Fussball

Nach Appell von Niko Kovac: Braucht der Fußball wieder alte Defensiv-Werte?

Niko Kovac vom FC Bayern München hat die Wichtigkeit von defensiver Ausbildung betont.

Niko Kovac vom FC Bayern München hat auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund betont, wie wichtig ihm die defensive Ausbildung der Spieler ist. Diese sieht er aktuell oft sträflich vernachlässigt. Was steckt dahinter?

Vier Tore hat der FC Bayern München unter der Woche von Zweitligist Heidenheim kassiert. Nur logisch, dass auf der Pressekonferenz am Folgetag dazu einige Fragen an Trainer Niko Kovac gestellt wurden. Der Kroate überraschte mit einer allgemeinen Kritik an der Ausbildung von Fußballern und wünscht sich eine größere Bedeutung von defensiven Werten.

"Im Fußball gibt es zwei Elemente: Du verteidigst oder du greifst an. Das Angreifen ist das schwierigere, da brauchst du Esprit, Qualität, das ist Kunst. Verteidigen ist Handwerk, das ist einfach. Du musst es unbedingt wollen. Den Zweikampf führen, den Zweikampf gewinnen", sagte Kovac und bezog sich damit nicht nur auf seine Bayern.

Vielmehr weitete er seine Kritik auf den gesamten Fußball aus: "Ich finde allgemein, dass das Zweikampfverhalten, so wie es damals im Lehrbuch stand, heutzutage gar nicht mehr existiert. Heute geht es nur noch darum, wer den schönsten Pass spielen kann, wer am besten aufbauen kann. Nein. Wir müssen mal dahin kommen, dass man gut verteidigt."

FC Bayern München gegen Heidenheim: Gewonnene Zweikämpfe nach Opta-Daten

Joshua Kimmich44%
Niklas Süle-
Mats Hummels71%
Jerome Boateng40%
Rafinha40%
James Rodriguez40%
Thiago60%
Leon Goretzka82%
Kingsley Coman80%
Thomas Müller27%
Serge Gnabry43%
Franck Ribery25%
Robert Lewandowski57%

Niko Kovac kritisiert individuelles Verhalten im defensiven Zweikampf

Nun mag der Bayern-Trainer nach den angesprochenen vier Gegentoren noch etwas beeinflusst vom Vorabend gewesen sein, interessant war der Appell aber so oder so. Zumal in den letzten Wochen oft darüber diskutiert worden war, ob der Jugendfußball nicht mehr Freiheiten, mehr Kreativität und mehr Mut zum offensiven Eins-gegen-Eins einbauen sollte.

Der Tenor war bislang eigentlich ein gänzlich anderer gewesen: Alle können verteidigen, nur richtig angreifen können immer weniger Mannschaften. Gar nicht so lange ist es her, dass die Bundesliga als absolute Hochburg des kollektiven Verteidigens, des Pressings, des Umschaltens nach Ballgewinn galt.

Kovacs Aussagen ließen darauf schließen, dass ihm besonders das individuelle Verhalten im defensiven Zweikampf nicht imponiert. Gerade die Ausbildung des defensiven Eins-gegen-Eins wolle er wieder intensiviert sehen, sagte der 47-Jährige.

Der DFB gibt das Eins-gegen-Eins als "Basis des Spiels" aus

Man sollte sich diesbezüglich zwei Theorien zum Fußball ins Gedächtnis rufen. Unter anderem der DFB gibt die Richtlinie "Das Eins-gegen-Eins ist die Basis des Spiels", aus. Das Führen einer klaren Eins-gegen-Eins-Situation wird detailliert in den Lehrgängen für Trainer behandelt: Am Flügel, im Zentrum, Gegenspieler aufgedreht, Gegenspieler mit dem Rücken zum Verteidiger.

Auf der anderen Seite steht aber die Theorie, dass der Fußball so gar nicht auf ein Eins-gegen-Eins zurückzuführen ist. Diese Einflüsse stammen besonders aus der niederländisch-spanischen Schule. Sie bestreiten die Existenz des Zweikampfes natürlich nicht, sehen diesen aber eher als offensives Mittel zur Chancenerarbeitung an.

"Overload to Isolate" ist ein klassischer Begriff dieser Denke: Überzahl in einem ausgewählten Bereich herstellen, dort den Ball befreien und dann schnell verlagern, um in einem anderen Bereich für wenige Sekunden in das Eins-gegen-Eins zu gehen, um den Verteidiger zu isolieren und zu überspielen.

Nicht zuletzt betonte Pep Guardiola in seiner Zeit beim FC Bayern die enorme Qualität von Spielern wie Franck Ribery, Arjen Robben, Kingsley Coman oder Mario Götze im offensiven Eins-gegen-Eins. Aber dort ist es nur ein kleiner Schritt, der dem erfolgreichen Ballbesitzspiel zuvor die Krone aufsetzen soll.

