Fussball

FC Bayern nach Pokal-Krampf gegen Rödinghausen: Das Wie gibt zu denken

Von Dennis Melzer
Der FC Bayern hat sich gegen Rödinghausen zum Sieg gemüht.
© getty

Der FC Bayern krampft sich zu einem mühseligen 2:1 gegen Rödinghausen. Im Anschluss überwiegt der Frust über die Leistung und Thiagos Verletzung.

Es sind diese Abende, für die der DFB-Pokal ins Leben gerufen wurde. Spiele, die ihre eigenen Gesetze haben. So heißt es zumindest in der altbekannten fußballerischen Binsenweisheit, die gerne bemüht wird, wenn David auf Goliath, Dorfverein auf schillernden Großstadtklub trifft.

Die Sensation des einen bedeutete in der Vergangenheit häufig die größtmögliche Blamage des anderen. Nur der FC Bayern schien in den letzten Jahren davor gefeit, sich gegen die traditionell unbequem zu bespielenden Amateure aus Regional- oder Oberliga auch nur den Hauch einer Blöße zu geben.

So frenetisch der Jubel beim jeweiligen Underdog ausfällt, wenn die ständig wechselnde Sportschau-Losfee den deutschen Rekordmeister ins eigene Tableau zieht, so sicher ist es gleichzeitig, dass es sich für die Sportfreunde Dorfmerkingens, TuS Erndtebrücks und FC Rielasingen-Arlens dieser Welt nur um ein kurzes Intermezzo im deutschen Pokal handelt, sobald sich die Münchner für 90 Minuten die Ehre geben und erfahrungsgemäß kurzen Prozess mit dem hoffnungslos unterlegenen Außenseiter machen.

Wagner und Müller sorgen für komfortablen Vorsprung

In Runde eins dieser Pokal-Saison tat sich die Mannschaft von Trainer Niko Kovac überraschenderweise jedoch recht schwer: Beim Regionalligisten SV Drochtersen/Assel stand am Ende ein mageres 1:0 auf der Anzeigetafel. Robert Lewandowski hatte dem FCB den knappen Sieg damals beschert.

Diesmal, am Abend des 30. Oktober, deutete zunächst alles darauf hin, dass es sich bei dem mühsamen Erfolg in Drochtersen im Sommer um einen "Ausrutscher" gehandelt hatte. Gegen den SV Rödinghausen, ebenfalls Regionalligist, führte der FCB bei ungemütlichen, nasskalten Bedingungen schon nach 13 Minuten mit 2:0. Sandro Wagner und Thomas Müller per Foulelfmeter hatten den vermeintlich komfortablen Vorsprung an der ausverkauften Bremer Brücke zu Osnabrück herausgeschossen.

Eigens für das Duell des Jahres hatte Rödinghausen seine Heimstätte, das 3000 Zuschauer fassende Häcker Wiehenstadion, gegen das Wohnzimmer des drittklassigen VfL eingetauscht. Dort finden nämlich fünfmal so viele Menschen Platz.

Frust statt Bayern-Schützenfest

Das erwartete Bayern-Schützenfest blieb in der Folge allerdings aus. Stattdessen kamen die aufopferungsvoll kämpfenden Ostwestfalen kurz nach dem Seitenwechsel zum viel umjubelten Anschlusstreffer durch Linus Meyer. Es sollte nicht reichen, um den Giganten aus dem Süden zu Fall zu bringen, aber zumindest dazu führen, dass sich die Protagonisten aufseiten der Münchner im Anschluss an die Partie gehörig ärgerten. "Wir haben den Gegner stark gemacht, wir haben ihn ins Spiel kommen lassen", sagte Manuel Neuer und ergänzte: "Das passt nicht zum FC Bayern."

Vor allem eine Szene machten die Verantwortlichen als Knackpunkt, als sonderbaren spielerischen Bruch aus: Renato Sanches' Elfmeter, der zu diesem Zeitpunkt das frühe 3:0 bedeutet hätte, fand den Weg an den Querbalken anstatt ins Netz, danach hielt der Schlendrian Einzug.

