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FCB - Hoeneß bei JHV unter Beschuss: Beginn der Götterdämmerung

Von Kerry Hau, Dennis Melzer
Wurde auf der Jahreshauptversammlung scharf von den Fans kritisiert: Bayerns Präsident Uli Hoeneß.

Bayern Münchens Präsident Uli Hoeneß gerät am Ende einer zunächst unspektakulären Jahreshauptversammlung zur Zielscheibe einiger Vereinsmitglieder. Die im Vergleich zu den Vorjahren nicht mehr zu überhörenden Unmutsbekundungen nehmen den 66-Jährigen sichtlich mit.

Pfiffe. Buhrufe. Beschimpfungen. Am Ende half Uli Hoeneß nicht einmal sein alljährliches Freibierversprechen. Der Präsident des FC Bayern schlich mit versteinerter Miene vom Podium. Enttäuschung und Wut kochten in ihm gleichermaßen hoch, sein Kopf wurde rot.

Anders als in der jüngeren Vergangenheit riss er sich aber noch einmal zusammen, als ihn die anwesenden Journalisten mit dem konfrontierten, was sich da zum Abschluss der Jahreshauptversammlung 2018 abgespielt hatte. "Ich habe ja versprochen, dass ich in Zukunft sachliche Dinge sagen werde", meinte Hoeneß, "in meiner Zeit vor dem heutigen Tag hätte ich vielleicht das eine oder andere gesagt, was ich morgen bedauert hätte."

Hoeneß hatte aber eigentlich schon wenige Minuten zuvor während seines Schlussvortrags alles gesagt. Es gebe an diesem Abend "Ansätze", wie er sich den FC Bayern "nicht vorstelle", sagte der Präsident des Rekordmeisters mit Blick auf die vielen Unmutsbekundungen aus dem Publikum, das hämische Gelächter, wenn der Name Hasan Salihamidzic fiel, oder aber die konkreten Attacken gegen seine Person.

"Mister Bayern" Hoeneß über Kritik der Fans: "Hat mich sehr getroffen"

Mit Kritik aus den Reihen hatte der nicht selten selbstgefällige Mann mit den Ecken und Kanten zwar irgendwie schon immer leben müssen, so viel Gegenwind wie an diesem Freitagabend war ihm in seiner Zeit als Verantwortlicher aber noch nie entgegen geblasen. Daraus machte er nach der Veranstaltung keinen Hehl. "Das hat mich sehr, sehr getroffen", räumte Hoeneß ein, darüber müsse er "erst einmal eine Nacht schlafen".

Dabei war der offizielle Teil der Jahreshauptversammlung erwartungsgemäß vor sich hingeplätschert und hatte fast schon harmonische Züge angenommen. Kein Wort zur Tribünenverbannung von Ehrenspielführer Paul Breitner, kein Wort über den "Scheißdreck"-Kicker Juan Bernat, sondern Lobeshymnen auf die vergangenen Verdienste der Mannschaft, unisono Rückendeckung für Trainer Niko Kovac und "Jetzt-erst-recht"-Parolen in Bezug auf die prekäre Situation in der Bundesliga.

Was sich allerdings nach dem siebten und letzten Haupttagesordnungspunkt abspielte, hatte mit Zusammenhalt, mit dem so gerne und oft skandierten "Mia san mia", ziemlich wenig zu tun. Im Gegenteil. Schnell entstand der Eindruck einer negativen Grundstimmung gegen Hoeneß. Eine der insgesamt elf Wortmeldungen hatte es besonders in sich. Ein junger Mann in dunkler Lederjacke und hellem Shirt bezichtigte den Präsidenten, eine "One-Man-Show" vorzuführen.

Die Themen Breitner und Bernat bildeten nur einen kleinen Teil der mehr als zehnminütigen Generalkritik an dem "Mister Bayern", wie Karl-Heinz Rummenigge seinen langjährigen Freund zuvor noch liebkosend getauft hatte. Hoeneß habe sein Versprechen nach seiner Rückkehr vor zwei Jahren, den Verein besser zu machen, nicht eingehalten. Vielmehr sei der Verein durch ihn "in allen Belangen" schlechter geworden.

