Wosz: "Sind völlig zu Recht abgestiegen"

Von Fatih Demireli
Samstag, 08.05.2010 | 21:23 Uhr
Dariusz Wosz verlor beide Spiele als VfL-Trainer in München und gegen Hannover
© Imago
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Nach dem sechsten Bundesliga-Abstieg des VfL Bochum herrscht die pure Wut und Enttäuschung. Die Fans gehen den Spielern an die Gurgel, der Trainer, der neue Impulse setzen sollte, scheitert sang- und klanglos und der Sportvorstand teilt aus und muss nun den Neuaufang einleiten. In Hannover sind die Erinnerungen bei Robert Enke.

Feierabend. Manuel Gräfe führt seine Pfeife zum letzten Mal in den Mund, um die Bundesliga-Saison 2009/10 zu beenden. Florian Fromlowitz sackt mit dem Pfiff des Berliners in Tränen zu Boden.

Auch Martin Kind hat auf der Tribüne feuchte Augen. Bei Dariusz Wosz sind nur noch dicke Augen sichtbar, geweint hat der Trainer des VfL Bochum schon vor dem Abpfiff.

Und da sind noch ein paar Chaoten. Sie weinen nicht. Sie haben andere Sorgen: Sie wollen aus Frust ein paar Bochumer Profis verprügeln.

"Eine Katastrophe"

Die Emotionen übernahmen nach dem 3:0 von Hannover 96 beim VfL Bochum die Hauptrolle. Die einen besiegelten ihren Klassenerhalt und weinten vor Glück. Die anderen stiegen ab und weinten vor Trauer.

"Das ist eine Katastrophe", sagte Wosz nach dem sechsten Bundesliga-Abstieg des VfL. Der Ex-Profi hat es nicht geschafft, das Ruder beim VfL herumzureißen und Bochum doch noch zu retten.

Die Leistung im Abstiegsendspiel gegen Hannover ließ auch keine andere Konsequenz zu. "Die Mannschaft hat sich viel vorgenommen. Aber sie hat den Worten nicht viele Taten folgen lassen", formulierte es Sportchef Thomas Ernst.

Wosz-Effekt bleibt aus

Deutlicher sprach es Wosz aus: "Wir sind völlig zu Recht abgestiegen!" Im Grunde gab sich Bochum schon nach neun Minuten auf, als Arnold Bruggink das 1:0 markierte. Dass sich ausgerechnet Wosz als Sinnbild der Machtlosigkeit präsentierte, passt ins Dilemma des VfL.

Vor der Trainerbank zusammengesackt und kopfschüttelnd sah er dem trostlosen Treiben seiner Mannschaft zu. Gerade von der Beförderung der VfL-Legende zum Chefcoach hatte sich der Ruhrklub einen neuen Schub erhofft. Nach der Pause war von der ehemaligen "Zaubermaus" aber gar nichts mehr zu sehen.

Seine Mannschaft bemühte sich, aber für ein Abstiegsendspiel war das zu wenig. Gegen Hannover blieb Bochum zum zwölften Mal in Folge ohne Sieg.

Bochumer Fans wüten

"Leider bin ich jetzt zum zweiten Mal mit Bochum abgestiegen. Beim ersten Abstieg stand es schon ein paar Spieltage vor Schluss fest und heute in dem Endspiel, das wir hatten und wo alles möglich ist, ist ein Abstieg natürlich besonders bitter", so Marcel Maltritz.

Bitter war auch, dass der Bochumer Verteidiger sogar nach dem Schlusspfiff noch den Manndecker mimen musste. Aufgebrachte Fans stürmten den Rasen, durchbrachen die Polizeisperre und ließen ihrer Wut freien Lauf.

Wirklich in Bredouille geriet aber nur Mergim Mavraj, der von einem Hooligan geschubst wurde. Maltritz und Anthar Yahia eilten gerade noch herbei, um Schlimmeres zu verhindern. Erwischt hat es einen Ordner, der einen Plastikstuhl auf den Kopf bekam. Auch die Feuerwehr musste aufgrund diverser kleiner Brände zum Einsatz kommen.

"Gewalt verurteile ich grundsätzlich. Ich kann aber verstehen, dass sich in diesen 90 Minuten Aggressionen aufgebaut haben", so Thomas Ernst.

Ernst kritisiert Profis

"Ich kann das alles nachvollziehen", sagte auch Dariusz Wosz. Der VfL muss sich nun vom Chaos befreien und einen Neuanfang in der 2. Liga starten.

Der genaue Durchblick fehlt noch, aber Sportchef Ernst gab erste Umrisse bekannt: "Wir haben von der Lizenzierung die Möglichkeit in der 2. Liga den Kader so zusammenzuhalten, aber Fakt ist, dass wir den Weg in die 2. Liga mit einer anderen Mannschaft gehen."

Der Ex-Torhüter holte nach dem Spiel auch zum kleinen Rundumschlag raus. Viele Spieler hätten sich zuletzt "nicht mehr untergeordnet", sich "selbst zu wichtig" genommen: "Das hat es in Bochum seit ewigen Zeiten nicht mehr gegeben."

Neuer Trainer muss her

Auch die Position des sportlichen Verantwortlichen wird hinterfragt. An einen Rücktritt denkt Ernst aber nicht: "Ich habe einen Vertrag und den Willen hier den Neuaufbau mitzugestalten."

Nicht begleiten wird diesen Dariusz Wosz. "Ich habe das Beste gegeben, aber es reichte trotzdem nicht und da muss man sich Gedanken machen", so Wosz' Bilanz zu seiner zweiwöchigen Amtszeit. Eine Bewerbung zu einer Weiterbeschäftigung sieht anders aus.

Man wolle  "schnell eine passende Lösung finden", sagte Finanzvorstand Ansgar Schwenken, der mit Spannung auf die anstehenden Gespräche mit den Spielern blickt: "Mal sehen, wer bereit ist, diesen Bockmist wieder auszulöffeln."

Gedanken bei Enke

Geschafft hat es Hannover 96. Bei den Feierlichkeiten über den Klassenerhalt gingen die Gedanken aber noch einmal zurück.

"Wir haben für einen Mann gewonnen, der ist oben im Himmel - und der heißt Robert Enke", sagte Torwart Fromlowitz, "ich hoffe, dass ich so eine Saison nie wieder erleben muss." Die Tore von Bruggink (9.) und Mike Hanke (23.) besiegelten bereits früh den Klassenerhalt.

Sergio Pintos (44.) 3:0 war das Sahnehäubchen. Klubchef Martin Kind hob hervor, dass "dieser Sieg noch einmal Dank und Respekt an Robert Enke gewesen ist".

Zu einem eindeutigen Bekenntnis zu Trainer Mirko Slomka, der bis zur Rettung mehrfach bei der Klubführung angeeckt war, ließ sich Kind nicht bewegen: "Jetzt freuen wir uns erst mal über den Klassenerhalt, dann analysieren wir in Ruhe die Saison."

Fast 12.000 mitgereiste Fans feierten ihre Mannschaft in Bochum. "Die Fans haben uns gegen Gladbach schon toll unterstützt, heute war es wieder so", sagte Mike Hanke: "Es war einfach richtig geil." Der Klub hat noch am Samstag spontan eine Fanfeier in der AWD-Arena organisiert.

Bochum - Hannover: Daten zum Spiel

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