"Das Unfairste, was ich je gesehen habe"

Von Florian Bogner / Markus Hoffmann
Samstag, 22.11.2008 | 22:48 Uhr
Da waren's nur noch Zehn: Schiedsrichter Aytekin zeigt Luiz Gustavo die Gelb-Rote Karte
© Imago
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Christoph Daum und Ralf Rangnick lieferten sich nach dem hitzigen Aufsteigerduell zwischen Köln und Hoffenheim ein verbales Scharmützel. Auf dem Platz waren die Verhältnisse klarer, dort stellte der neue Tabellenführer einmal mehr eine neue Entwicklungsstufe zur Schau.

Christoph Daum hat man selten so außer sich erlebt. Wild rudernd schlingerte er an der Seitenlinie umher, warf giftige Blicke in Richtung Gästebank und sprach gebetsmühlenartig auf den vierten Offiziellen ein. Die, deutete er, die da drüben seien Schuld und sonst niemand.

Wenige Sekunden zuvor hatte Kevin McKenna direkt vor der Hoffenheimer Bank Sejad Salihovic umgetreten, was Ralf Rangnick und Co. dazu veranlasste, wie Springteufel von der Bank aufzufahren und sich lauthals zu beklagen. Schiedsrichter Deniz Aytekin zückte Rot - und Daum verstand die Welt nicht mehr.

"Was da von der Bank gekommen ist, war das unfairste, was ich in diesem Stadion je gesehen habe", entfuhr es ihm nach der Partie. "Da haben mehrere Leute eine Rote Karte gefordert. Das gehört sich einfach nicht." Hoffenheims Saubermann-Image habe "heute einen großen Fleck bekommen", schloss Daum seinen erbosten Vortrag über Unrecht und Betragen ab.

Rangnick dreht den Spieß um

Bei Hoffenheim-Trainer Rangnick stieß er damit freilich auf taube Ohren. Es sei ja wohl klar, dass man hochspringe, wenn ein solches Foul direkt vor der Bank passiere. "Von uns hat keiner Rot gefordert. Diesen Schuh, den man uns vor die Tür stellen will, ziehen wir uns nicht an", gab Rangnick retour und drehte den Spieß kurzerhand um.

Denn als nur vier Minuten später Luiz Gustavo mit Gelb-Rot zum Duschen geschickt wurde, wollte Rangnick selbst "fünf Kölner Spieler" rund um den Schiedsrichter gezählt haben, die Aytekin "die Karte quasi aus der Hosentasche zogen" und somit den Platzverweis provozierten.

So wäre der Disput auf der Pressekonferenz nach dem Spiel wohl noch weitergegangen, wenn der Fokus anschließend nicht auf das Sportliche gelenkt worden wäre. Und im Gegensatz zum verbalen Disput nach Abpfiff hatte es auf dem Feld einen klaren Sieger gegeben: 1899 Hoffenheim.

Konkurrenz fürchtet das Schweine-Hoffenheim

Sechs Monate zuvor waren die Kraichgauer als Tabellenzweiter der 2. Bundesliga nach Köln gereist und hatten gegen einen spuckenden, beißenden, kratzenden FC eine 1:3-Niederlage bezogen. Zu grün sei Hoffenheim damals gewesen, war der Tenor. Spielerisch eine Wucht, doch physisch nicht fähig, die ruppige Gangart zu verarbeiten, das Urteil.

Und dann kommen sie ein halbes Jahr später als Zweiter der Bundesliga an und verlassen das Stadion als Tabellenführer. "Vielleicht hätten wir so ein Spiel letzte Saison noch verloren. Da sind wir heute einen großen Schritt weiter", meinte Fast-Nationalspieler Tobias Weis hinterher verschmitzt.

Die Konkurrenz fürchtet nicht das Hoffenheim, das den Gegner im Offensivwirbel mit 5:0 erniedrigt. Die Konkurrenz fürchtet das Hoffenheim, das ein Schweinespiel in Köln mit 3:1 gewinnt.

"Sind nicht nur eine Schönspieler-Truppe"

"Für uns war das heute noch mal ein weiterer Schritt", sagte Rangnick. "Wir haben heute über 90 Minuten mit extrem viel Herz und Leidenschaft gespielt, aber eben immer auch mit dem Tick Verstand." Sein Urteil: "Viel besser lässt es sich auswärts bei solchen Bodenverhältnissen und dieser Stimmung nicht spielen."

Erstmals in dieser Saison musste sein Team den Ausfall von drei Stammspielern (Ibertsberger, Beck, Obasi) verkraften. Rangnick stellte deshalb auf 4-4-2 um, bekam von seinem Team aber dennoch taktische Disziplin und zielstrebiges Offensivspiel serviert.

Wer immer noch nicht vom Fortschritt im Reifeprozess der blutjungen Mannschaft überzeugt ist, sollte die beiden Köln-Spiele einfach mal wie Blaupausen übereinander legen.

"Als wir das letzte Mal hier in Köln gespielt haben, haben wir uns den Schneid abkaufen lassen", sagte Neu-Nationalspieler Marvin Compper. "Wir haben aus der Niederlage damals viel mitgenommen und gelernt. Heute haben wir vor allem gezeigt, dass wir nicht nur eine Schönspieler-Truppe sind, sondern auch aggressiv, ohne unfair zu werden, dagegen halten können."

Hoeneß mit viel Respekt vor Hoffenheim

Bequem wird das Ganze dann, wenn man einen Stürmer hat, der derzeit wohl sogar vom Mond aus einen Mülleimer treffen würde. Wenn Hoffenheim trifft, trifft Vedad Ibisevic - nun schon zum 16. Mal in 14 Spielen.

"Der kann machen, was er will, der steht einfach immer richtig", meinte Weis. Ibisevic selbst bekannte: "Langsam bekomme ich Angst vor meinen eigenen Qualitäten."

Zwei Wochen sind es noch bis zum großen Showdown in der Münchner Allianz Arena, dazwischen liegt mit Bielefeld ein vermeintlich leichter Stolperstein auf dem Weg. Und wie groß der Respekt vor den Hoffenheimern in München ist, machte Uli Hoeneß deutlich.

Wer denn nun der größere Konkurrent sei, Leverkusen oder Hoffenheim, wurde der Bayern-Manager nach dem lockeren 4:1 über Energie Cottbus gefragt. Hoeneß zog kurz die Augenbrauen hoch und meinte dann: "Hoffenheim. Ganz klar Hoffenheim."

Der 14. Spieltag im Überblick

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