4:4! Der pure Wahnsinn von Dortmund

Von Stefan Rommel
Freitag, 30.03.2012 | 22:32 Uhr
Das überfällige 1:0: Kagawa trifft aus vier Metern. Ulreich ist ohne Abwehrchance
© Getty
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Borussia Dortmund hat gegen den VfB Stuttgart zwei Punkte leichtfertig verschenkt. Am Ende trennten sich beide Mannschaften in einem fantastischen Spiel mit 4:4 (1:0).

Vor 80.530 Zuschauern in Dortmund erzielte Shinji Kagawa (33.) vor der Pause die Führung für den BVB. Nach dem Wechsel erhöhte Kuba auf 2:0 (49.).

Stuttgart drehte durch Vedad Ibisevic (71.) und Julian Schieber (77., 79.) die Partie, geriet dann aber durch Mats Hummels (82.) und Ivan Perisic (87.) wieder in Rückstand - bis Christian Gentner dem VfB doch noch einen Punkt rettete (90.+2).

Durch das Remis läuft der Meister Gefahr, seinen Vorsprung auf die Bayern schmelzen zu lassen. Immerhin bleibt der BVB auch im 22. Spiel in Folge ungeschlagen.

Stuttgart dagegen hält durch den Punkt seine Ambitionen auf die Europa League am Leben.

Reaktionen:

Jürgen Klopp (Trainer Borussia Dortmund): "Nach dem 2:0 haben wir, warum auch immer, den Faden aus der Hand gegeben. Stuttgart hat richtig Druck gemacht, am Ende ist das Unentschieden absolut verdient. Ich bin zufrieden, weil wir ja schon raus waren."

Bruno Labbadia (Trainer VfB Stuttgart): "Für so ein Spiel lohnt es sich, Trainer zu sein. Das 0:2 war wie ein Genickschlag. Schön, dass sich die Mannschaft nicht aufgegeben hat."

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Der BVB wie erwartet und ohne große Änderungen. Gündogan bleibt in der Starelf, dafür muss Bender zunächst auf die Bank. Kehl rückt ins Team.

Stuttgart wieder mit Ibisevic, der seine Gelbsperre abgebrummt hat. Cacau fehlt wegen der 5. Gelben Karte. Tasci schafft es wenigstens auf die Bank. Maza und Niedermeier bilden die Innenverteidigung. Boka darf trotz schwacher Leistung gegen den Club erneut links hinten ran. Molinaro zunächst nur Zuschauer.

2.: 85 Sekunden gespielt. Kagawa mit einem satten Schuss aus 20 Metern, knapp links vorbei.

5.: Unordnung in der VfB-Abwehr. Boka klärt in die Mitte, wo gleich zwei Dortmunder am Elfer lauern. Kagawa schließt ab, Ulreich rettet stark.

9.: Einwurf VfB, Harnik dann auf Hajnal, der nicht im Abseits steht. Der Ungar will Ibisevic in der Mitte bedienen, Weidenfeller mit dem Fuß dazwischen.

16.: Simpler Lupfer in den Stuttgarter Strafraum. Kagawa nimmt unbedrängt an, überlässt dann für Lewandowski. Der zieht ab, Ulreich schon geschlagen - aber Sakai rettet, fälscht den Ball noch ab.

19.: Riesenchance für den VfB: Hajnal flankt von rechts zur Mitte. Piszczek ist eingerückt, weil Ibisevic sonst blank steht. Dafür ist Schieber am zweiten Pfosten frei. Nimmt den Ball aus sechs Metern direkt, zielt aber knapp übers Tor.

21.: Sensationspass von Gündogan auf Lewandowski, der an Niedermeier vorbeigeht. Umspielt dann auch noch Ulreich und zieht sofort mit links ab. Niedermeier ist auf die Linie geeilt und rettet per Kopf.

24.: Piszczek mit der Flanke von rechts. Lewandowski verpasst, aber Großkreutz steht dahinter frei - und zimmert den Ball aus elf Metern an die Latte.

26.: Wieder taucht Großkreutz links im Sechzehner auf, doch Ulreich hat aufgepasst und klaut ihm die Kugel vom Fuß.

30.: Ibisevic alleine durch, spitzelt den Ball an Weidenfeller rechts vorbei. Der Keeper trifft den Stuttgarter klar am Bein, doch der macht zu viel draus, hebt zu theatralisch ab. Weiner gibt Abstoß. Zweifelhaft.

33., 1:0, Kagawa: Flanke von links. Kehl gewinnt in der Mitte den Kopfball gegen Kvist und legt ab. Kagawa aus vier Metern, rechts unters Dach.

48.: Lewandowski bedient Piszczek. Weil Boka in der Mitte rumsteht, muss Schieber hinterher, kommt aber zu spät. Piszczek zieht sofort ab, trifft nur den rechten Pfosten.

49., 2:0, Kuba: Hummels gewinnt den Ball und verlagert die Seite. Boka viel zu weit weg von Kuba, der den Ball am Fünfer in aller Ruhe annehmen darf uns dann unter Ulreich hindurch ins Tor trifft.

63.: Kvist eilt unbehelligt durchs Mittelfeld, zieht dann aus 25 Metern satt ab. Weidenfeller fliegt umsonst, der Ball knallt aber nur an den linken Innenpfosten und von da wieder raus.

67.: Ecke Stuttgart von rechts. Ibisevic schraubt sich am kurzen Pfosten hoch, Subotic stört noch entscheidend - knapp rechts vorbei.

69.: Doppelpass Kuba und Kagawa. Kuba frei vor Ulreich, der rettet aber mit dem linken Fuß.

