Saisonvorschau: Bayer Leverkusen

Bayers Ziel und Ballacks Wunsch

Von Daniel Börlein
Donnerstag, 04.08.2011 | 14:40 Uhr
Vieles ist neu bei Bayer Leverkusen: Allen voran Trainer Robin Dutt
© Imago
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In den Tagen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison stellt SPOX alle 18 Klubs in einer Vorschau-Serie vor - mit allen Transfers, Hintergründen und der Saison-Prognose. Diesmal: Bayer Leverkusen.

Eigentlich lief die Vorbereitung für Bayer Leverkusen richtig gut. Die Umstellung von Jupp Heynckes zum neuen Coach Robin Dutt meisterte die Mannschaft schier mühelos, die Leistungen in den Testspielen stimmten, selbst die Verletzung von Rene Adler trübte die Laune nur kurz.

Nach dem ersten Pflichtspiel der Saison ist die gute Stimmung allerdings schon dahin. Mit einem Pokal-Aus bei Dynamo Dresden hatte niemand in Leverkusen gerechnet, wobei vor allem die Art und Weise des Zustandekommens (3:4 nach 3:0-Führung) für Ernüchterung sorgte. "Sechs Wochen Vorbereitung sind auf einen Schlag kaputt", so Dutt.

Leverkusen zu Gast in Mainz: Die voraussichtlichen Aufstellungen

Alles in Frage stellen will man bei Bayer deshalb allerdings nicht. Schon gar nicht die Saisonziele in der Bundesliga. Und die sind in dieser Spielzeit recht ambitioniert. "Unser Ziel ist, ganz oben - und ich meine ganz oben - mitzuspielen", sagte Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser vor kurzem.

"Wenn wir keinen internationalen Platz erreichen, war es eine schlechte Saison, ein Europa-League-Platz wäre eine durchschnittliche Saison, ein Champions-League-Platz eine gute Saison, der Titel überragend", sagte Dutt der "Westdeutschen Zeitung" und stellt klar: "Wer Zweiter wird, kann auch Erster werden."

Daran ändert aus Bayer-Sicht auch das frühe Pokal-Aus nichts, denn "Borussia Dortmund ist im Vorjahr nach dem Aus in Offenbach Meister geworden, und Hannover hat nach der Niederlage in Elversberg die beste Saison der Geschichte gespielt", so Dutt.

Das ist neu

Zuallererst der Trainer. Jupp Heynckes hat den Werksklub nach zwei Jahren Richtung München verlassen, sein Nachfolger stand mit Robin Dutt schon früh fest. Nach vier Spielzeiten beim SC Freiburg war Leverkusen für den 46-Jährigen der logische nächste Schritt auf der Karriereleiter.

"Es hat lange Überlegungen gekostet, Freiburg zu verlassen. Danach ging es aber gedanklich sehr schnell, mich für Leverkusen zu entscheiden", so Dutt, dem aus Freiburg Abwehrmann Ömer Toprak folgte. Der 22-Jährige nimmt in Leverkusen den Platz von Sami Hyypiä ein, der seine Karriere beendet hat. Im Pokal in Dresden bildete Toprak zusammen mit Stefan Reinartz Bayers neues Innenverteidiger-Duo.

Ebenfalls neu in Leverkusen ist Andre Schürrle. Der Nationalspieler kam als teuerster Neuzugang für acht Millionen Euro aus Mainz und schaffte auf Anhieb den Sprung in die Stammelf. Eher als mittelfristige Verstärkungen sind Flügelspieler Karim Bellarabi (Braunschweig) und Linksverteidiger Bastian Oczipka, der von seinem Leihgeschäft bei St. Pauli zurückkehrte, eingeplant.

Lediglich als Backup auf der Torhüterposition war eigentlich David Yelldell vorgesehen. Der 29-Jährige kam vom MSV Duisburg, war nach Adlers Verletzung aber plötzlich die neue Nummer eins. Yelldell hatte sich im Duell mit Towart-Talent Fabian Giefer durchgesetzt - zumindest vorläufig.

Bei der Pokal-Pleite in Dresden gab Yelldell allerdings keine gute Figur ab. Gut möglich, dass Giefer deshalb schon bald seine Chance bekommen wird. "Natürlich ist das ein Thema", sagte Dutt. Zudem könnte Bayer bis Ende August nochmal auf dem Transfermarkt zuschlagen, sollte sich Adlers Rückkehr bis dahin nicht abzeichnen.

Mit Adler fehlt Bayer derzeit nicht nur die Nummer eins, sondern auch der neue Vize-Kapitän. Der Nationalkeeper wurde von den Teamkollegen als Stellvertreter des neuen, alten Spielführers Simon Rolfes gewählt. Rolfes und Adler bilden zusammen mit Michael Ballack, Hanno Balitsch und Manuel Friedrich auch den neuen Mannschaftsrat.

