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Spielen auf Zeit

Von Stefan Rommel
Sonntag, 21.09.2014 | 17:26 Uhr
Die Bayern-Verantwortlichen schauen kritisch, der Rekordmeister kommt nicht ins Laufen
© Getty
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Das Remis in Hamburg zeigt erneut, dass selbst Klassenprimus FC Bayern München unter den widrigen Gegebenheiten zu leiden hat. Trainer Pep Guardiola wiederholt deshalb seine Bedenken, was den weiteren Verlauf der Vorrunde betrifft. Die Vergleiche mit den Über-Bayern der abgelaufenen Saison sind derzeit auf jeden Fall kaum zulässig.

Der Presseraum im Bauch der Hamburger Arena war prall gefüllt. Die Journalisten waren aus der Mixed Zone im Parterre hochgelaufen in den ersten Stock, einige Dutzend VIP-Gäste hatten die andere Richtung genommen und waren von den Etagen darüber nach unten geeilt.

Die Pressekonferenz mit Josef Zinnbauer nach dessen ersten Bundesligaspiel wollte sich keiner entgehen lassen. Aus dem neuen Hamburger Trainer sprudelte es nur so heraus, Zinnbauer war noch sichtlich ergriffen nach seiner Premiere. Er sprach von seinen Gänsehautmomenten und seiner emotionalen Ansprache an die Spieler. Die Rede kam dann kurz auch auf Jürgen Klinsmann, aber das war wohl eher scherzhaft gemeint.

Und während Zinnbauer so vor sich hin schmunzelnde und redete, saß Pep Guardiola daneben und verzog kaum eine Miene. Der Spanier ließ nur seine Augen sprechen. Sein Blick schien leer, fast schon ein wenig traurig.

Derzeit keine Über-Bayern

Vermutlich hat der ewige Tüftler Guardiola da die 90 Minuten von Hamburg bereits im Kopf seziert. An ihn wurden keine Nachfragen gestellt, was etwas ungewöhnlich ist für einen Trainer des FC Bayern. Und noch ein bisschen ungewöhnlicher, wenn der FC Bayern die vorangegangene Partie nicht nach seinen Wünschen gestalten konnte.

Das 0:0 von Hamburg war schon die zweite von vier Bundesligapartien in dieser Saison, in der die Bayern den Platz nicht als Sieger verließen. Die Saison ist noch jung, den Titel kann man jetzt weder schon gewinnen noch verlieren. Trotzdem hat es in der abgelaufenen Spielzeit doppelt so lange gedauert, bis die Bayern insgesamt vier Punkte haben liegen lassen.

Vielleicht hat man sich auf Bundesligaebene zu sehr daran gewöhnt, dass die Rekord-Bayern alles im Vorbeigehen wegwischen. Aber die vergangene Saison ist vorbei. Und die Realität sieht derzeit so aus, dass sich die angekündigten Probleme in der Art einstellen, wie sie prophezeit wurden.

Kaum konstant spielfitte Spieler

"Das sind die gefährlichsten Spiele", hatte Guardiola vor der Partie gewarnt. Nicht wegen der besonderen Konstellation beim Gegner oder der Spielstärke des HSV. Sondern weil seine dezimierte Mannschaft nach dem Auftakt wohl nicht ganz frisch sein könnte. Deshalb rotierte Guardiola auch beherzt. Gleich vier Stammspieler sollten sich gegen den HSV eine Verschnaufpause nehmen.

Dass sich in den Minuten vor dem Anpfiff dann ausgerechnet Arjen Robben doch noch verletzt abmeldete, verlängert die ohnehin schon angespannte Personalsituation bei den Bayern erneut. Nach rund 20 Minuten Spielzeit zuletzt gegen Manchester City ist Robben nun erneut verletzt ausgefallen. Es ist die 21. Verletzung eines Bayern-Spielers seit Anfang Juli.

Gegen City hatte auch Franck Ribery gefehlt - nachdem er im Spiel davor gegen Stuttgart nach einer Verletzungspause wieder 22 Minuten spielen durfte. Selbstverständlich war Ribery deshalb auch in Hamburg nicht dabei.

Guardiola sieht sich bestätigt

Da verwunderte es auf den ersten Blick, dass Guardiola zusätzlich zu Robben, Ribery, Thiago und Bastian Schweinsteiger auf Größen wie Xabi Alonso, Mario Götze und Robert Lewandowski verzichtete. Dazu hätte auch Thomas Müller kommen sollen, aber der musste dann doch kurzfristig für Robben einspringen.