71., 2:1, Ibisevic: Flanke auf Niedermeier, der mit aufgerückt ist. Der Kapitän legt am Sechzehner clever auf Ibisevic ab. Dortmunds Innenverteidigung nicht anwesend. Ibisevic verwandelt aus 14 Metern überlegt ins rechte Eck.

77., 2:2, Schieber: Langer Ball auf Ibisevic. Hummels und Subotic gehen zum Ball, keiner kommt ran. Die Absicherung ist nur noch Piszczek, der von Schieber überlaufen wird. Hummels grätscht den Ball unglücklich Schieber weiter in den Lauf. Der geht an Weidenfeller vorbei, fällt nicht hin und drückt den Ball mit rechts ins Tor.

79., 2:3, Schieber: Ballverlust Kehl, der BVB fordert Freistoß. Kuzmanovic bedient Schieber. Satter Schuss von halblinks, Weidenfeller durch die Beine.

82., 3:3, Hummels: Der Innenverteidiger hat 20 Meter vor dem Tor zu viel Platz. Kvist kommt zu spät, Hummels nagelt den Ball mit rechts flach ins linke untere Eck.

87., 4:3, Perisic: Ecke von der rechten Seite. Perisic am Elfer mit zu viel Platz, weil Bah nicht aufpasst. Dropkick, rechts oben in den Winkel.

90.+2, 4:4, Gentner: ES IST NICHT WAHR! Molinaro flankt einfach nochmal in den Strafraum. Hummels lässt durch, Schmelzer aber nicht. Köpft den Ball quasi zurück ins Feld, direkt Gentner vor die Flinte. Der zieht nochmal auf und haut den Ball dann aus sieben Metern unters Dach.

Fazit: Absolut irres Spiel, das unterhaltsamste und spektakulärste der Saison bisher. Dortmund schien längst der sichere Sieger, brach dann aber eine Viertelstunde komplett ein - schien dann wieder wie der sichere Sieger und kassierte am Ende doch noch den Ausgleich.

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Der Star des Spiels: Julian Schieber hat schwere Wochen hinter sich, musste auch in Dortmund auf der linken Seite im Mittelfeld ran. Da machte er seine Sache aber ausgesprochen gut. Schieber ging lange Wege, rackerte in der Defensive, war stabil und kompromisslos im Zweikampf. Eindrucksvoll, wie er beim 2:2 das Tor einfach mit aller Macht machen wollte, bei 2:3 endlich wieder mit der von ihm gewohnten Wucht.

Der Flop des Spiels: Arthur Boka war gegen Dortmunds rechte Seite mit Piszczek und Kuba heillos überfordert, machte seinen Bereich zur großen Schwachstelle. Boka stand oft orientierungslos im Raum, leistete sich zudem haarsträubende Abspielfehler. Nach seiner schwachen Leistung in der Vorwoche erneut eine Vorstellung auf indiskutablem Niveau. Die Auswechslung nach 61 Minuten kam definitiv zu spät.

Der Schiedsrichter: Michael Weiner hatte mit der intensiven, aber jederzeit fairen Partie kaum Probleme. Nur einmal nicht auf der Höhe: Weidenfellers Einsteigen gegen Ibisevic hätte mit Elfmeter geahndet werden müssen.

Analyse: Dortmund mit einem wahnsinnigen Pressing in den ersten sechs, sieben Minuten. Der VfB wurde quasi um den eigenen Strafraum herum festgemacht, konnte sich nicht befreien. Die Gäste brachten den Ball kaum mal über mehr als drei Stationen an den eigenen Mann.

Der BVB aber anders als zuletzt in Köln wieder schlampig in der Chancenverwertung, hätte nach einer halben Stunde schon uneinholbar führen müssen. Aber: In der Defensive hakte es auch ein, zwei Mal gewaltig.

Stuttgart wehrte sich so gut es eben gegen diesen Dortmunder Powerfußball ging, kam ein paar Mal auch gut über die Außen durch. In der Defensive schwammen die Gäste aber brutal, hatten keine Zuordnung im Zentrum und so manches Mal sogar Unterzahl im eigenen Strafraum.

Die erste Halbzeit war wegen Dortmunds Highspeed-Wirbelsturm im Angriff und der Leichtfertigkeit in der Defensive gespickt mit turbulenten Torszenen auf beiden Seiten, mit klaren Vorteilen für den BVB. Kagawas Führungstreffer war bei 16:2 Torschüssen lediglich die Minimalausbeute.

Nach dem Wechsel ging es im selben Rhythmus weiter. Dortmund drängte vehement auf die Vorentscheidung und bekam sie nach nicht mal vier Minuten serviert. Stuttgart durfte dazu nicht mehr so schnell umschalten wie noch in der ersten Halbzeit, weil der BVB seine Defensivbewegung justiert hatte.

Der BVB nahm nach der Zwei-Tore-Führung einen Gang raus, verwaltete das Spiel - und wurde in der Defensive wieder sorglos. Stuttgart witterte seine Chance(n), machte nach 65 Minuten wieder mehr Druck. Dortmund wirkte in der Phase müde, leistete sich ungekannte Konzentrationsmängel.

Der VfB verbiss sich jetzt in die Partie und war drauf und dran, die Sensation zu schaffen. Als auch die Gäste in der Endphase mit ihren Kräften am Ende waren, konterte der BVB den Rückstand noch einmal kühl und hatte den vorentscheidenden Mosaikstein zum Titel schon in Händen - bis Schmelzer übel patzte und Stuttgart doch noch punktete.

Dortmund - Stuttgart: Daten zum Spiel

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