Fussball

Zeit bis Weihnachten

Von Stefan Rommel
Schwere Zeiten für den HSV: Sportchef Frank Arnesen (l.) und Präsident Carl-Edgar Jarchow
© Getty

Der Hamburger SV muss beim dramatischen 3:4 gegen Köln einen weiteren Tiefschlag einstecken, der womöglich auch Auswirkungen auf die Kaderplanung haben könnte. Hoffnungsträger wie Mladen Petric oder Eljero Elia sind so wohl nur schwer zu halten. Trainer Michael Oenning bekommt von den Bossen immerhin eine ungewöhnliche Schonfrist.

"Im Moment müssen wir zwei Schritte zurück machen, um einen Schritt nach vorne zu machen." Frank Arnesen ist ein besonnener Mensch, der seine Entscheidungen wohl überlegt trifft und sich nur sehr selten dem Drang der Emotion beugt. So beschreibt sich der Däne zumindest selbst.

Schon 14 Gegentore und Letzter

Insofern passt diese Sicht der Dinge auf seinen neuen Arbeitgeber. Seit ein paar Wochen wirkt Arnesen jetzt beim Hamburger SV, hier soll er etwas Neues bauen. Aus fast nichts, denn der Verein hat die letzten Jahre über seinen Verhältnissen gelebt.

Arnesens Metapher stammt aus einem Gespräch wenige Tage vor dem Auftaktspiel in Dortmund. Vier Wochen später, nach dem dramatischen 3:4 zu Hause gegen den 1. FC Köln, hat der HSV schon etliche Schritte zurückgemacht - aber allenfalls einen halben nach vorne.

In der Summe ergeben sich dadurch nach vier Spieltagen nur ein Punkt, 14 Gegentore und Platz 18. Selbst dem Letzten dürfte mittlerweile klar sein, dass Hamburg vor einer besonders schweren Saison steht. Zumal, wenn man Spiele wie das am Samstag noch verliert.

Schlimme Niederlage für die Moral

Einmal mehr hatte Trainer Michael Oenning auf der Suche nach personellen und strategischen Lösungsansätzen seine Mannschaft umgebaut für die enorm wichtige Partie gegen einen Gegner, der selbst noch nicht rund läuft.

In der Vorwoche hatte sich Hamburg mit 0:5 bei den Bayern demütigen lassen und einen kaum bundesligatauglichen Eindruck hinterlassen. Und jetzt eine Niederlage in der Schlussphase, nach zweimaliger Führung und zumindest Ansätzen von durchdachtem Spiel.

"Wir haben versucht, das Spiel spielerisch zu lösen. Wir haben sehr gute Passagen gehabt. Wir haben drei Tore geschossen. Wir hatten auch Chancen für weitere Tore", sagt also Oenning. "Das muss man auch in den Vordergrund stellen, weil wir zeigen wollten, dass wir Fußball spielen können. Ich glaube, das haben wir sicherlich gezeigt."

"Unser bestes Saisonspiel"

Seine Spieler waren weniger zuversichtlich. Kapitän Heiko Westermann wollte lieber in die Kabine verschwinden, um nichts Falsches zu sagen im Zustand der totalen Enttäuschung und Ernüchterung. Dafür machte Oenning - einmal mehr - in Zweckoptimismus.

"Wir können Trübsal blasen und sagen, dass wir nur einen Punkt haben", so der Trainer. "Wir können aber auch sagen: So, wie wir gespielt haben, war das der erste Schritt in die richtige Richtung. Wir haben heute unser bestes Saisonspiel gemacht."

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Rückendeckung? Schonfrist? Ultimatum?

Oenning weiß, dass die Diskussionen um seine Person in den nächsten Tagen noch mehr Fahrt aufnehmen werden. Arnesen und Präsident Carl-Edgar Jarchow - der im sportlichen Bereich wie der Aufsichtsrat kaum Kompetenzen besitzt und demnach auf Arnesens Wirken angewiesen ist - wollen aber standhaft bleiben.

"Natürlich ist die Bilanz schlecht. Trotzdem haben wir weiter das Vertrauen, dass Michael Oenning aus dieser Mannschaft etwas machen kann. Er weiß, dass er punkten muss. Aber im Moment gibt es keinen Grund, an der Situation etwas zu ändern", sagt Jarchow.

Stattdessen solle man den Profis kein Alibi geben und: stattdessen einem Coach grundsätzlich Zeit bis Weihnachten lassen. Ein äußerst mutiges Vorhaben. Manche würden es in der jetzigen Situation sogar naiv nennen.

Die Niederlage gegen Köln dürfte der Moral innerhalb der Mannschaft einige Schäden zugefügt haben und vielleicht sogar noch mehr. Am kommenden Mittwoch endet um 24 Uhr die Transferperiode. Der HSV will unter Umständen sogar noch ein weiteres Mal aktiv werden.

"Wir müssen uns sicher noch einmal umschauen und sind dabei, alle Möglichkeiten zu prüfen", sagt HSV-Boss Jarchow. "Die finanziellen Reserven sind aber nicht da. Wir müssten jemanden abgeben, um jemanden zu holen."

Was passiert mit Elia und Petric?

Spielern wie Mladen Petric oder Eljero Elia, deren Anspruch wenigstens die Teilnahme am internationalen Wettbewerb ist, dürfte eine Niederlage wie die gegen Köln und der damit verbundenen Gewissheit, dass es in dieser Saison sehr wahrscheinlich einzig und allein gegen den Abstieg gehen wird, die Sehnsucht nach einer Veränderung noch verschärfen.

Elia kokettiert schon seit langem mit Juventus Turin, die Italiener haben nach wie vor Interesse. Petric zögert mindestens ebenso lange mit der Unterschrift einer Vertragsverlängerung. Die Hintertür ist weiterhin offen, womöglich marschiert noch eins der beiden letzten verbliebenen Sternchen und Hoffnungsträger im Kader bis zum 1. September hinaus. Vielleicht würde ein Verkauf einer der beiden auch mehr Ruhe bringen...

Die Uhr tickt...

In der Arena draußen im Volkspark hängt auf der Nordtribüne die Uhr, die brav die Tage, Wochen, Monate und Jahre zählt, die der HSV als einzige Mannschaft ununterbrochen der Bundesliga zugehörig ist.

Die Zahl der Zweifler wird weiter zunehmen, dass die Uhr mit diesem Trainer und dieser Mannschaft auch am 5. Mai nächsten Jahres noch weitertickt.

Oenning bleiben jetzt kurzfristig wenigstens zwei Wochen Zeit, um seiner Mannschaft mehr Struktur und Linie zu diktieren und sie vor allen Dingen auch mental wieder aufzurichten. Allerdings gehen dem immer noch überdurchschnittlich teuren Kader auch einige Nationalspieler ab, die ab Montag oder Dienstag abgestellt werden müssen.

Der Trainer geht in die kommenden Tage mit einer Durchhalteparole, die für die subjektive Wahrnehmung vielleicht ein wenig Linderung verspricht, leider aber auch an der Realität vorbeizielt: "Wir müssen uns von der Tabelle frei machen!"

Hamburg - Köln: Daten zum Spiel

 

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