Fussball

Daum setzt auf Zuckerbrot statt Peitsche

SID
"Schmerzliche Worte" kündigte Eintracht Frankfurts Trainer Christoph Daum an
© Getty

Eintracht Frankfurt präsentierte sich beim 0:3 im Rhein-Main-Derby in Mainz wie ein Absteiger und wurde noch am Samstagabend von wütenden Fans attackiert. Trainer Christoph Daum hat den direkten Klassenerhalt schon abgehakt, setzt aber mit Blick auf das "Endspiel" gegen den 1. FC Köln auf Zuckerbrot statt Peitsche.
 

Abstiegsangst, Fan-Wut und ein am Boden zerstörter "Messias": Während Erzfeind FSV Mainz 05 in der Fußball-Bundesliga unaufhaltsam Richtung Europa stürmt, brechen bei Eintracht Frankfurt alle Dämme. Nach der bitteren 0:3 (0:3)-Pleite der Hessen im Rhein-Main-Derby rotteten sich vor dem Stadion in Frankfurt 200 gewaltbereite Hooligans zusammen und warteten wütend auf die Verlierer.

Warnschüsse der Polizei, 20 Festnahmen und eine Polizeieskorte für die Spieler - in Frankfurt tobte der Mob. Deshalb sagten die Hessen am Tag der Arbeit die für Sonntag und Montag geplanten Trainingseinheiten ab. Am Dienstag wird Daum dann mit seinem Team in ein Trainingslager reisen.

"Die Randalierer waren vermummt und haben sich verhalten wie die Verrückten. Das ist eine neue Form der Eskalation", sagte ein Polizeisprecher. Dagegen kritisierte die Fan-Gruppierung Frankfurter Ultras das Vorgehen der Polizei. "Wir wehren uns vehement gegen die Darstellungen, die Berichte zum Ablauf der Vorfälle entsprechen nicht der Wahrheit. Richtig ist, dass es zu einem Einsatz einer Schusswaffe von Seiten eines Polizisten kam. Wir stehen geschockt und fassungslos dieser Situation gegenüber."

Daum spricht von Überlebenskampf

Die Eintracht steht zwei Spieltage vor Saisonende vor einem Scherbenhaufen. Und nach dem sportlichen Untergang in Mainz glaubt selbst der nach fünf Spielen weiter auf einen Sieg wartende Daum nicht mehr an die direkte Rettung der abstiegsbedrohten Frankfurter. "Das Erreichen des Relegationsplatzes ist jetzt unser großes Ziel", sagte Daum.

Der als Heilsbringer geholte Coach zeigte sich von der erbärmlichen Vorstellung seiner Mannschaft schockiert: "Diese Niederlage tat verdammt weh", sagte Daum und sprach von Überlebenskampf. "Auch der letzte muss gemerkt haben, dass alle Alarmglocken angegangen sind", sagte der 57-Jährige.

Motivator gegen volle Hosen

Ausgerechnet gegen Daums Ex-Klub 1. FC Köln steht dem Tabellen-16., der nur noch zwei Punkte Vorsprung auf den Vorletzten Borussia Mönchengladbach (32) vorweist, am kommenden und vorletzten Spieltag das möglicherweise entscheidende Abstiegs-Endspiel bevor.

"Die Situation ist prekär. Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln, um die Relegation zu erreichen", sagte Eintrachts Vorstandsboss Heribert Bruchhagen nach der ersten Niederlage der Hessen im achten Bundesligaduell mit den Mainzern, die ausgelassen ihre fast schon sichere Qualifikation für die Europa League feierten.

In den Katakomben überboten sich die zuvor auf dem Platz wie Absteiger agierenden Eintracht-Profis mit Vorwürfen. "Was wir in der ersten Halbzeit gezeigt haben, war eine absolute Frechheit. Wir hatten Angst und müssen froh sein, nicht 0:4 oder 0:5 verloren zu haben" meinte Kapitän Patrick Ochs. Verteidiger Marco Russ attestierte sich und seinen Kollegen "volle Hosen" - und setzt die Hoffnungen in "Messias" Daum: "Er muss uns motivieren. Und das kann er auch."

"Es gibt keine Alternativen mehr"

Doch während die Konkurrenten wie Gladbach, Wolfsburg, Köln und Stuttgart am 32. Spieltag allesamt siegten, bleibt die Eintracht mit nur einem Sieg in 15 Rückrundenspielen die schwächste Bundesliga-Elf 2011 - trotz des vor fünf Wochen als Heilsbringer gefeierten Trainers Daum.

"Die Ergebnisse der anderen sind dramatisch für uns. Es gibt jetzt keine Alternative mehr zum Gewinnen", sagte Bruchhagen, der auch die Unterzahl der Hessen nicht als Entschuldigung gelten lassen wollte. Abwehrspieler Sebastian Rode hatte in der 43. Minute nach einem Foul an FSV-Stürmer Florian Heller die Rote Karte gesehen.

Die Eintracht-Fans bestraften ihr Team schon vor den Ausschreitungen bei der Rückkehr nach Frankfurt mit Liebesentzug. Nachdem sie nach dem 0:2 durch Elkin Soto (38.) aus Frust einen Stock aufs Spielfeld geworfen hatten, drehten sie den Profis zu Beginn der zweiten Hälfte den Rücken zu und verließen anschließend in Massen vorzeitig das Stadion.

Die Tür steht weit auf für Mainz

Bei den Mainzern, für die Andreas Ivanschitz (26.) und erneut Soto (44.) trafen, herrschte indes ausgelassene Freude über das fast schon gelöste Ticket nach Europa. Vor den letzten beiden Spieltagen haben die Rheinhessen fünf Punkte Vorsprung auf den Tabellensechsten 1. FC Nürnberg.

"Die Tür zur Europa League steht auf, aber wir sind noch nicht durchgegangen. Wir bleiben sehr fokussiert auf die nächsten Dinge", sagte FSV-Trainer Thomas Tuchel. Der Mainzer Manager Christian Heidel dachte da schon einen Schritt weiter: "Den einen Punkt werden wir holen. Und dann muss das erste Los ja nicht Charkow lauten."

Mainz - Frankfurt: Daten zum Spiel

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