Fussball

FC Bayern mit Rekord-Angebot für Nicolas Pepe? Jäger des verlorenen Schatzes

Von Jonas Rütten
Ist nach Kylian Mbappe aktuell der beste Scorer der Ligue 1: Nicolas Pepe vom OSC Lille.

Zahlreiche europäische Schwergewichte haben mehr als nur ein Auge auf Nicolas Pepe vom Lille OSC geworfen haben. Auch der FC Bayern soll im Poker um den 23-Jährigen mitmischen und sogar bereit sein, für die Dienste des Flügelstürmers sämtliche Transferrekorde zu brechen. Für die Münchner geht es dabei um das nächste Kapitel auf der Jagd nach dem verlorenen Schatz.

Der 10. März 2018 ist ein schwarzer Tag in der Geschichte des Lille OSC, und auch für Nicolas Pepe. Soeben hatte der Double-Sieger von 2011 nur ein mageres Pünktchen gegen den HSC Montpellier geholt. Es war das sechste sieglose Spiel des in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Klubs in Folge, der Abstieg drohte. Das alles war zu viel für die LOSC-Fans.

Mit dem Schlusspfiff stürmten die Anhänger der "Doggen" den Platz, gingen auf die eigenen Spieler los. Auch Pepe wurde zur Zielscheibe von Anfeindungen und Beleidigungen. Sogar getreten und geschlagen wurde er. Stadion-Ordner eilten herbei, zogen den Ivorer, der sich offenbar wehren wollte, von den tobenden Lille-Fans weg.

Fast genau ein Jahr ist das jetzt her. Mit drei Siegen aus den letzten vier Spielen wendete der LOSC den Abstieg noch ab, ein Punkt trennte den Klub am Ende von der Relegation.

Mittlerweile ist alles anders. Lille hat sich klammheimlich zur zweiten Kraft in der vom Scheich-Klub aus Paris mit vergoldeter Hand regierten Ligue 1 gemausert, wie Phönix aus der Asche erhob man sich aus den Trümmern der vergangenen Saison. Und der, den die "Fans" noch vor einem Jahr mit Tritten malträtiert und übel beschimpft hatten, obwohl er schon damals mit 13 Saisontoren der einzige Lichtblick des Klubs war, hat daran einen großen Anteil.

Pepe ist mit 17 Toren und acht Vorlagen nach Kylian Mbappe aktuell der beste Scorer der Ligue 1. Die Folge: Mittlerweile haben die ganz großen Klubs aus Europa die Fühler nach dem 23 Jahre alten Ivorer ausgestreckt.

Nicolas Pepe und die Looney Tunes: "Bip Bip" is best

Manchester United, Arsenal, Barcelona. Sie alle sollen diesen so spektakulären, wie flexiblen und effektiven Außenstürmer haben. Ab 80 Millionen Euro könne man reden, heißt es. Und der FC Bayern will offenbar reden, ein ernsthaftes 80-Millionen-Euro-Gespräch führen. Eine Summe, die Pepe sowohl zum teuersten Bundesliga-Einkauf als auch zum teuersten Ligue-1-Verkauf machen würde.

Pepe selbst wollte davon zumindest vor wenigen Tagen noch nichts wissen. "Ob es Kontakt zu den Bayern gab? Auf jeden Fall nicht mit mir", sagte er dem TV-Sender Canal+. Seine Berater würden sich um solche Angelegenheiten kümmern, sagt er, weil er auf "das aufregende Saisonende" fokussiert sei.

Oder aber auch, weil Pepe aktuell zu sehr damit beschäftigt ist, mit Lille und seinen Sturmpartnern Jonathan Ikone und Jonathan Bamba den Rest der französischen Liga aufzumischen. "Bip Bip" nennen sie in Lille das Offensiv-Trio in Anlehnung an die französische Adaption des Road Runners.

Denn genauso schnell wie der rasend schnelle, flugunfähige Vogel von den Looney Tunes spielen sich Pepe und Co. an die gegnerischen Sechzehner. Und genauso wie es der Road Runner in der Zeichentrickserie mit Wile E. Coyote tut, lassen sie ihre Gegner immer wieder in einem bemitleidenswerten Zustand zurück.

Der äußerst erfolgreiche Fußball im Außenseiter-Stil nötigte auch PSG-Trainer Thomas Tuchel größten Respekt ab. "Wenn es um Konterattacken geht, ist Lille eine der besten Mannschaften Europas", sagte Tuchel nach dem knappen 2:1-Sieg des Serienmeisters gegen den ärgsten Verfolger in diesem Jahr. Dass Pepe auch in diesem Spiel für LOSC getroffen hatte, war eher eine Randnotiz.