Das defensive Eins-gegen-Eins: Verhalten aus dem Lehrbuch

Frontales Eins gegen EinsEins gegen Eins im Rücken
im Zentrum
  • Seitliche Position zum Angreifer
  • Lenken auf Mitspieler oder
  • Lenken auf schwachen Fuß
  • Verzögern, keinen Abschluss zulassen
  • Stellen, Unterarmlänge Abstand
  • Nicht "herumwickeln" lassen
  • Verzögern, Attacke abwarten
  • Kein Foul verursachen
am Flügel
  • seitliche Position zum Angreifer
  • eine Seite anbieten
  • zur Außenbahn drängen
  • "Doppeln" mit dem Seitenaus
  • Idealerweise den Ball abfangen
  • Keinen Körperkontakt herstellen
  • Lauffinten erkennen
  • Stellen, nicht aufdrehen lassen
  • Kein Foul verursachen

Auch das Eins-gegen-Eins hat einen kollektiven Aspekt

Defensiv aber hatte der Fußball eigentlich lange eine Zeit erreicht, in der das defensive Eins-gegen-Eins um fast jeden Preis zu verhindern war. Überzahlsituationen auch in der Defensive herzustellen war das zentrale Element vieler Defensivtaktiken: Doppeln am Flügeln, Lenken des gegnerischen Aufbaus in Pressingfallen.

Dass in den letzten Jahren hier und da wieder Mann-gegen-Mann-Tendenzen auftauchten, stand dabei wenig im Zusammenhang mit dem klassischen Zweikampf. Vielmehr wurde etwa das Spiegeln der gegnerischen Aufbauformation zum Mittel angewandt, um ohne großen Aufwand eine klare Zuordnung im Pressing herzustellen.

Die letztliche Balleroberung ist damit auch heute weniger das Produkt eines gut geführten Zweikampfes als vielmehr von stringenter kollektiver Arbeit. Ist der Passgeber unter Druck, ist das Zuspiel ungenauer und umso einfacher fällt die Balleroberung für den Verteidiger.

Kritik von Kovac: Wie definiert sich eigentlich ein Zweikampf?

Erledigt die Mannschaft nun eine schlechte kollektive Arbeit, lässt zu große Abstände und kann im Pressing einfach keinen Zugriff finden, wird der Job für die Verteidiger schwer. Gleiches gilt für Ballverluste. Wurde zuvor schon keine gute Struktur mit Absicherung aufgebaut, überspielt der Gegner ein schlechtes Gegenpressing und die Verteidiger dürfen Angreifer im Tempo verteidigen.

Dann hilft eine gute Ausbildung im defensiven Eins-gegen-Eins nicht mehr viel. Dieses zielt schließlich weniger auf die echte Balleroberung ab, sondern eher auf eine Verzögerung des Angreifers, bis ein Mitspieler mithelfen kann. Sind die Mitspieler weit entfernt oder können ihre Positionen nicht verlassen, ist der Gegner schon im Vorteil.

Nicht umsonst ist der Begriff "Zweikampf" stark umstritten: Was definiert einen Zweikampf? Wie gewinnt man eigentlich einen Zweikampf? Jeder hat vor Augen, wie der Verteidiger resolut dazwischen geht und den Balls stibitzt. Aber was ist, wenn er den Angreifer abdrängt, bis dieser aus schlechter Stellung eine Flanke versucht, die der Torwart fängt: War das dann ein gewonnener oder ein verlorener Zweikampf?

Kovacs Wunsch nach einem Abräumer ist keine Allround-Lösung

Die Rede von Kovac hat somit durchaus ihre Lücken: Der DFB definiert sein Ausbildungsmodell ohnehin schon über das Eins-gegen-Eins. Dieses nimmt aber im heutigen Fußball nur noch einen kleinen Teil des Geschehens ein und wird darüber hinaus stark von der kollektiven Arbeit des Teams beeinflusst. Und auch der geforderte "Abräumer" im Mittelfeld ist keine Allround-Lösung.

Gleichwohl zielte Kovac mit seiner Rede aber auch auf einen weiteren Faktor ab: Den Zweikampf gewinnen wollen. Der Wille war dem Trainer ein wichtiger Aspekt, die Bereitschaft, sich mit Vollgas auf einen Angreifer zu werfen. Dieser Faktor ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Auch Heidenheim-Trainer Frank Schmidt predigt gerne: "Hart, aber nicht unfair."

Dass ein harter Spielstil im Jugendfußball verschrien ist, hat durchaus seine Richtigkeit. Ob man das ändern möchte, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Vielmehr gab Kovac selbst eine gute Faustregel aus: "Niemand ist davon befreit zu verteidigen, es ist auch keiner davon befreit anzugreifen."

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