Das beste Hannover aller Zeiten

Von Thomas Jahn
Dienstag, 21.08.2012 | 19:46 Uhr
Hannover 96 belegte in der vergangenen Saison den siebten Tabellenplatz
© Getty
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In den Tagen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs in einer Vorschau-Serie vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: Hannover 96.

Wayne Rooney schaute etwas verdutzt aus der Wäsche. Es lief die 65. Minute zwischen Hannover 96 und Manchester United. Mo Abdellaoue hatte soeben per Hacken-Vollley das kommende Tor des Monats erzielt. Zum 3:1 für Hannover.

Auch wenn es nur ein Testspiel war, das am Ende sogar noch verloren ging: Die Symbolkraft dieses Treffers ist enorm. Gänsehautmomente in der AWD-Arena, internationales Flair und Fußball auf Topniveau - all das ist Hannover 96 im Jahr 2012.

Was Coach Mirko Slomka in den letzten zweieinhalb Jahren aus einer zerrütteten Truppe gemacht hat, die in der Horror-Saison 2010 zu zerbrechen drohte und nur knapp dem Abstieg entging, ist kaum zu fassen. 2010/11: Rekordsaison und Rang vier. 2011/2012: Vorstoß bis ins Europa-League-Viertelfinale und Rang sieben in der Liga. Zweimal in Folge war 96 der erfolgreichste Nordklub der Liga.

"Stagnation bedeutet Rückschritt", ist das Credo von Klub-Boss Martin Kind. Stagnation auf diesem Level würde Kind wohl zu einem glücklichen Mann machen. Und das gilt auch für Slomka. Sein Wunsch für die kommende Saison: "Wir wollen wieder in die obere Tabellenhälfte und die internationalen Plätze nicht aus den Augen verlieren."

Das ist neu

Wie bereits im letzten Jahr hielt Manager Jörg Schmadtke die 96-Erfolgself beinahe ausnahmslos zusammen. Mit Innenverteidiger Emanuel Pogatetz hat Hannover lediglich einen Startelf-Kandidaten an den VfL Wolfsburg verloren, diesen aber eins zu eins durch Felipe (Standard Lüttich) ersetzt.

Die Neuzugänge Adrian Nikci (FC Zürich), Hiroki Sakai (Kashiwa Reysol) und Szabolcs Huszti (St. Petersburg) verleihen dem Kader zusätzliche Tiefe und - gerade im Fall von Huszti - ein Upgrade in Sachen individueller Klasse. Durch die Transfers bieten sich für Slomka viel mehr Optionen. Rechtsvertedigier Sakai und Flügelspieler Nikci sind auf rechts vielversprechende Backups für Cherundolo und Stindl - auf Dauer vielleicht sogar mehr.

Auch auf der linken Seite stehen mit Christian Schulz (Außenverteidigung) und Konstantin Rausch (Flügel) starke Konkurrenten zu Pander und dem zunächst gesetzten Huszti bereit. Nicht weniger großes Gedränge herrscht im defensiven Mittelfeld. Nach zweijähriger Verletzungspause hat Rückkehrer Leon Andreasen mit einer starken Vorbereitung seine Ansprüche auf Manuel Schmiedebachs Platz neben Sergio da Silva Pinto untermauert. Im Sturm hat Slomka mit Didier Ya Konan, Mo Abdellaoue, Jan Schlaudraff und Mame Diouf ohnehin ein Luxusproblem. "Wir sind auf den meisten Positionen doppelt oder noch besser besetzt", sagt Schlaudraff über den neuen Kader.

Neue Wege beschreitet 96 auch in Sachen Flexibilität: Klub-Boss Kind gewährte Manager Schmadtke eine Auszeit, da dieser seinen Job zuvor aus privaten Gründen hinschmeißen wollte. Schmadtke kehrt im September zunächst als Teilzeitkraft und 2013 schließlich als Vollzeit-Manager zurück.

Eine Aktion, in der sich eine neue Sachlichkeit und Kontinuität im einst so hektischen Umfeld der 96er widerspiegelt. Sollte Hannover jedoch zu Saisonbeginn in eine sportliche Krise schlittern, bietet diese einmalige Maßnahme viel Angriffsfläche für etwaige Zweifler.