Lille-Shootingstar Nicolas Pepe: Torwart bis zum 13. Lebensjahr

Eine Randnotiz deshalb, weil es eben kein Einzelfall war, hatte er vor diesem 12. Spieltag doch schon siebenmal getroffen. Dabei wollte der heutige Torjäger Pepe eigentlich Torhüter werden. Damals, als er noch beim FC Solitaires Paris-Est, einem Partnerklub von PSG, kickte und einen Großteil seiner Freizeit auf den Betonbolzplätzen im Banlieu Mantes-la-Jolie verbrachte.

Im Alter von 13 Jahren änderte sich das. Pepe spielte immer öfter auch auf dem Rasen und weckte das Interesse größerer Klubs. Doch der Sohn zweier ivorischer Einwanderer entschied sich für den Fünftligisten Poitiers FC und traf dort auf seinen ersten echten Förderer Philippe Leclerc.

Zu dem Mann, der ihm mit 18 Jahren zu seinem Debüt in der 5. Liga verhalf, ist Pepes Kontakt bis heute nicht abgerissen. Obwohl er 2013 zu Angers weiterzog, über Umwege und Leihgeschäfte dort zum Stammspieler reifte und im Sommer 2017 für zehn Millionen Euro zum LOSC wechselte.

Dort lässt er das schöne Spiel mit kalter Effizienz verschmelzen. Pepe sucht das Dribbling wie kaum ein anderer Spieler in den fünf europäischen Top-Ligen. 159 Mal schon in dieser Saison um genau zu sein (Platz zehn in Europa). Knapp 47 Prozent davon schließt er erfolgreich ab, im Vergleich dazu liegt Lionel Messis Wert aktuell bei 56,5 Prozent.

Generell verbieten sich zwar solche liga-übergreifenden Gegenüberstellungen von Statistiken und ohnehin jene mühseligen Vergleiche mit einem der beiden besten Spieler Welt. Doch Pepe ähnelt in seinem Stil schon sehr seinem großen Vorbild aus Argentinien. Widerstandsfähig im Dribbling, temporeich, technisch hoch veranlangt und mit der Gabe gesegnet, auf engem Raum Lösungen zu finden.

Nicolas Pepe beim FC Bayern: "Miep Miep" statt "Bip Bip"

Diese Qualitäten sind dem FC Bayern schon länger aufgefallen. Bereits im September grassierten erste Gerüchte vom Interesse des deutschen Rekordmeisters am Nationalspieler der Elfenbeinküste. Auch, weil der FC Bayern im Sommer seinen über ein Jahrzehnt hinweg wohl wertvollsten Schatz verliert. Ein Schatz, den zu haben für die Ziele des Rekordmeisters jedoch unerlässlich ist.

Die Flügelzange Arjen Robben und Franck Ribery war lange Zeit europaweit gefürchtet, "Robbery" prägte die zurückliegende erfolgreiche Dekade des Rekordmeisters. Zwar steht mit Kingsley Coman und Serge Gnabry die nächste Generation schon in den Startlöchern, doch beide sind verletzungsanfällig und Nachrücker Alphonso Davies gerade einmal 18 Jahre jung.

Es ist daher ein offenes Geheimnis, dass sich die Bayern im Sommer nach weiteren Verstärkungen auf dem Flügel umsehen werden. Es fallen Namen wie der von Callum Hudson-Odoi vom FC Chelsea, den Sportdirektor Hasan Salihamidzic zum Wunschspieler auserkoren hat. Oder Florian Thauvin von Olympique Marseille. Henry Onyekuru von Galatasaray.

Im Gegensatz zu diesen Spielern der nächsten Generation ist Pepe zwar sehr teuer und international recht unerfahren, was das Risiko eines Wechsels aus Bayern-Sicht nicht unbedingt minimiert. Doch er ist im Vergleich vielseitiger. Zehner, Neuner, Linksaußen oder Rechtsaußen: Ihm ist es fast schon egal, wo er spielt.

So wie ihm auch seine Zukunft egal ist - zumindest offiziell. "In Lille zu bleiben oder woanders hinzugehen, ist für mich dasselbe", sagte Pepe erst vor kurzem. Doch vielleicht bildet Pepe schon ab dem Sommer ein neues Trio. Nicht mehr "Bip Bip" in Nordfrankreich, sondern "Miep Miep" an der Isar.

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