Nach der Auferstehung die Himmelfahrt?

Von Norbert Pangerl
Sonntag, 19.08.2012 | 14:50 Uhr
Im Kader des SC Freiburg stehen hauptsächlich junge, entwicklungsfähige Spieler
© Getty
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In den Tagen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs in einer Vorschau-Serie vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: SC Freiburg.

Der SC Freiburg war so etwas wie die große Überraschung der vergangenen Bundesliga-Saison. Nach der Hinrunde noch abgeschlagen Letzter, retteten sich die Breisgauer dank einer famosen Rückrunde mit 27 Punkten und Platz 7 in der Rückrundentabelle noch auf Platz 12. Der Hauptschuldige an diesem Husarenritt war schnell gefunden: Christian Streich.

Der sympathisch kauzige Trainer schaffte es in nur einem Halbjahr vom weitgehend unbekannten, kritisch beäugten "Jugendtrainer" zum über die Vereinsgrenzen hinweg anerkannten und beliebten Fußballlehrer aufzusteigen.

Der 47-Jährige vermochte es mit seiner ungewöhnlichen Art, seinem Ehrgeiz und seinem Fachwissen nicht nur die Spieler, sondern auch den Verein zusammenzuschweißen und ihm neues Leben einzuhauchen. "Schon während des Trainingslagers in der Winterpause haben wir gesagt: Hier ist jetzt ein ganz anderer Geist, Wille und Glauben drin. Es war beeindruckend, wie schnell Christian der Mannschaft den Glauben an sich selbst zurückgegeben hat", beschreibt Sportdirektor Dirk Dufner im "Kicker"-Interview den Mentalitätswechsel unter Streich.

Dass der Höhenflug keine Selbstverständlichkeit war, ist den Machern an der Dreisam bekannt. Deshalb gibt es auch in der kommenden Saison wie eh und je nur ein realistisches Ziel: den Klassenerhalt. "Etwas andere wäre vermessen", sagte Dufner, schob aber gleich hinterher "wenn ein bisschen mehr geht, wollen wir natürlich auch ein bisschen mehr."

Das ist neu

Fast nichts. Tabula rasa machte der SC bereits in der Winterpause, somit konnte die sportliche Führung im Sommer in aller Ruhe für die kommende Spielzeit planen. "Der Kader hat sich nicht großartig verändert. Das ist eine große Chance", ist sich Kapitän Julian Schuster deshalb sicher. Mit Stefan Reisinger, seines Zeichens Fußballgott im Mage Solar Stadium, verließ zwar ein Publikumsliebling den Verein, sportlich spielte der Niederbayer aber - trotz seiner Jokertore - zuletzt kein große Rolle mehr. Dasselbe gilt für die Routiniers Oliver Barth und Andreas Hinkel. Auf der Zugängeseite konzentrierte sich der Sportclub ausschließlich auf junge, talentierte Spieler.

Ezequiel Calvente, von Real Betis ausgeliehen und ehemaliger U-Nationalspieler Spaniens, soll links offensiv Daniel Caligiuri Dampf machen und hat sich für seine Zeit in Deutschland einiges vorgenommen: "Ich bin noch jung und wollte was Neues ausprobieren. Mit Freiburg hoffe ich, fußballerisch den nächsten Schritt zu machen." Auch Max Kruse, Vegar Eggen Hedenstad und Marco Terrazzino fallen in diese Kategorie. Zusammen mit Christian Günter und Mounir Bouziane aus dem eigenen Unterbau eröffnen sie Christian Streich taktisch mehr Möglichkeiten, üben Druck auf die etablierten Kräfte aus und wollen ihrerseits die Chance nutzen, unter Streich zu gestandenen Bundesliga-Profis zu reifen.

Die Taktik

Auch hier hat sich im Vergleich zur vergangenen Saison nichts geändert. Streich setzte in der Vorbereitung auf das bewährte 4-2-2-1-1-System, mit Jan Rosenthal als "Neuneinhalb", wie Streich die Position hinter der einzigen Spitze nennt. Nach Rosenthals Verletzung im Pokal steht aber auch Neuzugang Max Kruse in den Startlöchern.

