Fussball

Das Hugo-Almeida-Mysterium

Von Haruka Gruber
Hugo Almeidas Torquote ist top: 13 Spiele, neun Tore
© Getty

Der Hattrick-Platzverweis-Wahnsinn beim 3:0 gegen den FC St. Pauli und ein Rätsel: Wer ist Hugo Almeida? Der Portugiese bringt alles für eine Weltkarriere mit, steht sich aber selbst im Weg. Ein vorzeitiger Weggang von Werder Bremen scheint möglich.

Es war ein seltener Anblick emotionaler Regung bei Thomas Schaaf. Eine dezente Jubelfaust nach einem Tor, etwas unterkühlte Interviews nach einer Niederlage, zwischen diesen Extremen bewegt sich die Gefühlswelt des Bremer Trainers in der Öffentlichkeit.

Gegen den FC St. Pauli jedoch verlor Schaaf für wenige Sekunden seine Contenance. Werder führte dank dreier Tore des herausragenden Hugo Almeida komfortabel mit 3:0, als eben jener Almeida in der 80. Minute seinen Gegenspieler Carlos Zambrano mit dem Arm schlug und daraufhin des Platzes verwiesen wurde.

Vermutlich wird der mit neun Toren gefährlichste Stürmer der Mannschaft wegen der Tätlichkeit für den Rest der Hinrunde gesperrt werden, wodurch Werders angespannte Personallage weiter verschärft wird. Dies ging wohl auch Schaaf durch den Kopf, als er neben Co-Trainer Wolfgang Rolff kopfschüttelnd und wild gestikulierend seiner Fassungslosigkeit Ausdruck verlieh.

"So eine Aktion ist natürlich falsch, darüber brauchen wir nicht reden. Hugo Almeida darf sich nicht provozieren und sich zu so etwas hinreißen lassen", lautete Schaafs entschärfte Version seiner Schimpftirade nach dem Schlusspfiff.

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Hugo Almeida die Konstante im Werder-Sturm

Almeida bleibt ein Rätsel. Selbst für Schaaf, der auch in der fünften gemeinsamen Saison nicht recht schlau wird aus dem so talentierten, aber eben auch unberechenbaren und verschlossenen Angreifer.

Seit Almeidas Wechsel 2006 vom FC Porto gab es vor allem im Angriff eine rege Fluktuation. Einige waren erfolgreich (Miroslav Klose, Ivan Klasnic), einige enttäuschten (Markus Rosenberg, Marcelo Moreno, Boubacar Sanogo, Mohamed Zidan).

Die einzige Konstante in all den Jahren heißt Almeida - und doch ist Schaaf unschlüssig, was er denn von ihm halten solle.

Potenzial für eine Weltkarriere ist vorhanden

Dabei gibt es keine zwei Meinungen darüber, dass Almeida alle Fähigkeiten eines internationalen Top-Spielers mitbringt. Seine 1,91 Meter und 93 Kilogramm sind Idealmaße für einen Stoßstürmer, er ist schnell, robust, kopfballstark, er hat eine gute Technik und vermag zu kombinieren.

Und sein strammer Schuss mit dem linken Fuß gehört zum besten im Weltfußball. Die drei Tore gegen St. Pauli sind ein Beleg seines großen Talents.

Dennoch lässt der große Durchbruch des 26-Jährige Jahr für Jahr auf sich warten - was nicht weiter verwunderlich ist, immerhin ist es ihm selbst in Bremen noch nicht gelungen, über eine komplette Saison in der Stammelf gesetzt zu sein.

"Wir haben immer wieder seine großartigen Fähigkeiten angepriesen. Aber wir erwarten von jedem eine Konstanz - und das ist das große Manko, was wir bei ihm sehen", erklärte Schaaf, warum Almeida trotz seiner vielen Tore nur in sieben von 13 Spielen beginnen durfte.

"So was darf nicht passieren"

Dabei kommt Almeida eine immense Bedeutung für das kriselnde Werder zu. Claudio Pizarro ist verletzungsanfällig, Sandro Wagner erwies sich bisher als untauglich und die Leistungskurve von Marko Arnautovic ist so schwankend wie dessen Gemütszustand.

