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Echte Krise

Samstag, 04.10.2014 | 23:14 Uhr
Am Boden: Der BVB kassierte in den letzten vier Bundesligaspielen drei Niederlagen
© Getty
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Der BVB stolpert bei der Pleite gegen den Tabellenletzten Hamburger SV endgültig in eine waschechte Krise. Die Personallage bei Borussia Dortmund ist bekannt - kann für diesen beängstigenden Auftritt aber nicht als Ausrede herhalten. Die Euphorie nach Anderlecht ist wieder dahin.

Reaktionen:

Jürgen Klopp (Trainer Borussia Dortmund): "Bei all unseren Ambitionen und Zielen ist das aktuell viel zu wenig. Den Schuh ziehe ich mir an. Ich bin für die Aufstellung und die Einstellung der Jungs verantwortlich. Wir stehen da mit sieben Punkten. Wir schauen derzeit sicher nicht nach oben. Heute haben wir viel zu wenig Fußball gespielt, offene Räume am Flügel zu selten genutzt, um den Gegner in größere Schwierigkeiten zu bringen. Bei uns geht es weder um Qualität und Einstellung. Es geht für den Moment um Form. Wir wussten, dass diese Phase mit diesen vielen englischen Wochen in dieser personellen Konstellation schwierig wird. Die Punktausbeute, die wir erzielt haben, war unnötig."

Erik Durm (Borussia Dortmund): "Zunächst muss ich einmal sagen, dass ich ein katastrophales Spiel gemacht habe. Es waren viel zu viele Fehlpässe. Aber auch insgesamt verlief die erste Halbzeit überhaupt nicht so, wie wir uns das vorgestellt hatten. Alles in allem: Ein bitterer Abend für uns. Sieben Punkte nach sieben Spielen sind alles andere als unser Anspruch."

Joe Zinnbauer (Trainer Hamburger SV): "Wir sind in der ersten Halbzeit gut ins Spiel gekommen. Wir wollten mit aggressivem Spiel gegen den Ball Dortmund das Leben so schwer wie möglich machen. Das hat gut geklappt. Endlich hat sich die Mannschaft für ihre Leistung belohnt."

Nicolai Müller (Hamburger SV): "Wir wussten, dass nicht alles von heute auf morgen geht. Deshalb sind wir ruhig geblieben. Wir haben einen Plan, und diesen versuchen wir umzusetzen. Doch manchmal stehen Spiele auf Messersschneide und kippen in die andere Richtung. Heute haben wir uns alles hart erarbeitet. Wenn wir so agieren, werden wir auch weitere Punkte einfahren."

Dennis Diekmeier (Hamburger SV): "Ich hab gedacht: Bitte, bitte lass uns dieses Spiel gewinnen. Wir haben so viel investiert, das muss doch mal belohnt werden. Jetzt haben wir zwei Wochen, um weiter zu arbeiten, aber mit einem positiven Erlebnis im Rücken. Das macht es um einiges einfacher."

Nachbetrachtung:

"Glaubt mir eines. Es kann noch einen Moment dauern, aber wir kommen", hatte Jürgen Klopp am vergangenen Wochenende nach der Niederlage im Revier-Derby trotzig angekündigt. Und seine Truppe hatte den Worten ihres Trainers taten Folgen lassen. Mit 3:0 bezwang man in der Königsklasse den RSC Anderlecht. Endlich wieder ein Sieg, und das auch noch ohne Gegentor. Gruppenerster in der Königsklasse. Balsam für die zuletzt geschundene BVB-Seele.

Einen "ersten Schritt nach vorne" hatte Dortmunds neuer Kapitän Mats Hummels ausgemacht und den Blick wie viele seiner Kollegen sofort auf den HSV gerichtet. Das Duell mit dem Tabellenschlusslicht wurde zum Pflichtsieg auserkoren. Volle Konzentration gelte der Aufgabe gegen die Nordlichter, denn - so der allgemeiner Tenor: Viel wert ist der Sieg gegen die Belgier nicht, wenn in der Bundesliga nicht nachgelegt wird.

Noch kein Spiel ohne Gegentor

Die gute Stimmung, die Euphorie ist spätestens seit Samstag, 17.25 Uhr wieder dahin. Das 0:1 gegen den HSV markierte den Tiefpunkt der aktuellen Talfahrt des BVB. Einen mickrigen Punkt gab's aus den vergangenen vier Spielen, zwölf Tore kassierte Schwarzgelb in der laufenden Saison, zu Null spielte man in der Liga noch gar nicht. Die Westfalen wollten endlich wieder die Bayern ärgern, auf Platz 13 liegend sind sie aber momentan näher an einem direkten Abstiegsrang als an Europa-League-Platz sechs. Ein sehr schlechter Start, den man trotz WM-Nachwehen nicht erwartet hatte.