Ganz vorne vertraut der SC-Coach weiter auf Sebastian Freis. Der Ex-Kölner, enorm laufstark und fleißig, ist aber ebenso wenig ein Knipser, wie Santini und Dembele, die zu Beginn auf der Bank Platz nehmen müssen. Und genau das ist das größte Problem der Freiburger: nach dem Abgang von Papiss Cisse ist zwar das Spiel nicht mehr auf einen Spieler zugeschnitten, es fehlt aber ein Angreifer, der über Qualitäten im Abschluss verfügt und eine hohe Trefferquote garantiert. Momentan ist niemand in Sicht, der Cisses 37 Buden in 65 Spielen für den SC auf lange Sicht egalisieren könnte. Deshalb im Angebot der Freiburger: aggressives Pressing, taktische Disziplin und enorme Laufbereitschaft.

Der Defensivverbund bleibt von Streich nahezu unangetastet. Lediglich Kapitän Julian Schuster kehrt nach seiner Verletzungspause wieder auf die Doppelsechs zurück. Die Abwehrkette mit Sorg (22), der es mittlerweile in die U 21 des DFB geschafft hat, Diagne (23) und Matthias Ginter (18) dürfte eine der jüngsten in der gesamten Bundesliga sein. Dazu kommt nach der Mittelfuß-Verletzung des etatmäßigen Rechtsverteidigers Mensur Mujdza mit Vegar Eggen Hedenstad wohl ein 21-jähriger Neuzugang. "Das ist ein gewolltes Risiko, das ist Freiburg. Wir brauchen Spieler, die entwicklungsfähig sind", sieht Streich darin aber kein Problem.

Der Spieler im Fokus

Matthias Ginter. In einem Alter, in dem sich andere über den Führerschein freuen und das erste Mal nach Lloret de Mar fliegen, hat der Innenverteidiger bereits in der Bundesliga für Furore gesorgt. Sein Tor im Debüt-Spiel zum Rückrundenauftakt leitete den Run der Freiburger ein, dazu stand er in elf Saisonspielen von Beginn auf dem Platz und präsentierte sich dabei erstaunlich abgeklärt.

Zweikampfstark, schnell und mit einem sehr guten Stellungsspiel gesegnet, zeigte der Defensivspieler mit 21 Toren in 39 Spielen in der A-Jugend-Bundesliga auch, dass er weiß, wo das Tor steht. Kein Wunder, dass der Spross einer fußballbegeisterten Familie mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold im Bereich der U 18 prämiert wurde. "Eine tolle Auszeichnung für unsere Jugendarbeit, vor allem aber für den Spieler selbst", freute sich auch Sportdirektor Dufner.

Dass er sich darüber hinaus auch noch mit den A-Junioren den DFB-Pokal und sich selbst das Abitur sicherte, verdeutlicht, welchen Rohdiamanten die Freiburger in ihrem Kader haben, der noch dazu auch charakterlich ein Vorbild für seine Altersgenossen ist.

Die Prognose

Wie auch in den vergangenen Jahren wird es für die Breisgauer gegen den Abstieg gehen. Eine "Himmelfahrt" ist nicht drin. Das wissen auch die Verantwortlichen und das Umfeld. Mit Christian Streich sitzt ein Trainer auf der Bank, der den Verein kennt und auch bei einer Negativserie ruhig im Sattel sitzen dürfte.

Dank der Millionen aus dem Cisse-Verkauf kann der SCF bei Bedarf auch nochmal auf dem Transfermarkt nachlegen. "Wenn wir einen Spieler holen, muss er ins Gefüge passen - und zwar in erster Linie auch finanziell. Es geht nicht, dass ein Spieler das Gehaltsgefüge sprengt, sonst bekommt man Probleme in der Mannschaft", schiebt Christian Streich aber "verrückten Sachen" einen Riegel vor.

Knüpfen die Freiburger an die Leistungen der Rückrunde an und entwickeln sich die Talente weiterhin so famos wie bisher, braucht der Sportclub aber auch keinen Transferkracher und der frühzeitige Klassenerhalt dürfte für den Klub kein Problem werden. Zwar sei laut Streich "der Bonus weg, dass niemand mehr so recht mit uns gerechnet hat", doch eine "Auferstehung" wie im letzten Jahr dürfte Freiburg diesmal trotzdem nicht benötigen.

Der Kader des SC Freiburg

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