Aber der Trainer weiß, wie lange auch diese Saison sein wird. Und positiv betrachtet hat er mit der sicherlich diskussionswürdigen Aufstellung gegen den HSV auch bewiesen, dass er den Spielern zwölf bis 18 im Kader voll vertraut. Die Besetzung des bayerischen Mittelfelds gegen die Hamburger war ein Traum für jeden Bayern-Fan: Lahm, Hjobjerg, Alaba - alle drei ausgebildet im eigenen Stall.

Die Kritiker an den Rochaden hat das wenig interessiert, sie wollten beim Tabellenletzten einen Sieg. In Barcelona hat Guardiola in Ligaspielen gerne so riskant durchgetauscht. Im Zweifel hat ihm Leo Messi dann den Sieg beschert, selbst wenn nicht alles so nach Plan gelaufen ist.

"Es war nicht ganz leicht, nach dem Champions-League-Spiel gegen Manchester City gut in die Partie zu kommen", sagte Guardiola. "In der zweiten Halbzeit wurde es ein bisschen besser, leider haben wir unsere Chancen nicht genutzt." Er fühlt sich ebenso wie Sportvorstand Matthias Sammer bestätigt, dass die Hinrunde eine sehr wackelige Angelegenheit werden könnte für die Bayern.

"Schwere Zeit bis Dezember"

Sammer sagte, er habe gehörigen Respekt vor der Partie in Hamburg. Die Gegner dürften spätestens jetzt bemerkt haben, dass die Bayern etwas von ihrer Aura der Unbezwingbarkeit verloren haben und in der Hinrunde durchaus auf irdischen Pfaden wandeln. "Wir müssen jetzt immer weiterarbeiten, ich habe meine Meinung nicht geändert: Bis Dezember liegt eine schwere Zeit vor uns", wiederholte Guardiola nach der Hamburg-Partie seine Vorhersage vom Sommer. Nur jetzt hat er auch die nötige Gewissheit.

Und er konnte auch sehen, wer vielleicht doch nicht so reibungslos funktioniert in dieser ansonsten so gewaltigen Maschine. Der junge Pierre Emile Hojbjerg enttäuschte in Hamburg, Dante wirkt auch zwei Monate nach der WM noch so verunsichert wie einen Tag nach dem Desaster gegen Deutschland, Xherdan Shaqiri forderte zuletzt einiges, bringt aber nicht die entsprechende Leistung auf den Platz, David Alaba hat als Mittelfeldspieler nicht den Einfluss auf das Bayern-Spiel, den er sich offenbar selbst zutraut. Die Standards waren auch gegen den HSV harmlos. Dafür darf die Ausrede mit den vielen Verletzten nicht herhalten.

"Wir haben nicht die Spannung auf den Platz bekommen, die man für ein Bundesligaspiel braucht", sagte Müller. Es war jetzt schon ein paar Mal zu erkennen, dass den Bayern phasenweise eine Spur Selbstverständlichkeit fehlt. "Wir haben zu sehr darauf gewartet, dass uns etwas in den Schoß fällt", fügte Müller noch an.

Seine Mannschaft sucht derzeit ein wenig nach sich selbst. Einzelne Spieler ihre Form und/oder die richtige Position im Team, das Team als solches die Leichtigkeit der vergangenen Saison. Das geht fast jedem anderen Bundesligisten so, der große Teile seiner Armada gen Brasilien schicken musste. Aber beim FC Bayern fällt so etwas eben sofort auf.

Gewinner trotz Remis

"Wir müssen kämpfen, fighten, stabil sein", sagt Sammer. "Wir müssen die Vorrunde überstehen." Das klingt ein wenig martialisch, die Bayern jammern schließlich auf recht hohem Niveau. In ihrer Welt haben sich aber ein paar Parameter verschoben.

Kurios wird es dann, wenn die Bayern nicht überzeugend spielen und punkten - und am Ende doch so etwas wie Gewinner sind. Die Niederlagen der vermeintlich größten nationalen Konkurrenten Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen wenige Stunden später lässt das Remis in Hamburg plötzlich in einem anderen Licht erscheinen.

Josef Zinnbauer hat im Überschwang der Gefühle die Bayern zur "derzeit besten Mannschaft des Planeten" ausgerufen. Man kann den Münchenern ja einiges anheften. Diese Prädikat im Moment aber eher nicht.

Hamburg - Bayern: Daten zum Spiel

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