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FC Bayern - Renato Sanches kokettiert mit Abschied: Die Quadratur des Teufelskreises

Von Jonas Rütten
Ist unglücklich beim FC Bayern: Renato Sanches.

Im Sommer klang alles noch so positiv, als Renato Sanches von einer missglückten Leihe zum FC Bayern zurückkehrte. Niko Kovac, Karl-Heinz Rummenigge und eigentlich jeder beim Rekordmeister stärkte dem strauchelnden Edeljuwel den Rücken. Als Sanches dann auch noch groß gegen Ex-Klub Benfica aufspielte, schien die Basis für ein Happy End gelegt. Sieben Monate später deutet darauf jedoch kaum noch etwas hin.

"Flop. Pleite. Scheiße. Verkauft ihn, solange wir können." Renato Sanches wusste genau, was die Fans des FC Bayern nach seinen ersten, unglücklichen Gehversuchen beim deutschen Rekordmeister von ihm hielten und wie sie seine Rückkehr im Sommer aufgenommen hatten.

Ehrlich und offen sprach der 21-Jährige zuletzt bei The Players Tribune über seine Gefühlslage nach seiner Debütsaison an der Isar und dem anschließenden Jahr bei Swansea City, als er oft verletzt und wenn er spielte, völlig außer Form war.

Und ebenso offen und ehrlich eröffnete Sanches dem kicker nun auch im Jahr zwei beim FC Bayern, dass er "hier nicht glücklich" sei, dass er mehr spielen wolle - "vielleicht bei einem anderen Klub".

Die Zeichen stehen endgültig auf Abschied. Die Personalie Renato Sanches ist zu einer Quadratur des Kreises verkommen - einem Problem, dessen Lösung unmöglich erscheint. Weil der Spieler jene Geduld zu verlieren scheint, die sich der Verein mit Blick auf ihn immer wieder erbeten hatte.

Dabei schien sich alles so positiv zu fügen, als Sanches im Sommer aus Wales zurückkehrte und den Eindruck erweckte, den Konkurrenzkampf ohne murren annehmen zu wollen und es erste Anzeichen gab, dass dieser Kampf von Erfolg gekrönt sein könnte.

Sanches' zweites FCB-Jahr: Gedämpfte Erwartungen

Trainer Kovac, Vorstandschef Rummenigge, Präsident Uli Hoeneß. Sie alle stärkten ihm den Rücken und verlangten Zeit. Dass alle Beteiligten dieses Mal diese Zeit bekamen, lag auch an der gesunkenen Erwartungshaltung an Sanches. Schließlich war er im Sommer 2018 längst nicht mehr der Goldjunge, als der er noch 2016 nach der Europameisterschaft für 35 Millionen Euro von Benfica zum Rekordmeister gekommen war.

Sanches kam als Absteiger von Swansea City zurück, als "Flop, Pleite, Scheiße". Als jemand, der nicht länger "das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern hatte". Das sei ihm bei Swansea neben den vielen Verletzungen zum Verhängnis geworden. Zumindest wenn es nach seinem ehemaligen Trainer in Wales, Paul Clement, geht.

Kovac versprach zu Saisonbeginn, Sanches zu formen und betonte dessen Fähigkeiten, weil man diese "in der Bundesliga nicht alltäglich sieht". Und Sanches? Er habe nach seiner Rückkehr zum FC Bayern das Gefühl gehabt, sein Spiel zu finden. "Ich habe keine Schwächen, ich bin stark", sagte er noch im Sommer.

Und tatsächlich kehrte in den ersten Wochen das verloren gegangene Lächeln aus dem EM-Sommer 2016 zurück. Sanches trainierte gut, blieb trotz geringer Einsatzzeiten geduldig und schien irgendwann im September all jene Kritiker Lügen zu strafen, die ihn schon abgeschrieben hatten.

Renato Sanches: Einsatzzeiten bei Benfica und FC Bayern

VereinSpieleEingesetzte Minuten
FC Bayern481.746
Benfica Lissabon352.695
Swansea City15859

Renato Sanches und die trügerische Ankunft beim FC Bayern

Ausgerechnet im Champions-League-Spiel bei Ex-Klub Benfica schlug seine erste große Stunde im Bayern-Trikot. Es schien so, als würde sich bei Sanches ein ganzer Komplex lösen, als sei er von allen Sorgen der Vergangenheit befreit. Plötzlich spielte er wie ein Großer - oder zumindest wie einer, der es werden könnte. Er leitete das 1:0 von Robert Lewandowski ein, traf selbst zum 2:0 und in diesem Spiel fast immer gute Entscheidungen.

Ein ganzes Stadion huldigte ihm am Ende mit stehenden Ovationen. Für sie war Sanches im Sommer 2016 als Junge gegangen und an diesem Abend als Mann zurückgekehrt. Saudade, nennen das die Portugiesen. Ein Wort, das für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, steht. Eine Sehnsucht, die niemals mehr gestillt werden kann.

