Bayerns teurer Arbeitssieg gegen Hertha: Ein geknicktes Pferd

Von Kerry Hau, Dennis Melzer
Kingsley Coman verletzte sich gegen Hertha BSC am Oberschenkel.
© getty

Glanzlos, aber erfolgreich: Der FC Bayern rückt dem BVB an der Spitze der Bundesliga immer weiter auf die Pelle. Friede, Freude, Eierkuchen herrschte nach dem 1:0-Arbeitssieg gegen Hertha BSC beim Rekordmeister aber keineswegs. Während Kingsley Coman mit einer neuerlichen Muskelverletzung für lange Gesichter sorgte, gab sich mehr als nur ein Dauerreservist unzufrieden.

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Ein Hauch von Phrasenbingo gehört im Rausch des Erfolgs ja irgendwie dazu. Hasan Salihamidzic baute sich lächelnd vor den Pressevertretern auf, sprach nach dem fünften Sieg vor heimischer Kulisse in Folge erst von einem guten Abschluss einer guten Woche für den FC Bayern, bis er seine Ausführungen mit einer dieser typischen Siegesphrasen abschloss. "Ein gutes Pferd", merkte der Sportdirektor an, "springt nur so hoch, wie es muss."

Eine unter dem Strich treffende Beschreibung für die vorangegangenen 90 Minuten. Beschönigen wollte sie Salihamidzic damit aber nicht: "Man hat sicher gesehen, dass wir uns weiter verbessern müssen."

Die Münchner hatten sich gegen eine gut gestaffelte und leidenschaftlich kämpfende Mannschaft von Hertha BSC in der Tat die Zähne ausgebissen, phasenweise so träge nach vorne gespielt wie im kriselnden Spätherbst. Der Unterschied zu den meisten mauen Heim-Auftritten der Hinrunde: Die Bayern gingen als Sieger vom Platz.

Martinez-Tor reicht behäbigen Bayern gegen Hertha

Eine Ecke, die Hertha-Keeper Rune Jarstein mit seinem übereilten Herauslaufen erst entscheidend scharf machte, erwies sich als Schlüssel zum Sieg. Vom Schädel des "Spielers der Woche", so nannte Salihamidzic den schon in Liverpool auftrumpfenden Javi Martinez, sprang der Ball ins Netz.

"Ich habe schon gegen bessere Bayern gespielt", resümierte Hertha-Verteidiger Niklas Stark. Auch sein Trainer Pal Dardai befand, man hätte sich "ein bisschen mehr" verdient an diesem sonnigen, aber frischen Samstagnachmittag in der Allianz Arena.

Bayern-Coach Niko Kovac war "im Großen und Ganzen zufrieden", sagte er auf der Pressekonferenz. Nach einer strapaziösen Woche mit der Reise nach Großbritannien seien schließlich drei weitere wichtige Punkte im Kampf um die Meisterschaft herausgesprungen. Man habe "Willen" und "Mentalität" an den Tag gelegt. Wie ein gutes Pferd eben. Dieses Pferd war aber nicht nur gut, es war auch sichtlich geknickt.

Verletzungsdrama um Coman trübt Bayern-Stimmung

Das äußerte sich in erster Linie durch die erneute Verletzung von Kingsley Coman. Der französische Pechvogel war keine zehn Minuten nach seiner Einwechslung in der 58. im Beisein zweier Ärzte vom Feld gehumpelt.

Die Diagnose kam gegen 21.15 Uhr: Muskelfaserriss im linken hinteren Oberschenkel. Eine Verletzung, die im Normalfall mehrere Wochen Pausen nach sich zieht. "Wir hoffen, dass er sich schnell wieder erholt", sagte Robert Lewandowski auf Nachfrage von SPOX und Goal, "Kingsley ist ein sehr wichtiger Spieler für uns."

In eine Kapuzenjacke eingehüllt verließ Coman traurig die Arena, über seinen Gemütszustand sprechen wollte er nicht.

Rafinha motzt, Müller winkt ab, Sanches schweigt

Diese Rolle nahm ihm Rafinha freiwillig ab. Dem brasilianischen Außenverteidiger platzte nach einem weiteren Nachmittag auf der Ersatzbank förmlich der Kragen. Kovac gehe "nicht korrekt" mit ihm um, seitdem er zu Jahresbeginn verkündet hatte, er werde den Bayern im Sommer den Rücken kehren.

"Ich weiß nicht, woran das liegt", rätselte der 33-Jährige, "ich habe keine Probleme gemacht. Aber natürlich bin ich enttäuscht."

Enttäuscht blickten auch Thomas Müller und Renato Sanches drein, als sie sich auf den Heimweg begaben. Müller, zum ersten Mal seit Mai 2009 im vierten Pflichtspiel in Folge nicht in der Startelf des Rekordmeisters, wollte auf Nachfrage keine Stellungnahme abgeben. "Da kommt eh nix Gescheites bei raus", meinte der Nationalspieler nur und winkte ab. Sanches, ein weiteres Mal 90-minütiger Chronist, dampfte wortlos ab.

BVB unter Zugzwang: "Wichtig, dass wir auf uns schauen"

Salihamidzic war darum bemüht, die Wogen zu glätten. "Klar sind die Spieler nicht zufrieden, die auf der Bank sitzen. Es gibt solche Phasen. Die Saison ist noch lange, alle werden auf ihre Minuten kommen", erklärte der Sportdirektor.

Statt sich zu beklagen müsse man derartige Rückschläge "auch mal schlucken" und im Training "Gas geben". Gerade in der aktuellen Phase, in der man sich dem Konkurrenten aus Dortmund immer weiter nähere, sei der Mannschaft geraten, "enger zusammenzurücken".

Der BVB empfängt am Sonntag seinen Ex-Coach Peter Bosz mit dem - zumindest in der Liga - wieder erstarkten Bayer Leverkusen (ab 18 Uhr im LIVETICKER). Er werde sich das Spiel ansehen, meinte Salihamidzic, die Tabellensituation interessiere ihn allerdings nicht. "Wichtig ist, dass wir auf uns schauen, dass wir unsere Spiele gewinnen." Oder in anderen Worten: Mindestens so hoch springen wie ein gutes Pferd.

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