Ausgerechnet in Hoffenheim

Dass die Leipziger ihre erste Duftmarke in der Bundesliga ausgerechnet in Sinsheim setzten, passte ins Bild. Seit dem Hoffenheimer Aufstieg 2008 gab es keinen so großen Hype mehr um einen Aufsteiger, dessen Spielweise und dessen Ambitionen. Damals trug die Euphorie Hoffenheim bis zur Herbstmeisterschaft.

Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick (damals Trainer der TSG) und Verteidiger Marvin Compper werden daran zurückgedacht haben. Zumal die Spielweise an den einstigen "flotten Fußball" der Kraichgauer erinnerte.

Hohes Pressing birgt Risiken

RB legte keinen Wert auf eigenen Ballbesitz (43 Prozent). Stattdessen setzte man auf frühe Ballgewinne und schnelles Umschalten - wie Ralf Rangnick im exklusiven Interview mit SPOX ausführte.

Mit hohem Pressing und frühem Attackieren des Gegners schaffte es die Hasenhüttl-Elf, das Spiel vom eigenen Tor fernzuhalten. Nicht einmal 20 Prozent des Spielgeschehens spielten sich im ersten Drittel der Leipziger ab. Zum Vergleich: Im Defensivdrittel der Hoffenheimer fanden 33 Prozent aller Aktionen statt, 47 Prozent in der Zentrale.

Diese Spielweise birgt jedoch Risiken, wie die Schlussviertelstunde zeigte. Die Bullen gaben sich mit dem Remis nicht zufrieden, rückten weit auf, um den Ball in des Gegners Hälfte zu erobern und so das Siegtor zu erzwingen.

Gleich in zwei Situationen liefen sie dadurch in Konter der Hausherren. Den ersten ließ Sandro Wagner durch ein schwaches Zuspiel noch fahrlässig verpuffen, den zweiten spielte Hoffenheim bilderbuchmäßig zu Ende. Uths Treffer zum 2:1 hätte Leipzig beinahe um den Lohn der Arbeit gebracht.

Viel zu lernen du noch hast

"Es wäre nach dem super Spiel von uns unverdient gewesen, wenn wir mit einer Niederlage nach Hause müssten", kommentierte Yussuf Poulsen die beinahe verlorene Partie.

Zwar hat der Däne mit dieser Aussage inhaltlich Recht, nichtsdestotrotz ist es genau das, was die Mannschaft sich über die nächsten Wochen noch aneignen muss: Nach einer guten Leistung nicht kopflos alles nach vorne zu werfen, im Zweifel auswärts auch einmal mit einem Zähler zu leben.

"Das war teilweise Harakiri", kommentierte Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann den Spielverlauf. Zwar bezog er sich dabei vornehmlich auf sein eigenes Team. Die Aussage trifft allerdings auch auf Leipzigs Spiel zu - speziell in der angesprochenen Schlussphase.

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Gefühlter Punktgewinn

Letztlich ging es durch den späten Ausgleichstreffer von Marcel Sabitzer gut. So gut, dass sich das Remis nun wie ein dreifacher Punktgewinn anfühlt: "Das war ein euphorischer Tag für unsere Mannschaft", sagte Yussuf Poulsen. Sturmkollege Timo Werner pflichtete ihm bei: "Am Ende ist es natürlich ein bisschen glücklich, dass wir noch mit einem Punkt nach Hause fahren."

Zehn Minuten vorher wäre man mit einem Punkt wohl noch nicht glücklich gewesen und hätte mehr gewollt.

Bei all der Euphorie über die starke Leistung dürfen Ralph Hasenhüttl und seine Truppe nicht vergessen, dass zählt, was unter dem Strich steht. Und das ist nicht etwa ein deutlicher Sieg, sondern eben ein Zähler.

Zwischen "nur ein Punkt" und "ein glücklicher Punkt" liegen manchmal nur wenige Minuten. Genau wie zwischen "zu viel Respekt vor der Liga" und "Bereicherung für die Liga". Für die Leipziger Chamäleons ist die Anpassung aber offenbar kein Problem.

Hoffenheim - Leipzig: Die Statistik zum Spiel

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