Die Benfica-Fans verließen das Estadio da Luz an diesem Spätsommerabend mit Wehmut. Sanches verließ Lissabon mit dem Gefühl, endlich beim FC Bayern angekommen zu sein. Das war auch der Tonus in der Presselandschaft. Doch die vielzitierte "Ankunft" war eine trügerische.

Corentin Tolisso, Thiago und Kingsley Coman fehlten im September verletzt. Leon Goretzka befand sich noch in einer Art Akklimatisierungsphase und war längst nicht so stark, wie er es mittlerweile ist. Und Kovac war in seinem ersten Bayern-Jahr nach dominanten Siegen gegen Hoffenheim, Stuttgart und Leverkusen voll auf Kurs.

Meisterschaftskampf mit BVB wird Sanches zum Verhängnis

Es folgte jener Herbst, der die bajuwarische Geduld maximal strapazierte. Zwar spielte Sanches nach seinem glanzvollen Auftritt in der Champions League häufig (neun Spiele in der Liga am Stück), doch gleichzeitig rutschte der Rekordmeister immer tiefer in die Ergebniskrise und fand sich zum Jahresende plötzlich neun Punkte hinter Borussia Dortmund wieder.

Kovac wurde mehr als nur ein Mal angezählt, der Druck wuchs und es folgte das "Ende der Rotation" in der Bayern-Startelf. Ein Ende, das den Platz für Experimente und Entwicklungshilfen für den sensiblen Portugiesen minimierte.

"Es wäre sehr viel leichter, wenn wir viele Punkte Vorsprung hätten, wenn wir die Spiele mit klaren Ergebnissen sicher herunterspielen würden", erklärte Kovac im Februar sein Dilemma mit Sanches. Dieser hatte sich im Frühjahr erstmals öffentlich über die wenigen Einsatzchancen beklagt.

Damals stand sogar eine erneute Leihe im Raum. Paris Saint-Germain hatte aufgrund des personellen Engpasses in der Zentrale beim Rekordmeister angeklopft, doch Kovac schob dem Wechsel einen Riegel vor. "Es ist schon so, dass PSG sehr interessiert war und auch ist", bestätigte Kovac: "Aber ich habe klipp und klar gesagt, dass Renato nicht geht, denn ich finde, er macht eine richtig gute Entwicklung".

Auf die warmen Worte des Trainers folgten seither lediglich 37 magere Bundesligaminuten für Sanches. Weil die Mittelfeld-Achse mit Thiago, Goretzka, dem wiedererstarkten Javi Martinez und James im Zentrum funktionierte. Und weil Kovac Sanches offenkundig nicht zutraut, dem Druck des engen Meisterschaftskampfes gewachsen zu sein. Schließlich war Druck genau das, woran Sanches in den letzten beiden Jahren permanent zu zerbrechen drohte.

Sanches-Zukunft beim FC Bayern: Abgang schon im Sommer?

"Im Training, als er nicht unter Druck stand, war er der beste Spieler von allen. Aber in den Spielen traf er immer wieder die falschen Entscheidungen", sagte Clement über seinen ehemaligen Spieler bei Swansea City.

Kovacs Umgang mit Sanches ist daher sowohl sportlich als auch menschlich nachvollziehbar. So übel es der Portugiese dem Bayern-Trainer auch nehmen mag, ist es doch eine Art Schutzmaßnahme vor einem erneuten psychischen Knacks.

Weil der Fokus des Rekordmeisters nach dem frühen Aus in der Champions League gegen Liverpool umso mehr auf dem Gewinn der Meisterschaft liegt, ist eine Verbesserung der Sanches-Situation in dieser Saison ein unwahrscheinliches Szenario.

"Ich will hören, dass die Leute in München sagen: 'Das ist der Renato, den wir verpflichtet haben. Das ist das, warum wir ihn geholt haben", sagte Sanches bezüglich seiner Ziele. Eine möglicherweise letzte Gelegenheit dazu wird der 21-Jährige sehr wahrscheinlich erst Anfang April im Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Heidenheim erhalten. Weil Kovac gegen den Zweitligisten Kräfte für das drei Tage später anstehende wegweisende Topspiel gegen den BVB schonen wird.

Wie es dann mit Sanches über die Saison hinaus weitergeht, liegt an ihm selbst und an seiner Bereitschaft, den Weg der langsamen, aber stetigen Entwicklung in München unter Kovac weiterzugehen. Trotz erstmal geringer Aussichten auf deutlich mehr Spielzeit, schließlich kehrt in Corentin Tolisso der nächste Hochkaräter im Bayern-Mittelfeld nach Kreuzbandriss zurück.

Dass er das nicht will, hat er deutlich gemacht und so scheint nur eines zur Quadratur des Teufelskreises des Fußballers Renato Sanches zu führen: Nämlich der Abschied vom FC Bayern.

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