
Bayerns Aufholjagd gegen Wolfsburg
Ein Stück Sommermärchen
Jürgen Klinsmann ließ es einfach so über sich ergehen. Nicht einmal erhob sich der Trainer des FC Bayern während der ersten 45 Minuten im Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg (4:2) aus seinem Sessel.
Nicht einmal, nachdem Schiedsrichter Dr. Jochen Drees den Wölfen einen zweifelhaften Elfmeter zugesprochen hatte. Werner Lorant hätte in dieser Situation Drees' Assistenten wahrscheinlich den Kopf abgebissen.
Haus- statt Herbstmeister
Zurückhaltung ist normalerweise nicht Klinsmanns Art. Für gewöhnlich treibt er seine Spieler an der Seitenlinie ständig mit kreisförmigen Bewegungen des Unterarms nach vorne, gemäß dem Kahn'schen Erfolgsprinzip: "Immer weiter, immer weiter".
Und es hätte in der ersten Halbzeit Anlass genug gegeben, von außen auf die Mannschaft einzuwirken. Nach 33 Minuten lagen leidenschaftslose Bayern 0:2 zurück.
"Wir haben ohne Agressivität und ohne Laufbereitschaft gespielt", gab Bastian Schweinsteiger zu. Manager Uli Hoeneß sah die angestrebte Herbstmeisterschaft in der Halbzeit "hinter den Bergen in den Alpen. Ich habe gedacht, so werden wir höchstens Hausmeister."
Motivator Klinsmann
Im Antlitz des brodelnden Managers und niedergeschlagener Spieler gab Klinsmann seine Zurückhaltung auf. "Der Trainer und die Spieler haben sich in der Halbzeit richtig gepusht", verriet Hoeneß. Es sei richtig laut geworden in den Katakomben, man habe sich gegenseitig heiß gemacht, berichtete Christian Lell.
Klinsmann machte von seiner Begabung als Motivator Gebrauch, einem Verhaltensmuster, das die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 2006 Berge versetzen ließ.
Klinsmann hat in der Halbzeit des Wolfsburg-Spiels offenbar die richtigen Worte gefunden und das ohne martialisch angehauchte Sprüche wie "Wir knallen die Polen durch die Wand".
Zudem gelang dem Coach ein taktischer Coup. Für den schwachen Massimo Oddo (Klinsmann: "Er hatte einen ganz schlechten Tag") brachte er Tim Borowski, versetzte Ze Roberto auf die linke und Lell auf die rechte Verteidigerposition.
"Mit Tim wollte ich einen Spieler bringen, der gerne in den Strafraum zieht und sehr torgefährlich ist", beschrieb Klinsmann seine Maßnahme.
Hoeneß: Totale Begeisterung
Borowski erfüllte den Auftrag zur vollsten Zufriedenheit. Er erzielte nicht nur das zwischenzeitliche 3:2 (63.), sondern führte bei Bayerns Sturmlauf in der zweiten Halbzeit glänzend Regie und verteilte im Mittelfeld geschickt die Bälle.
Ze Roberto interpretierte seine neue Position sehr offensiv, unterstützte Franck Ribery auf links und bereitete zwei Treffer vor. Die rechte Wolfsburger Seite, bestehend aus Sascha Riether und Makoto Hasebe, später Christian Gentner, hatte der Münchener Power nichts entgegen zu setzen.
"Nach der Pause hat die Mannschaft grandios gespielt, toll gefightet und uns alle total begeistert. In der zweiten Halbzeit hat sie ihr wahres Gesicht gezeigt und eine tolle Moral bewiesen", sagte Hoeneß.
Und Lell erklärte, dass man "so eine Aufholjagd nur schafft, wenn man als Team funktioniert." Diesen Beweis haben die Münchner durch drei Siege in einer Woche angetreten.
Erst Hausaufgaben, dann Vergnügen
Die Mannschaft hat Klinsmann hinter sich, dennoch liegt noch viel Arbeit vor ihm. Die Schwächen in der Defensive waren auch gegen Wolfsburg unübersehbar.
"Wir haben uns die Probleme in der ersten Halbzeit durch schwaches Zweikampfverhalten und schlechtes Verschieben selbst eingebrockt. Wir müssen begreifen, dass wir erst unsere Hausaufgaben machen müssen. Wenn die erledigt sind, dann dürfen wir Fußball spielen", stellte Klinsi klar.
Am Mittwoch in Frankfurt wird kontrolliert.













