Vom Druck befreit

Von Für SPOX in der Allianz Arena: Thomas Gaber
Mittwoch, 13.05.2009 | 09:19 Uhr
Bayern Münchens Martin Demichelis bejubelt den ersten Treffer gegen Bayer Leverkusen
© Getty
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Die Bayern verzichten im Endspurt um die deutsche Meisterschaft auf gewohnte Rituale und haben ungewohnte Probleme mit dem Druck und der Nervosität. Im Hintergrund läuft die Planung für die kommende Saison. Der erste Schritt mit der Verpflichtung von Louis van Gaal soll nun endlich perfekt sein.

Die Bayern-Fans lieben diese fünf Töne, wenn bei Heimspielen ihres Vereins die Zwischenergebnisse aus den anderen Stadien auf den beiden Videoleinwänden angezeigt werden.

Wenn der Jingle eines Telefonanbieters zu hören ist, hat eine Mannschaft ein Gegentor kassiert, die in unmittelbarer Konkurrenz zu den Bayern steht oder lokal bedingter Rivale ist.

Da der TSV 1860 München und der 1. FC Nürnberg aufgrund ihrer Ligazugehörigkeit in dieser Saison den Sprung auf die Leinwände nicht schaffen, gibt's den Jingle nur, wenn sich ein Meisterschaftskontrahent einen eingefangen hat.

Bloß keine Ablenkung

Am Dienstagabend wurden die Bayern-Fans enttäuscht. Kein Fünf-Ton-Jingle. Obwohl Hertha BSC Berlin in Köln kurz vor Schluss einen Treffer hinnehmen musste.

Die Herren von der Technik in der Münchner Arena hatten an diesem Abend fast gänzlich auf Zwischenergebnisse verzichtet. Nur Karlsruhes 1:0 gegen Hannover wurde angezeigt.

Kein Dzeko-Treffer gegen Dortmund, keine Ebert-Bogenlampe in Köln. Anweisung, um die Mannschaft nicht zu verunsichern oder die gute Stimmung der Bayern-Fans zu boykottieren? In jedem Fall ein Zeichen, dass sie beim Rekordmeister keine Ablenkung und auch keinen negativen Druck brauchen können.

Keine Infos von der Bank

So wie die Bayern in der zweiten Halbzeit gegen Bayer Leverkusen aufs Gaspedal drückten, müssten sie aber gewusst haben, wie es bei der Konkurrenz steht und dass besonders Tabellenführer Wolfsburg ebenfalls am Torekonto arbeitet. Am Ende könnte ja die Tordifferenz den Ausschlag für Sein und Nicht-Sein geben.

Philipp Lahm wusste während des Spiels aber nicht, was der VfL so treibt. "Wir haben uns voll auf uns konzentriert. Es gab auch von der Ersatzbank keine Durchsagen. Wir waren in Fahrt und wollten einfach noch mehr Tore schießen", sagte Bayerns Linksverteidiger.

Mangelnde Chancenverwertung

Am Ende blieb der "Rückstand" auf Wolfsburg gleich: zwei Tore. Für die Münchner ein Ärgernis. "Wir haben sehr gut gespielt in der zweiten Halbzeit. Aber wir haben wie in Cottbus zu viele Chancen liegen lassen. Das müssen wir noch lernen. Und zwar schnell", sagte Trainer Jupp Heynckes.   

Bayern-Manager Uli Hoeneß geht zwar nicht davon aus, dass das Torverhältnis am Ende entscheidend sein wird, gab aber zu, sich mächtig zu ärgern, sollten seine Bayern in diesem Fall den Kürzeren ziehen. "Das wäre schon fatal", so Hoeneß. (Der Tabellenrechner zum Bundesliga-Finale)

Der Druck lähmt

Dass die Bayern überhaupt noch an den Titel denken dürfen, lag an einer 180-Grad-Drehung der Mannschaft zur Pause. In der ersten Halbzeit wollte nichts gelingen. "Wir waren überhaupt nicht auf dem Platz", meinte Heynckes. Hoeneß mutmaßte, die Mannschaft sei "sehr nervös" gewesen. Verständlich, so der Manager, schließlich werde "der Druck jetzt immer größer". 

Für eine Mannschaft des FC Bayern ist Druck eigentlich ein allgegenwärtiger Umstand. Gegen Leverkusen wirkte er in den ersten 45 Minuten lähmend. Noch leidet die Mannschaft zu sehr unter den Eindrücken der ersten Hälfte der Rückrunde.