Die Taktik

Never change a running system: Viel Grund vom favorisierten 4-4-2 mit einer echten und einer hängenden Spitze abzuweichen, gibt es für Slomka nicht. Unermüdlich hat er seiner Elf seit seinem Amtsantritt 2010 das blitzschnelle, präzise und schnörkellose Konterspiel eingetrichtert.

Doch wie bereits in der letzten Saison braucht das Team Alternativen. Denn: Überraschen kann Hannover seine Gegner mit seiner Überfalltaktik längst nicht mehr. 2011/12 kristallisierte sich bereits ein wirkungsvoller Plan B heraus: Standards.

44 Prozent aller Treffer fielen in der vergangenen Spielzeit nach ruhenden Bällen - das bracht keine anderes Bundesliga-Team zustande. Mit dem kopfballstarken Innenverteidiger Felipe und dem begnadeten Freistoßschützen Huszti könnte diese Stärke weiter forciert werden.

Und das scheint nötig: Eine Mannschaft, die das Spiel gegen passive Gegner selbst gestaltet und aus der eigenen Dominanz heraus Chancen kreiert, ist die 96-Elf nach wie vor nicht. Diese Spielweise entspricht nicht dem Naturell von Slomkas Schlüsselspielern: Schmiedebach, Andreasen und Da Silva Pinto sind vieles, aber keine begnadeten Spielgestalter im zentralen Mittelfeld. Auch dem Aufbauspiel über die Außen fehlte in der vergangenen Saison oft die Initialzündung.

Eine weitere taktische Vorgabe verriet Slomka im Interview mit "Bundesliga.de": "Aus unserer Video-Analyse der vergangenen Saison haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass wir immer dann gefährliche Chancen kreieren, wenn wir nach Ballverlust den Ball schnell zurückerobern. Deshalb lautet die Vorgabe: innerhalb von fünf Sekunden den Ball zurückgewinnen."

Der Spieler im Fokus

Szabolcs Huszti. Nach drei mauen Jahren als Bankdrücker in St. Petersburg ist der Ungar zurück bei seiner alten Liebe Hannover 96. "Es fühlt sich ein bisschen an, wie nach Hause zu kommen", schwärmte Huszti nach seiner Rückkehr.

Coach Slomka verspricht sich vom Publikumsliebling genau das, was er bereits zwischen 2006 und 2009 regelmäßig auf dem linken Flügel im 96-Trikot gezeigt hat: Tempodribblings, brandgefährliche Standards und eine ordentliche Portion Torgefahr aus dem Mittelfeld. "Ich bin überzeugt davon, dass er unsere Qualität im Team noch einmal erhöht", sagte Slomka.

Ob der inzwischen 29 Jahre alte Huszti an seine stärkste 96-Saison (2007/08: zehn Tore, acht Assists) anknüpfen kann, bleibt abzuwarten. Mit Rausch hat Huszti zudem einen starken Konkurrenten um den Platz als linker Flügelspieler im Nacken. Sollte Huszti in der alten Heimat zu alter Stärke zurückfinden, könnte er zum Faktor-X im 96-Spiel werden.

Die Prognose

Hannover 96 scheint auf den ersten Blick so gut besetzt, wie nie zuvor. Slomka kann mit Ausnahme von Keeper Zieler jeden Spieler nahezu gleichwertig ersetzen, es herrscht höchster Konkurrenzdruck. Der Kader taugt qualitativ allemal, um guten Gewissens zu rotieren und damit Kräfte zu schonen - schließlich ist 96 in drei Wettbewerben vertreten.

Einige Fragezeichen bleiben dennoch: Wie schnell kämpfen sich Neuzugang Sakai und Diouf nach Verletzungspausen an ihr Potenzial heran? Bleibt das Team trotz des höheren Konkurrenzdrucks die eingeschworene Einheit? Kann Felipe Pogatetz' Abgang zu einhundert Prozent kompensieren? Und wie wirkt sich die die fehlende Präsenz Schmadtkes aus?

All diese Fragen wiegen jedoch nicht schwer genug, um Slomkas Saisonziel ("obere Tabellenhälfte") ernsthaft zu gefährden. Hannover kann mit den euphorisierten Fans im Rücken (Rekord: 27.000 verkaufte Dauerkarten) und einer über Jahre eingespielten Elf erneut ein Wörtchen um das internationale Geschäft mitreden. Doch bester Kader hin oder her - auch Slomka weiß: "Das wird kein Selbstläufer."

Hannover 96: Der Kader im Überblick

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