Fussball

Die Macht der Worte

Von Stefan Rommel
Sonntag, 21.08.2011 | 22:05 Uhr
"Hömma...!" Raul und Kapitän Benedikt Höwedes im Zwiegespräch nach Schalkes Sieg in Mainz
© Getty

Beim nostalgischen Sieg in Mainz überrascht Schalke einmal mehr auch sich selbst. Die Verantwortlichen fordern trotzdem mehr Kontinuität. Die hat Superstar Raul dem Klub schon versprochen.

Das letzte Spektakel jener Art ist den Schalker Fans noch in schauriger Erinnerung. Vor etwas mehr als zehn Jahren hat der FC Schalke 04 in der Bundesliga letztmals einen 0:2-Rückstand noch in einen Sieg umgewandelt.

Es war der 19. Mai 2001, der Königsblau den Pathos geschwängerten Beinamen "Meister der Herzen" bescherte. Gegen Unterhaching machte Schalke im aufregendsten Titelrennen der Geschichte zwei Tore Rückstand wett, siegte am Ende 5:3.

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Ein Sieg, der die Schalker Klubseele und Historie in ein Davor und Danach teilt. So richtig ist die Erinnerung an eine mittlerweile über 50-jährige Durststrecke im Kampf um die Meisterschaft erst seit jenem Tag im Mai in die Köpfe deutscher Fußball-Fans geschlichen.

Charaktertest, Knackpunktspiel?

Am Sonntag hat also der FC Schalke wieder eine längst verloren geglaubte Partie in einen Sieg verwandelt. Unter weniger dramatischen Umständen natürlich. Aber trotzdem gereicht das 4:2 (0:2) beim FSV Mainz 05 bald vielleicht der kurzfristigen Legendenbildung, man spricht dann im Rückblick gerne von einem Knackpunktspiel.

Im Vorfeld der Partie verging kein Tag ohne neue Schlagzeile, zumeist negativer Natur. In eine Diskussion um die Zukunft von Raul mischte sich ein bemerkenswert schlechtes 0:2 beim zweitklassigen Europa-League-Kontrahenten HJK Helsinki, das Schalke gewaltig um die Teilnahme am europäischen Wettbewerb zittern lässt.

Sollte es sich nach dem nervösen Treiben der letzten Tage und der Nicht-Leistung von Helsinki bei der Partie in Mainz also um einen Charaktertest für die Mannschaft gehandelt haben - sie hätte ihn nach 45 Minuten spektakulär verbockt.

Schalke präsentierte sich bis auf eine ansprechende Anfangsphase wie ein gehemmter Haufen, mit falschem Personal und offenkundig auch nicht der entsprechenden taktischen Ausrichtung versehen.

Blaupause zum Köln-Spiel

"Wenn man zur Pause 0:2 hinten liegt, ist es klar, dass es einen ärgert. Vor allem wegen der Art und Weise, wie der Rückstand zustande kam", schimpfte Horst Heldt nach dem Spiel. Dem Sportdirektor geht die Wankelmütigkeit seiner Mannschaft offenbar auch auf die Nerven.

Einer schwachen ersten Halbzeit gegen Köln folgten 45 entfesselte Minuten und fünf Tore. Dann wieder drei unterirdische Halbzeiten gegen Helsinki und Mainz, die von der bislang besten Spielhälfte der Saison in der Coface-Arena quasi wieder konterkariert wurde.

"Wir müssen in den nächsten Wochen dahin kommen, dass wir uns das Leben nicht selbst schwer machen", sagt Heldt. "Denn das machen wir derzeit noch zu oft."

Mannschaft noch nicht gefestigt

Auch Ralf Rangnick, der in der Diskussion um Raul denkbar schlecht weggekommen war - obwohl er sich im Prinzip kaum an der Debatte beteiligt hatte - erkannte das große Defizit seiner Mannschaft.

"Wir waren eine halbe Stunde völlig lethargisch, ohne Emotionen. Ich habe der Mannschaft zur Halbzeit gesagt: Wenn wir so weitermachen, kriegen wir mächtig um die Ohren", erklärte Rangnick seine Kabinenansprache, die den Nerv seiner Spieler voll getroffen hatte.