Hoeneß im Kreuzfeuer: "Feigling! Lügner! Idiot!"

An dieser Stelle kam auch wieder der belächelte Sportdirektor Salihamidzic zur Sprache, die riskante, beratungsresistente Kaderzusammenstellung und nicht zuletzt außersportliche Themen wie die windigen Sponsorendeals mit Konzernen aus Katar. "Ist das das Bild eines Weltvereins?", fragte der mutige Redner schließlich die versammelte, mürrisch dreinblickende Führungsriege.

"Wenn du jetzt geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph", entgegnete Hoeneß, nachdem der Redner bereits von der Bühne verschwunden war, "da waren so viele Unwahrheiten drin, das würde drei Stunden dauern. Deshalb lehne ich eine Diskussion auf diesem Niveau ab." Es folgten gellende Pfiffe.

"Du willst unser Präsident sein?", riefen einige verärgert in den Saal und übertönten die vereinzelten "Uli"-Rufe der Hoeneß-Anhänger um ein Vielfaches. Andere nannten den Bayern-Boss "Feigling", "Lügner" und "Idiot". Derartige Ausdrücke hatte der 66-Jährige in den vergangenen Jahren nur selten in heimischer Atmosphäre über sich gehört. Und selbst wenn: Die Anzahl seiner Anhänger war stets größer als die seiner Kritiker gewesen.

An diesem Freitagabend aber schien es, als würden all die verbalen Entgleisungen, die sich Hoeneß zuletzt geleistet hatte, wie ein Bumerang auf ihn zurückfallen. Wie der Beginn der Götterdämmerung. Speziell der Umgang mit ehemaligen Angestellten, in erster Linie Breitner und Bernat, haben für Empörung und Ermüdung in der Bayern-Gemeinde gesorgt. Ob sich Hoeneß im kommenden Jahr noch einmal zur Präsidentschaftswahl stellt, ist nach diesem deutlich gewordenen Bruch zwischen ihm und einem Großteil der Mitglieder mehr als fraglich.

FC Bayern in der Krise: "Abteilung Abwehr" statt "Abteilung Attacke"

Hoeneß' Zukunft hängt aber auch von Rummenigges Plänen ab. Aktuell ist davon auszugehen, dass Rummenigge seinen Ende 2019 auslaufenden Vertrag als Vorstandsvorsitzender verlängert. In diesem Fall wäre der heiß gehandelte Oliver Kahn noch keine Option für den Rummenigge-Posten - und Hoeneß müsste vorerst weiterhin seine Funktion als Präsident ausüben.

Vielleicht glätten sich in den nächsten Monaten aber auch noch die Wogen, schließlich wolle er - anders als auf einer gewissen Pressekonferenz vor nicht allzu langer Zeit - in Zukunft besser darüber nachdenken, was er sage. Das bekräftigte Hoeneß mehrfach. Am meisten würde ihm jetzt wohl eine Reaktion der Mannschaft auf dem Platz helfen.

"Seit acht Wochen ist der Wurm drin", konstatierte der Bayern-Boss. Daran ändere auch der eindrucksvolle 5:1-Sieg gegen Benfica Lissabon wenig. Man müsse gerade in der Bundesliga "endlich wieder konstant abliefern", Platz fünf entspreche in keiner Weise den Erwartungen.

Die einstmalige "Abteilung Attacke" hielt sich mit Kampfansagen an Tabellenführer Borussia Dortmund jedoch zurück, präsentierte sich wie zuletzt häufiger mehr als "Abteilung Abwehr". Rummenigge etwa sagte, man müsse und könne nicht jedes Jahr Meister werden, "ein bisschen mehr Demut" würde dem Verein "gut zu Gesicht" stehen.

Hoeneß stimmte zu, lobte den BVB überschwänglich - obgleich er sich in seiner gewohnten Manier noch zu einer Kampfansage hinreißen ließ. "Wir lassen uns am Ende der Saison daran messen, ob es eine gute Saison war oder nicht", stellte er klar, "ich kann ihnen versichern: Das war's noch nicht!" Es war ein Satz, den er möglicherweise auch an sich selbst richtete.

Von der Jahreshauptversammlung des FC Bayern berichten Kerry Hau und Dennis Melzer

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