Fussball

Bloß nicht wieder koan Titel

Von Thomas Gaber
Der FC Bayern 2011/12 mit den Neuzugängen Boateng, Neuer, Petersen, Rafinha und Usami
© fc bayern

In den Tagen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs in einer Vorschau-Serie vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: FC Bayern München.

Nach den turbulenten Jahren mit Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal auf der Trainerbank will der FC Bayern ein Stück Normalität zurück. Beide Trainer hatten sich nach Meinung der Bosse zu sehr in Belange eingemischt, die sie nichts angehen. "Wir sind der FC Bayern und lassen uns von niemandem vorschreiben, was gut und was schlecht für den Verein ist", stellte Uli Hoeneß klar.

Der Präsident fordert zwar nicht großspurig Ferngläser für die Konkurrenz, das Mia-san-Mia soll aber in den nächsten Jahren wieder verstärkt angewendet werden.

Borussia Dortmund wird als "neuer" Konkurrent respektiert und ernst genommen, die Vorherrschaft der Bayern in Deutschland soll aber unantastbar bleiben. Die Voraussetzungen dafür wurden in der Sommerpause geschaffen.

Das ist neu

Der Trainer, wenngleich sich Jupp Heynckes in München bestens auskennt. Doch eben dieses Merkmal machte Heynckes so interessant für die Bayern. Nach den gescheiterten "feindlichen Übernahmen" von Klinsmann und van Gaal wollten Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge einen Coach, den sie "kontrollieren" können. Einen wie Ottmar Hitzfeld.

In Leverkusen zu bleiben, war für Heynckes keine Alternative, als die Bayern im Frühjahr vorstellig wurden. Der 66-Jährige ist gelassener geworden und selbst im Umgang mit seinen Spielern mitunter kumpelhaft.

Dass Heynckes jedoch nichts mehr schätzt als gegenseitigen Respekt, bekam beispielsweise Franck Ribery 2009 zu spüren, als Heynckes für fünf Spiele einsprang. Unter Heynckes schleuderte Ribery Schuhe und Schmutzwäsche nur einmal durch die Kabine.

Doch Heynckes weiß selbst am besten, dass auch er zum Erfolg verdammt ist: "Wenn man Trainer des FC Bayern ist, muss man Titel holen. Diesen Anspruch habe ich auch an mich selbst, sonst wäre ich nicht zurückgekommen."

Mit Manuel Neuer verpflichtete der FC Bayern den derzeit vielleicht besten Torhüter der Welt und hat auf dieser Position die nächsten Jahre Ruhe. Mit Jerome Boateng und Rafinha wurden weitere Verstärkungen für die Abwehr geholt, der Achillesferse der Münchner in den letzten drei Jahren.

Nils Petersen aus Cottbus ist nach dem Weggang von Miroslav Klose der Mann, der Mario Gomez Druck machen soll. Japan-Import Takashi Usami ist als Investment für die Zukunft vorgesehen, vorausgesetzt, er kann die Bayern in seinem Leihjahr überzeugen. Ivica Olic ist nach fast einem Jahr Verletzungspause der sechste "Neuzugang".

Zum unliebsamen Dauerthema könnte der Unmut der Ultras über die Verpflichtung von Neuer werden. Der Torhüter soll einem Verhaltenskodex eingewilligt haben, der ihm beispielsweise vorschreibt, nicht das Klubwappen zu küssen. Sportdirektor Christian Nerlinger erklärte: "Für uns ist das Thema durch. Entscheidend ist: Manuel hat bewiesen, dass er damit souverän umgehen kann."

An der Erwartungshaltung hat sich in München traditionell nichts verändert: es zählen nur Titel.

Die Taktik

Exakt fünf Wochen lang hatte Heynckes seine Spieler bis zum ersten Pflichtspiel (3:0 in Braunschweig) beisammen. Die deutschen Nationalspieler stiegen fünf Tage später ein. Wie viele seiner Trainerkollegen beklagt sich Heynckes über eine "zu kurze Vorbereitung".

In Braunschweig funktionierte die Mannschaft dennoch schon recht ordentlich. Heynckes erwartet aber weit mehr: "Wir müssen noch deutlich aggressiver gegen den Ball arbeiten und mehr Dominanz zeigen."

Am van-Gaal-System 4-2-3-1 will Heynckes zunächst nicht rütteln. Auch in Leverkusen ließ Heynckes mit einer variablen, offensivstarken Mittelfeldreihe hinter der einzigen Spitze spielen.

Die Neuzugänge Rafinha und Boateng sind in der Viererkette gesetzt, derzeit hat Holger Badstuber im Kampf gegen Daniel van Buyten die Nase vorn. Kapitän Philipp Lahm verteidigt wieder links. Auf der Doppelsechs duellieren sich Anatolij Tymoschtschuk und Luiz Gustavo um den Platz neben Bastian Schweinsteiger. Auch David Alaba darf sich im defensiven Mittelfeld Chancen ausrechnen.