Die Taktik

Der Kader ist mit nur 20 Feldspielern recht dünn besetzt für einen Klub der in der Champions League dabei ist und in der Bundesliga ambitionierte Ziele hat. "Qualität geht vor Quantität", sagt Dutt. "Wir haben alle Positionen mehrfach besetzt, weil wir unsere Spieler variabel einsetzen können."

Diese Vielseitigkeit gibt Bayers Coach auch die Möglichkeit taktisch zu variieren. Ein 4-4-2 ist mit dem vorhandenen Personal ebenso möglich wie ein 4-1-4-1, das Dutt in Freiburg erfolgreich praktizieren ließ. Bayers Stamm-System wird allerdings wie schon in der vergangenen Saison unter Heynckes ein 4-2-3-1 sein.

Gesetzt sind darin angesichts der hohen Qualität innerhalb des Kaders nur wenige. Einer davon ist Stefan Reinartz, der nach Hyypiäs Karriereende der neue Abwehrchef ist. Im defensiven Mittelfeld hat Kapitän Rolfes seinen Platz sicher, auf dem linken Flügel Neuzugang Andre Schürrle. Alle anderen Positionen sind mehr oder weniger hart umkämpft.

Vor allem für die Plätze vor und neben Rolfes gibt es mit Lars Bender, Gonzalo Castro, Michael Ballack und Renato Augusto zahlreiche hochkarätige Anwärter. "Angesichts der Qualität im zentralen Mittelfeld behalte ich mir vor, die Spieler je nach Ausrichtung und Gegner aufzustellen", sagt Dutt.

Im Pokal erhielten Bender und Renato Augusto den Vorzug. Rechts offensiv durfte Sidney Sam ran, im Angriff Eren Derdiyok statt Stefan Kießling. Eine Stunde lange zeigte Dutts Team in Dresden, was der neue Trainer von seinem Team sehen will: Den Gegner frühzeitig unter Druck setzen, weit weg vom eigenen Tor halten, selbst hohe Ballbesitzzeiten haben und die starken Individualisten auf den Flügeln immer wieder in Eins-gegen-eins-Situationen bringen.

Der Spieler im Fokus

Michael Ballack. Die vergangene Saison, Ballacks erste nach seiner Rückkehr aus England, ging völlig in die Hose. Aufgrund von Verletzungen stand er in der Bundesliga nur 17 Mal auf dem Platz, blieb dabei ohne Tor und bereitete nur einen Treffer vor. Zu wenig für Ballack und vor allem zu wenig für Jogi Löw. Der Bundestrainer erklärte in der Sommerpause die Nationalmannschaftskarriere des Capitanos offiziell für beendet.

Ballack selbst war darüber alles andere als erfreut, startete allerdings in Leverkusen voller Elan in die Vorbereitung und beeindruckte zunächst viele Beobachter, allen voran seinen Coach, der ihn "vorbildlich" nannte und als "Musterprofi" bezeichnete. Alles schien gut.

Im ersten Pflichtspiel der Saison saß Ballack allerdings nur auf der Bank. Seine Konkurrenten scheint Dutt momentan stärker einzuschätzen. Ballack sei enttäuscht gewesen, dass er nicht von Beginn an spielen durfte, sagte Dutt, er habe die Entscheidung allerdings respektvoll aufgenommen.

Ballack stellt seine eigenen Interessen hinten an. Er weiß, dass auch er seine Chance bekommen wird. Er weiß allerdings auch, dass die Uhr tickt. Nach der Saison läuft sein Vertrag in Leverkusen aus. Stand jetzt wird er seine Karriere dann wohl beenden. Der 34-Jährige hofft auf einen großen Abschied. In der Nationalmannschaft hat es damit nicht geklappt. Zumindest in Leverkusen soll ihm das nun gelingen.

Die Prognose

Mit Hyypiä und Arturo Vidal hat Bayer zwei wichtige Stützen verloren, der Kader hat allerdings noch immer richtig viel Qualität und mit der Verpflichtung Schürrles vor allem in der Offensive nochmal an Klasse dazu gewonnen. Hinzu kommt, dass die in der letzten Saison lange verletzten Rolfes, Ballack und Kießling wieder komplett fit sind.

Vieles wird davon abhängen, wie man Adlers Ausfall kompensieren kann, wie schnell Toprak als Hyypiä-Ersatz einschlägt und wie gut man mit der Doppelbelastung in der Champions League zurecht kommt. Läuft alles normal, sollte sich Bayer auf jeden Fall für ein weiteres Jahr in der Königsklasse qualifizieren.

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