Stuttgart: "Eine beschissene Situation"

Von Stefan Rommel
Sonntag, 19.12.2010 | 23:04 Uhr
VfB-Präsident Staudt (M., daneben Bobic) spricht per Mikrophon zu den aufgebrachten VfB-Fans
© Getty
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Das spektakuläre 3:5 des VfB Stuttgart zum Abschluss der Hinrunde gegen Bayern München war ein Spiegelbild für eine völlig verkorkste Halbserie der Schwaben. Immerhin sollte jetzt aber auch dem Letzten klar sein: Die Qualität des Kaders genügt nicht den Minimalanforderungen, so schafft sich der VfB selbst ab. Aber auch die Bayern bleiben ihren traditionellen Problemzonen treu.

Reaktionen:

Bruno Labbadia (Trainer VfB Stuttgart): "Der Aufwand passt heute nicht zum Ergebnis. Meine Mannschaft hat in den ersten 20 bis 25 Minuten gut gespielt. Es ist ärgerlich, dass wir wie aus dem Nichts die Bayern wieder ins Spiel kommen lassen. Auch nach dem 0:3 haben wir Moral gezeigt. Die Mannschaft hat gefightet, nie aufgegeben. Wir haben uns viele Chancen erarbeitet, aber definitiv zu viele Tore bekommen."

Louis van Gaal (Trainer Bayern München): "Wir haben heute nicht unser bestes Spiel gespielt, aber haben unsere Tore geschossen. Wir hätten in den ersten zehn Minuten ein Gegentor bekommen können, doch Jörg Butt hat uns gerettet. Wir haben sehr schöne Tore geschossen, aber in der zweiten Hälfte die Tore wieder weggegeben. Wir haben fünf Tore in einem Auswärtsspiel geschossen und können in dieser Saison noch den zweiten Platz schaffen."

Martin Harnik (VfB Stuttgart): "Das ist eine beschissene Situation für den gesamten Verein. Wir haben am Anfang alles umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben. Auch nach einem Rückstand sind wir nicht zusammengebrochen, das zeigt, dass wir intern nicht kaputt sind. Daraus müssen wir Kraft schöpfen."

Christian Träsch (VfB Stuttgart): "Wir hatten heute nicht die schlechteren Chancen, vielleicht sogar die besseren, aber wir haben es versäumt, diese konsequent zu nutzen. Durch unsere Fehler haben wir uns selber ein Bein gestellt und den Bayern zu einfache Tore ermöglicht. Aber nach dem hohen Rückstand haben wir wenigstens Moral gezeigt und gekämpft."

Sven Ulreich (VfB Stuttgart): "Wir haben gut angefangen und hätten mit unseren Chancen auch in Führung gehen können, sind dann aber ärgerlich in Rückstand geraten. Nach der Halbzeit sind wir gut zurückgekommen, aber es sollte dann nicht mehr ganz reichen. Beim vierten Tor muss ich die Hereingabe natürlich festhalten. Das war ganz klar mein Fehler."

Jörg Butt (Bayern München): "Einerseits können wir mit den drei Punkten zufrieden sein, andererseits müssen wir nach einer 3:0-Führung zur Halbzeit das Spiel besser kontrollieren. Wir haben zwar nach den ersten Gegentoren nochmal zugelegt und zwei weitere Tore gemacht, aber dann wiederum zwei Tore bekommen. Das ist etwas ärgerlich, besonders für mich als Torwart."

Nachbetrachtung:

Wohl selten vorher hat es eine Mannschaft geschafft, eine komplette Halbserie komprimierter und pointierter in 90 Minuten zu packen als der VfB gegen die Bayern. Stuttgart spulte die ganze Bandbreite einer wahnwitzigen Vorrunde noch einmal ab, mit ein paar positiven und sehr vielen negativen Höhepunkten.

Je nach Betrachtungsweise war das Spiel gegen die Bayern nun ein Schritt in die richtige Richtung oder eben ein nächster, kaum zu unterbietender Offenbarungseid; zwischen Zuversicht und Resignation.

Die Mannschaft zeigte schnell die richtige Einstellung und auch eine neue Entschlossenheit, die in den Wochen des Zauderns davor so nicht zu erkennen war. Und sie hat sich nicht aufgegeben, als es offenbar längst zu spät war.

Dies fußte allerdings auf einer ganzen Ansammlung derart krasser Fehlleistungen einzelner Spieler, die bei der Frage nach der nötigen Qualität des Personals nur den einen Schluss zulassen kann: Momentan geht zu vielen Spielern die Bundesligatauglichkeit ab.

Gegen einen an diesem Tag mittelprächtigen Gegner wie den FC Bayern fünf Gegentore zu kassieren, ist beinahe schon ein Kunststück. Und als brauchte der VfB noch ein brisantes Winterpausenthema mehr (Torhüterdiskussion), patzte diesmal auch noch der bisher recht zuverlässige Sven Ulreich folgenschwer und natürlich gesellt sich mit Timo Gebhart der nächste Verletzte dazu.

So schmerzhaft die Niederlage auch war, dürfte jetzt aber auch dem Allerletzten klar sein, dass es mit dem hochgelobten Kader und dessen individueller Stärke doch nicht ganz so weit her ist. Und dass schnell und gezielt reagiert werden muss, in allen Bereichen.

Die wütende Reaktion der Fans lange nach Spielschluss scheint wachzurütteln. Präsident Erwin Staudt, Aufsichtsratschef Dieter Hundt und auch Manager Fredi Bobic stellten sich jedenfalls den mehreren hundert Fans, die sich vor dem Stadion versammelten.

Video: Fan-Aufstand in Stuttgart

Aber auch beim Sieger fanden sich dunkle Flecken auf der Weste. Von den fünf Toren kombinierten die Münchener allenfalls das erste noch selbst heraus, der Rest wurde den Bayern quasi auf den Schlappen serviert.

Zwei schwache Außenverteidiger und ein ungeordneter Spielaufbau ließen über lange Strecken der Partie einige Zweifel an der immer wieder proklamierten Aufholjagd der Bayern in der Liga aufkommen.

Die Defensivbewegung der gesamten Mannschaft passt zu oft nicht und in der Viererkette reihen sich zu viele Fehler aneinander. Schon gegen St. Pauli wirkte die Abwehr beim kleinsten Pressing des Gegners anfällig für leichte Ballverluste.

Auch hier genügt die Qualität des Personals nicht allerhöchsten Ansprüchen, zumal mit Anatolji Tymoschtschuk derzeit immer noch ein gelernter Mittelfeldspieler hinten im Zentrum aushilft, weil die eigentlich dafür angestellte Konkurrenz in Person von Martin Demichelis und Daniel van Buyten derzeit offenbar nicht geeignet ist.

Die Mannschaft verfällt zudem immer wieder in eine eigenartige Trägheit, wenn sie in Führung liegt. Gegen einen völlig konsternierten Gegner wie den VfB sind drei Gegentore nicht akzeptabel.

Auch die Bayern haben also immer noch eine Menge Probleme. Aber ein Sieg übertüncht auch vieles. Manager Christian Nerlinger wollte in der Halbzeitpause schon eine dominante, eindeutig bessere Bayern-Mannschaft gesehen haben. Diese Meinung hatte er doch recht exklusiv.

Stuttgart - Bayern: Daten zum Spiel

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