"Nach dem verschossenen Elfmeter sind wir leistungsmäßig eingebrochen", ärgerte sich ein sichtlich angefressener Müller in der ARD. Der Nationalspieler, der bis auf seinen Strafstoß genauso wenig zu überzeugen wusste wie einige seiner Kollegen, wurde noch deutlicher. "Wir sind weitergekommen, aber über das Wie muss sich jeder einzelne Spieler Gedanken machen. Wir haben Aufarbeitungsbedarf."

Niko Kovac: "Wir sind in Schönheit gestorben"

Ähnlich frustriert zeigte sich sein Coach. "Wir sind in Schönheit gestorben. Wir haben die Chancen nicht genutzt und uns dann selbst in Schwierigkeit gebracht", erklärte Kovac im ARD-Interview. Dabei verwies der Kroate auf eine gängige Redensart, die eigentlich als Umschreibung dient, wenn eine Mannschaft eleganten, ansehnlichen Fußball bietet, der Erfolg deshalb aber häufig ausbleibt. Ansehnlich waren an diesem Abend höchstens 20 Minuten, ehe die Bayern ihr Spiel dem Wetter anpassten, danach nicht in Schönheit, sondern vielmehr in Rumpelfußball starben.

Auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic hatte keine Erklärung für den plötzlichen Bruch nach Sanches' Fehlschuss parat. "Wir haben bis zum zweiten Elfmeter alles im Griff gehabt und eine gute Leistung gezeigt. Dann war es wie abgerissen. Das kann ich mir auch nicht erklären, ich kann es einfach nicht", haderte Brazzo, kurz bevor sich der Bayern-Tross in den Mannschaftsbus aufmachte.

Selbst Ribery mit haarsträubenden Unkonzentriertheiten

Tatsächlich war es kaum nachzuvollziehen, warum selbst arrivierte Profis wie beispielsweise Franck Ribery nach anfänglicher Sicherheit in teils haarsträubende Unkonzentriertheiten verfielen. Mit Wohlwollen könnte man den glanzlosen Auftritt immerhin als pokaltypischen Arbeitssieg deklarieren.

Viel schlimmer als die Darbietung wog jedoch der Umstand, dass sich mit Thiago einer der wenigen Lichtblicke der vergangenen Wochen am Knöchel verletzte, nachdem Björn Schlottke in Minute 73 überhart an der Außenlinie gegen den Spanier zu Werke gegangen war.

"Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes. Aber es sieht nicht gut aus, er hat starke Schmerzen. Wir müssen die genaue Untersuchung am Mittwoch abwarten, aber es deutet viel auf eine Kapselverletzung hin", sagte Kovac mit Blick auf einen möglichen Ausfall seines Spielmachers.

Thiago droht längere Pause

Sollte Thiago, der zuletzt konstant auf gutem Niveau ablieferte, länger passen müssen, kämen noch schwierigere Wochen auf die Bayern zu, die auf ihren Missionen "BVB-Jagd" und "Champions-League-Gruppensieg" auf jeden Leistungsträger angewiesen sind. "Er ist sehr wichtig für die Mannschaft. Ein Ausfall wäre überhaupt nicht gut", fasste Salihamidzic das ganze Dilemma zusammen.

Diese Abende, die für die eine Mannschaft das Größte sind, dazu veranlassen, nach tapferer Leistung in der Dorfkneipe noch das "eine oder andere Kaltgetränk" zu sich zu nehmen, wie Rödinghausen-Torschütze Meyer nach Abpfiff fröhlich in die Kamera prophezeite, können bisweilen beim Favoriten für Unmut sorgen.

Wenn die eigenen Ansprüche nicht erfüllt werden oder wichtige Akteure aufgrund von übermotivierten, vermeidbaren Aktionen des Gegners außer Gefecht gesetzt werden. Dann überwiegt schlussendlich der Frust. Davor ist dieser Tage auch der FC Bayern nicht gefeit.

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