"In der zweiten Halbzeit haben wir dann ein anderes Gesicht gezeigt. Insgesamt hat man gesehen, dass wir auf einem guten Weg, aber alles andere als gefestigt sind."

Rangnick korrigiert sich selbst

Der Trainer hatte sich in der Spielformation vergriffen und auch eine Halbzeit lang dem falschen Personal vertraut. Die beiden Außenspieler Jose Jurado und Jan Moravek trugen zwar stolz ihr Trikot spazieren, den von den Fans geforderten Kampf verweigerten beide aber beharrlich.

Rangnick sah seine Fehler ein und korrigierte sich selbst, beide Spieler wechselte er aus und stellte sein System von 4-1-4-1 auf ein 4-4-2 um. "Wir haben untereinander Tacheles geredet", sagte Kapitän Benedikt Höwedes.

Mit Julian Draxler und Jefferson Farfan, den bisher eine Muskelverletzung außer Gefecht gesetzt hatte, spielte Schalke plötzlich einen runderneuerten Fußball: aggressiv gegen den Ball, mit Tempo und Zug zum Tor, leidenschaftlich und letztlich erfolgreich.

Raul beendet alle Diskussionen

Der Sieg in Mainz war der erfolgreiche Abschluss eines Tages, der wenige Stunden zuvor seinen ersten bedeutsamen Akt erlebt hatte.

Raul wird auf Schalke bleiben, seinen Vertrag erfüllenund alle Diskussionen ein für alle Mal beenden, kurz: für ein Stück mehr Kontinuität sorgen.

"Ich werde nicht müde, immer wieder zu wiederholen, dass ich mich auf Schalke wie zu Hause fühle. Die Zuneigung, die mir die Fans von Schalke entgegen bringen ist außergewöhnlich und unvergesslich", wurde der 34-Jährige auf der Homepage des Klubs zitiert.

Das Schweigen gebrochen

Drei Monate lang hatte Raul davor geschwiegen, also wurden stattdessen seine Mimik und Gestik und nicht zuletzt seine Nichtberücksichtigung in der Europa League gedeutet und interpretiert. Der Spanier hat jetzt mit ein paar Sätzen endlich Licht ins Dunkel gebracht und Schalke damit zumindest die Aussicht auf etwas mehr Ruhe.

"Ich kann zwar verstehen, dass verschiedenste Dinge hineininterpretiert wurden, weil vielleicht Hintergrundwissen fehlte. Aber ich hatte mit dem Trainer gesprochen und wir hatten gemeinsam entschieden, dass ich eine Ruhepause einlege und spezielles, individuelles Training absolviere. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Nur noch eine Sache: "Das Verhältnis zwischen Ralf Rangnick und mir ist gut, korrekt und professionell. So wie es zwischen einem Trainer und einem Spieler sein soll. Es gibt keine Probleme. Wir sind alle darauf konzentriert, in dieser Saison gemeinsam das Beste für Schalke zu erreichen", zitiert ihn die spanische Nachrichtenagentur "EFE".

Helsinki: Noch ein Knackpunktspiel?

Schon am Donnerstag bietet sich die Gelegenheit dazu, nach den beiden letztlich erfolgreich beendeten Irrfahrten gegen Köln und Mainz nun auch die letzte Scharte noch auszuwetzen. Mit einem entsprechend hohen Erfolg im Rückspiel gegen Helsinki kann sich Schalke auf Wochen hin Ruhe verschaffen.

In der Liga steht Königsblau recht gut da, im DFB-Pokal ist Schalke weiter. Der Einzug in die Gruppenphase der Europa League würde nicht nur der angespannten Finanzlage schmeicheln, sondern auch innerbetrieblich für den nötigen Aufschwung sorgen.

Raul Gonzalez Blanco würde er in seiner Entscheidung nur bestätigen. Er freut sich auf die kommenden Monate, indem er in Erinnerungen schwelgt.

"Es gibt Fotos meines Lebens in Schalke, die jetzt schon zu den besten meiner Karriere gehören - obwohl ich erst ein Jahr hier bin."

Mainz - Schalke: Daten zum Spiel

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