Fussball

FC Bayern: Joshua Kimmich drängt ins Machtzentrum des deutschen Fußballs

Joshua Kimmich verpasste in dieser Saison in Bundesliga und Champions League noch keine Minute.
© getty

Während sein Klub und seine Nationalmannschaft Zerreißproben und Umbrüche erleben, drängt Joshua Kimmich auf und abseits des Platzes ins Machtzentrum. Von der neuen Rolle eines jungen Spielers, der sich nicht mehr als jung erachtet.

Immerhin eine Aufgabe gibt es dann doch, die Kimmich beim FC Bayern noch nicht anvertraut wurde, obwohl er durchaus entsprechende Ideen hätte: die Kaderplanung. "Ich kann ihn nicht kaufen", sagte Kimmich neulich nach dem Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Russland entschuldigend, "aber Kai Havertz ist ein Spieler, der gut zu uns passen würde."

Nicht nur der 19-jährige Havertz hatte Kimmich bei diesem 3:0-Sieg überzeugt, überhaupt hätten es seiner Meinung nach "die jungen Spieler sehr gut gemacht". Junge Spieler also, das sind für Kimmich zum Beispiel Serge Gnabry, Leroy Sane oder Thilo Kehrer, die - nur so am Rande - übrigens ähnlich jung sind wie Kimmich. Kimmich selbst würde Kimmich aber wohl nicht als jungen Spieler bezeichnen.

Er ist nämlich schon weiter, er ist sogar auf dem Weg ins Machtzentrum. Sowohl in der deutschen Nationalmannschaft, als auch beim FC Bayern. Sowohl auf, als auch abseits des Platzes.

Joshua Kimmich und der fokussierte Blick

Abseits des Platzes äußert sich das dadurch, dass sich Kimmich zu einem derjenigen entwickelt hat, der nach Spielen eigentlich immer spricht. Egal ob seine Mannschaft gewonnen oder verloren hat, egal ob es draußen regnet oder die Sonne scheint, egal ob er gut gespielt hat oder schlecht. Kimmich bleibt bei den Journalisten stehen und sagt mit fokussiertem Blick, was er eben zu sagen hat - und wirkt dabei stets so bedacht, dass man kaum merkt, ob seine Mannschaft eigentlich gewonnen oder verloren hat, ob es draußen regnet oder die Sonne scheint, ob er gut gespielt hat oder schlecht.

Wenn Kimmich dann da steht und spricht, darf er neuerdings über seine Rolle im Zentrum des Platzes sprechen. Nach Bundestrainer Joachim Löw hat ihn nämlich auch Bayern-Trainer Niko Kovac von rechts hinten ins zentrale Mittelfeld versetzt - dorthin, wo Kimmich schon in der Jugend spielte.

Niko Kovacs Maßnahme im Schicksalsspiel

Es war eine von Kovacs wichtigsten Maßnahmen im sogenannten Schicksalsspiel gegen Benfica Lissabon. Hätte Kovac das Spiel verloren, hätte er wohl auch seinen Job verloren. Um das zu verhindern, beorderte er Kimmich ins zentrale Mittelfeld. Gewissermaßen legte Kovac somit sein Schicksal in Kimmichs Füße - und wurde nicht enttäuscht.

Kimmich nahm diese Rolle wie schon seit Saisonbeginn in der Nationalmannschaft souverän an. Er positionierte sich gut, er spielte gute Pässe, er bereitete zwei Tore von Robert Lewandowski vor - und vielleicht am wichtigsten: er machte gleichzeitig andere Spieler besser.

Mit Kimmichs Versetzung ins zentrale Mittelfeld änderte Kovac sein System in ein 4-2-3-1. An Kimmichs Seite auf der neu geschaffenen Doppelsechs fühlt sich Leon Goretzka besonders wohl, Thomas Müller genießt es auf der gleichzeitig entstandenen Zehnerposition hinter Lewandowski, Linksverteidiger David Alaba hat wegen der doppelten zentralen Absicherung mehr Mut zur Offensive.