Die in Braunschweig verletzungsbedingt abwesenden Franck Ribery und Arjen Robben bezeichnete Heynckes erneut als "Stammspieler", was für Vorbereitungsgewinner Toni Kroos wohl wieder ein Platz auf der Bank bedeutet, da Heynckes auf Thomas Müller nicht verzichten will und kann.

Heynckes will offensiven Fußball spielen lassen, etwas anderes lässt der Kader auch nicht zu. Aber Heynckes will auch besonnenen Fußball spielen lassen. Sein Hauptaugenmerk liegt im Umschalten von Offensive auf Defensive.

"Der FC Bayern muss wieder dazu kommen, dass der Gegner sagt: Es ist schwer gegen die ein Tor zu erzielen, so wie es in vielen Epochen des FC Bayern der Fall war. Meine Aufgabe ist es, die Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Das ist das A und O", sagt Heynckes.

Vom bedingungslosen Festhalten am 4-2-3-1 hält Heynckes nichts. "Ich bin kein Systemfanatiker. Wenn ich sehe, dass ich mit meinem System nicht zum Erfolg komme, bin ich so flexibel, dass ich etwas ändern werde."

Wichtig sei, dass auf dem Spielfeld alle Positionen in allen Systemen jederzeit besetzt seien - was hohe taktische Intelligenz von seinen Spielern fordert.

"Der FC Bayern muss beispielsweise die Außenpositionen immer besetzt haben, weil der Gegner sehr oft defensiv agiert. Bedingt dadurch müssen die Spieler in Ballbesitz das Feld sofort breit machen, bei Ballverlust allerdings sofort wieder umschalten und das Spielfeld kleiner machen", so Heynckes.

Der Spieler im Fokus

Franck Ribery. Vor zwei Jahren waren der FC Chelsea und Real Madrid bereit, hohe Ablösesummen für den Franzosen zu bezahlen. Hoeneß, damals noch Manager, lehnte alle Anfragen ab mit der Begründung, dass der FC Bayern die Schlossallee erworben und anschließend drei Hotels drauf gebaut habe - ein laut Hoeneß für Real und Co. nicht zu finanzierendes Gesamtpaket.

Ribery äußerte dennoch öffentlich immer wieder seinen Wunsch, zu einem Topklub in Spanien oder England zu wechseln. Die Bayernbosse ließen sich nicht weichkochen und planten ihrerseits, Riberys Vertrag langfristig zu verlängern, obwohl der Flügelspieler selten an seine Leistungsgrenze kam.

Stattdessen stand der Name Ribery für viele Negativschlagzeilen: Verletzungen, der peinliche Auftritt der Equipe Tricolore bei der WM 2010, Ärger mit van Gaal und eine angebliche Sexaffäre mit einer Minderjährigen. Die Bayern hielten stets zu ihm, bauten eine Wohlfühloase für Ribery auf mit dem Resultat, dass dieser bis 2015 verlängerte.

In der letzten Saison war Ribery in 25 Spielen an 24 Toren beteiligt - ein Topwert. Doch der Franzose muss in dieser Saison nachhaltig beweisen, dass die Bayern ihm zurecht das Vertrauen schenkten. Ribery hat Großes vor: Er will Weltfußballer werden und so gut werden wie die Allerbesten. "Ich kann das Niveau von Lionel Messi zu erreichen", sagte er der "Sport Bild".

Das Interview

SPOX: Spüren Sie auch Druck aus Ihrer Heimat? Immerhin sind Sie der nächste Export aus Japan, der es in die Bundesliga geschafft hat und dann auch noch zum FC Bayern.

Takashi Usami: Nein, aus Japan spüre ich höchstens die Freude und den Stolz der Menschen, dass immer mehr Japaner in Europa spielen. Man kann den Vereinsfußball in Japan nicht mit dem in den europäischen Topligen vergleichen. Das ist ein anderes Niveau hier und dem versuche ich mich anzupassen. Und den Druck mache ich mir selbst.

Hier geht's zum kompletten Interview mit Takashi Usami

Die Prognose

Eine weitere Saison ohne Titel wäre ein Desaster. Der FC Bayern hat sich sinnvoll verstärkt und alle Nationalspieler stehen zu Saisonbeginn voll im Saft. Der Vorstand baut mit dem bedingungslosen Ziel deutsche Meisterschaft Druck auf, den Jupp Heynckes aus seinen beiden ersten Tätigkeiten in München gewohnt ist.

In der letzten Saison wurden die Bayern vom Verletzungspech heimgesucht (Robben, Olic, Ribery, van Buyten). Bleiben die Schlüsselspieler halbwegs gesund und gelingt es Heynckes, das Betriebsklima innerhalb der Mannschaft angesichts des großen Konkurrenzkampfes mit seiner besonnenen Art positiv zu halten, ist der FC Bayern Favorit auf seinen 23. Meistertitel.

Vorausgesetzt der FC Bayern übersteht die Qualifikation zur Champions League, gibt es ein zweites großes Ziel: das Finale am 19. Mai im eigenen Stadion. Dafür scheint die Mannschaft aber (noch) nicht reif genug.

Der Kader des FC Bayern München 2011/12

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