Bleibt Almeida, der aber wie kaum ein anderer Bremer die Unbeständigkeit der Mannschaft verkörpert.

Seine letzten Partien im Zeitraffer: Gegen Nürnberg gelang ihm ein Tor und ein Assist, gegen Twente war er ein Totalausfall, beim 0:6 in Stuttgart wurde er erst spät eingewechselt, zum 0:4 auf Schalke kehrte er in die Startelf zurück und enttäuschte, die Partie bei Tottenham verpasste er wegen einer seinen vielen kleinen Verletzungen - und nun der Hattrick-Platzverweis-Wahnsinn gegen St. Pauli.

"Wäre die Rote Karte nicht gewesen, wäre ich glücklich. Aber so eine dumme Aktion darf mir nicht passieren", sagte Almeida, der seinen Ausraster so erklärte: "Ich bin im ganzen Spiel viel gefoult worden und mir wurde auch von hinten in die Beine getreten. Da sind mir die Nerven durchgegangen."

Verkauf schon im Winter?

Es war eine unrühmliche Tat, die lange im Gedächtnis haften bleibt, sollte es wegen der zu erwartenden Sperre Almeidas Abschiedsvorstellung gewesen sein.

Da der Vertrag des portugiesischen Nationalspielers nach der Saison ausläuft, müsste Bremen ihn in der Winterpause verkaufen, um eine Ablöse zu erzielen.

Almeida wollte mit Werder bereits im Sommer konkret über seine Zukunft sprechen, aber Manager Klaus Allofs verwies darauf, dass erst im Winter Verhandlungen anstünden. Womöglich mit dem Ergebnis, Almeida sofort abzugeben?

Interesse an Ze Eduardo und Almeida-Kritik

Dass letzte Woche eine mögliche Verpflichtung des brasilianischen Stürmers Ze Eduardo (FC Santos) in der Winter-Transferperiode durchsickerte und drei Tage zuvor Schaaf mit ungewohnt deutlichen Worten Almeida kritisiert hatte, mag Zufall sein. Oder ein Hinweis darauf, dass er trotz seiner neun Tore zur Disposition steht.

"Es ist wichtig, dass man sich auf Dinge hundertprozentig verlassen kann. Bei ihm ist es so, dass er nicht immer so und so viel Prozent seines Könnens abruft, sondern zu sehr hin- und herschwankt. Er kann großartige Dinge leisten, er kann aber auch in Partien daneben liegen. Wie viel arbeitet er für die Mannschaft, wenn es bei ihm mit den Toren mal nicht so klappt? Da hapert es bei ihm ab und zu", bemängelte Schaaf.

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Almeida: Interesse aus ganz Europa

Almeida vernimmt dies mit Unverständnis und kokettierte als Reaktion darauf mit dem angeblichen Interesse etlicher Klubs. Vor der Saison sprach er freimütig über die Möglichkeit, zu Valencia, Sevilla, Everton, Panathinaikos oder Lazio zu wechseln.

Zuletzt dachte er laut über die Möglichkeit nach, in seine Heimat zurückzukehren, weil sich nach Benfica auch Sporting und sein alter Verein Porto gemeldet hätten und er in Portugal dank der zwölf Treffer in 33 Länderspielen einen guten Ruf genießt.

Wiedersehen mit Jose Mourinho?

Und es gäbe ja noch Real Madrid, wo sein alter Trainer Jose Mourinho Bedarf für einen Stoßstürmer wie Almeida sehen würde. Da Mourinho mit Jorge Mendes den gleichen Berater wie Almeida beschäftigt, wäre die Konstellation äußerst günstig.

"Natürlich werde ich in Portugal darauf angesprochen, warum ich bei Werder nicht immer spiele. Ich antworte dann immer: Ich weiß es nicht. Der Trainer hat die Wahl und entscheidet eben so. Das muss ich akzeptieren", klagte Almeida kürzlich.

Worte, die Schaaf eher missfallen dürften - ebenso wie Almeidas folgenschwere Disziplinlosigkeit in der 80. Minute gegen St. Pauli.

Hugo Almeida Star und Gurke des Spiels

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