"Wir hatten auf der Doppelsechs eine gute Balance. Sie hat uns Stabilität und vorne mehr Möglichkeiten gegeben", sagte Kovac. Es war ein kleines Plädoyer für Kimmich im zentralen Mittelfeld - und somit die Vollendung von Kovacs Umdenken.

Niko Kovacs Umdenken bei Joshua Kimmich

Nachdem Kimmich von Bundestrainer Joachim Löw von rechts hinten ins zentrale Mittelfeld beordert wurde, schloss Kovac Ähnliches beim FC Bayern nämlich zunächst aus. "Für ihn gibt es aktuell keine andere als die Rechtsverteidigerposition", sagte Kovac Mitte September im Interview mit SPOX und Goal. Wohl teils aus Überzeugung, aber auch ein bisschen aus Not. Nicht zuletzt die Personalpolitik des FC Bayern und das Verletzungspech verbauten Kimmich damals einen Wechsel ins Zentrum. Sebastian Rudy, der die Rechtsverteidigerposition hätte ausfüllen können, wurde im Sommer an den FC Schalke 04 verkauft, Rafinha war verletzt. Es gab schlicht keine Alternativen zu Kimmich.

Als Rafinha aber wieder fit war, rotierte ihn Kovac Anfang November gegen den SC Freiburg in die Mannschaft. Im zentralen Mittelfeld fiel abgesehen des langzeitverletzten Corentin Tolisso gleichzeitig auch Thiago aus. Es gab also Bedarf, und da Kimmich in dieser Saison bekanntlich immer spielt (keine verpasste Minute in Bundesliga und Champions League), bekam er eben dort seine Chance. Kimmich enttäuschte und nannte das Spiel (mit gewohnt fokussiertem Blick) sein schlechtestes im Trikot des FC Bayern. Die zweite Chance gegen Benfica nutzte er, beim darauffolgenden Bundesligaspiel gegen Werder Bremen (2:1) bestätigte er seine Leistung.

Das zwischenzeitliche 1:0 bereitete Kimmich dem jungen Spieler Gnabry mit einem tollen Pass vor und ansonsten war er der prägendste Spieler auf dem Platz: er lief am meisten (12,86 Kilometer), er war am öftesten am Ball (109 Mal), er verzeichnete die beste Passquote (93,8 Prozent) und die meisten Balleroberungen (neun) und auch seine Zweikampfquote (66,7 Prozent) war hervorragend. "Joshua hat sehr gut geführt und geordnet", lobte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Kovac nannte die Leistung gar "außerordentlich gut".

Joshua Kimmichs Zukunft im Machtzentrum

Es sind die neuesten Strophen eines bereits wochenlang währenden Loblieds auf den Mittelfeldspieler Kimmich, der schon als künftiger Kapitän bei Klub und Verband gehandelt wird.

Nach seiner Versetzung in die Zentrale der Nationalmannschaft erklärte Sami Khedira, Kimmich könne "die Sechserposition langfristig überragend bekleiden". Toni Kroos habe sich über die Versetzung "extrem gefreut", Kimmich sei wegen "Zweikampfführung und Spielverständnis" gar "prädestiniert für diese Position". Mats Hummels sagte: "Er hat wirklich alles für diese Position. Aber den kannst du ja gefühlt überall hinstellen - es kommt immer was dabei raus."

Und genau das wird für Kimmich zumindest in den entscheidenden Spielen dieser Saison wohl noch zum Problem. Da Rafinha den höchsten internationalen Ansprüchen nicht mehr ganz genügt, wird Kovac Kimmich dann wieder als Rechtsverteidiger brauchen.

Sollte im kommenden Sommer mit Benjamin Pavard aber tatsächlich der Rechtsverteidiger der französischen Nationalmannschaft kommen, steht einer Zukunft Kimmichs im Machtzentrum des Platzes beim FC Bayern nichts im Weg. Und da Kimmich - obwohl er "junge Spieler" nur andere nennt - zumindest laut Reisepass selbst noch einer ist, könnte es eine lange Zukunft werden.

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