Natürlich sind die Probleme des BVB einerseits bekannt, vor allem personell geht der Vizemeister am Stock und zwingt die fitten Spieler an die absoluten Grenzen. Doch der gruselige Auftritt gegen den HSV kann nicht nur an den Verletzten oder der Mehrfach-Belastung festgemacht werden. Vielmehr zeigt er grundlegende Probleme des BVB in der laufenden Spielzeit auf.

Ramos mit dem nächsten Patzer

Zwar stellte sich Klopp nach der Partie demonstrativ vor die Mannschaft und sagte, er würde sich für die aktuelle Situation "den Schuh anziehen", doch kann er definitiv nichts gegen die eklatanten individuellen Patzer ausrichten, die den BVB immer wieder zurückwerfen. Zuletzt war es Ramos, der im Derby ein Tor der Königsblauen durch einen Querpass im eigenen Sechzehner verschuldete - laut OPTA der vierte schwere Patzer im sechsten Spiel, der direkt zu einem Treffer des Gegners führte. Ligahöchstwert.

Und auch gegen den HSV erzeugte der Stürmer am meisten Gefahr für das eigene Tor, als er das entscheidende 0:1 durch Lasogga mit einem Katastrophen-Pass im Mittelfeld einleitete. Dabei war der Kolumbianer nicht der einzige, der sich einen rabenschwarzen Tag erlaubte.

"Habe ein katastrophales Spiel gemacht"

"Zunächst muss ich einmal sagen, dass ich ein katastrophales Spiel gemacht habe", zeigte sich Rechtsverteidiger Erik Durm nach dem Abpfiff selbstkritisch. Lediglich 40,6 Prozent seiner Pässe fanden den eigenen Mann. Auch Ramos (52,2 Prozent, 38,9 in der gegnerischen Hälfte) und Pierre-Emerick Aubameyang (50 Prozent) hatten am Ende indiskutable Passquoten zu Buche stehen.

Und während Anderlecht unter der Woche nicht viel Interesse an Pressing oder geordnetem Abwehrverhalten hatte, legten die Norddeutschen mit ihrem bissigen Spiel gegen den Ball offen, wie anfällig der BVB momentan unter Druck agiert. Alleine die Außenverteidiger Marcel Schmelzer (31) und Durm (30) leisteten sich zusammen 61 Ballverluste (!) gegen den HSV. Kapitän Hummels, der die Mannschaft noch lange nicht so stabilisieren kann, wie gewollt, musste die Kugel 22 Mal an den HSV abtreten.

Wie schon in den letzten Spielen stockte so der Spielaufbau, das Offensiv- und Positionsspiel wirkte mitunter kopflos. "Heute haben wir viel zu wenig Fußball gespielt, offene Räume am Flügel zu selten genutzt", analysierte Klopp. In der Tat attackierte der BVB hauptsächlich durch das Zentrum, Shinji Kagawas Genie blitze dabei zu selten und vor allem zu spät auf. Die Flügel verwaisten, die erste Torchance des BVB gegen den Tabellenletzten wurde in der 72. Minute notiert.

"Geht nicht um Qualität und Einstellung"

"Bei all unseren Ambitionen und Zielen ist das aktuell viel zu wenig", legte Klopp nach der Partie den Finger in die Wunde. In einer Phase, in der die Dortmunder aufgrund der vielen Verletzten und Umstellungen instabil wirken, in der sogar die größte Stärke - das aggressive Verteidigen und schnelle Umschalten - keine Selbstverständlichkeit mehr ist, darf man es sich eben nicht erlauben, ein solches Spiel abzuliefern. Gegen den Tabellenletzten, vor eigenem Publikum.

Die mühsam erarbeitete positive Stimmung nach Anderlecht ist schnell wieder verflogen. Sieben Punkte aus sieben Spielen seien "nicht unser Anspruch", schimpfte Durm. "Wir wussten, dass diese Phase mit diesen vielen englischen Wochen in dieser personellen Konstellation schwierig wird", meinte Klopp, der nach der Länderspielpause auf den ein oder anderen Rückkehrer hofft, um die Mannschaft wieder aus dem psychischen und physischen Loch zu holen.

Denn, so brachte es der BVB-Coach nach dem Schlusspfiff auf den Punkt: "Bei uns geht es weder um Qualität, noch Einstellung. Es geht für den Moment um die Form."

Dortmund - Hamburg: Daten zum Spiel

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