Sturmlauf in Hälfte zwei

Nach dem Wechsel spielte die frühe Führung von Luca Toni (47.) den Bayern in die Karten und gab ihnen das mangelnde Selbstvertrauen zurück. Es entwickelte sich ein Sturmlauf, dem in der ersten Halbzeit überlegene Leverkusener nicht im Ansatz gewachsen waren.

"Wir haben so viele gute Offensivspieler, die gezeigt haben, was möglich ist, wenn man mal in Führung geht und die Räume hat zu kombinieren", sagte Heynckes.

Podolski blüht auf

Vor allem einer hat es dem 64-Jährigen angetan: Lukas Podolski. Zwei Treffer bereitete Podolski vor, ein Tor erzielte er selbst. "Er ist ein erstklassiger Stürmer und jetzt beginnt er auch zu laufen", so der Coach. Podolskis Körpersprache wirkte positiver als in den letzten Monaten und er arbeitete fürs Team - auch in der Defensive.

Auf die Frage, ob Podolski auch im nächsten Spiel in Hoffenheim von Beginn an auflaufen würde, entgegnete Heynckes: "Soll ich einen Spieler nach dieser Leistung etwa rausnehmen?" Miroslav Klose, der nach überstandener Verletzungspause kurz vor Schluss eingewechselt und frenetisch gefeiert wurde, muss damit sein Startelf-Comeback verschieben.

Zum Ende seiner Tage in München blüht Podolski endlich auf. Noch ist es nicht zu spät, dem FC Bayern etwas zurückzugeben. Dass es nicht darüber hinaus geht, kann Heynckes nicht verstehen: "Wenn ich etwas länger hier gewesen wäre, wären die Dinge sicherlich anders gelaufen."

Leverkusen Ribery nicht gewachsen

Die Triebfeder des Bayernspiels war neben Podolski einmal mehr Franck Ribery. Die Tempodribblings des Franzosen über die linke Seite konnte Leverkusen in der zweiten Hälfte überhaupt nicht verteidigen und so schloss er auch einen blitzschnellen Konter nach Zuspiel von Podolski zum zwischenzeitlichen 2:0 ab.

Die Bayern wissen, was sie an ihm haben. Den Bossen war bislang kein angebliches Ablöse-Gebot der europäischen Klub-Elite für Ribery hoch genug.

Was läuft mit Diego?

Dennoch schauen sich Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge nach Ersatz um. Am Dienstag sollen sie sich mit dem Vater des Brasilianers Diego in München zu Verhandlungen getroffen und bereits Einigung über einen Wechsel des Bremers nach München erzielt haben. Weder Hoeneß noch Rummenigge wollten dies bestätigen.

Immerhin gab Rummenigge zu: "Es ist Fakt, dass wir an dem einen oder anderen Spieler aus der Bundesliga Interesse haben, und dass man da Gespräche führt, ist völlig normal."

Van Gaal darf kommen

Abhängig ist die Transferpolitik von der Trainerfrage. Und in der scheint einer Verpflichtung von Louis van Gaal nun nichts mehr im Wege zu stehen. "Louis hat am Montag die Probleme mit Alkmaars Präsidenten bereinigt. Mit den Bayern ist er einig, jetzt fehlt nur die Unterschrift unter dem Vertrag", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" einen Vertrauten des Niederländers. Bis Freitag soll alles geklärt sein.

Auch Uli Hoeneß äußerte sich am Dienstag nach dem Spiel sehr optimistisch: "Wir erwarten in den nächsten Tagen eine Entscheidung. Ich gehe davon aus, dass er zu uns kommt." (Das komplette Interview gibt's hier)

Neben Diego soll Mario Gomez ganz oben auf der Spieler-Wunschliste stehen. Zwei absolute Superstars der Liga, mit denen die Bayern im nächsten Jahr die Bundesliga dominieren und in der Champions League gegen die ganz Großen mehr ausrichten wollen als zuletzt gegen den FC Barcelona.

Doch da müssen die Bayern erstmal hinkommen. Und deswegen hat sich an der Zielsetzung direkte Champions-League-Qualifikation nichts verändert. Auf dem Weg dahin sollen die Ergebnisse der Anderen nicht stören.

Bayern - Leverkusen: Daten & Fakten

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