Die logische Wahl für mehr Bayern-DNA

Mittwoch, 07.06.2017 | 09:06 Uhr
Willy Sagnol war zwei Jahre lang Cheftrainer bei Girondins Bordeaux
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Der FC Bayern München steht offenbar vor der Verpflichtung von Willy Sagnol als Assistent für Trainer Carlo Ancelotti. Mit dem Franzosen bekäme der Rekordmeister einen Kandidaten, der bereits Erfahrungen als Jugend- und Cheftrainer gesammelt hat und das Rückgrat mitbringt, Probleme offen anzusprechen. Das wichtigste Pro-Argument für Sagnol ist jedoch: Nach der Versetzung von Hermann Gerland brächte Sagnol eine ordentliche Portion Identifikationspotential in den Trainerstab des FC Bayern.

Publikumsliebling. Ein Status, den sich jeder Profifußballer herbeisehnt. Oder zumindest die meisten. Sonderapplaus beim Warmmachen, Szenenapplaus bei Einwechslungen, Spruchbänder, Fangesänge auf den eigenen Namen. Oder zumindest Schlachtrufe mit diesem.

Ein besonderer Publikumsliebling spielte beim FC Bayern München in den Nuller Jahren auf der Rechtsverteidigerposition. Er interpretierte eben diese auf eine spezielle Art, die bis heute unweigerlich mit ihm verbunden ist.

Das Grundprinzip: Er bekommt den Ball, geht nach Überqueren der Mittellinie noch etwa zehn Meter und schlägt dann eine Halbfeld-Bananenflanke in den Strafraum. Dort steht im Zweifel Michael Ballack oder Roy Makaay und köpft ein.

Und immer wenn das Leder wieder hinten rechts beim Münchner mit der Rückennummer 2 ankam, hallte es ohrenbetäubend laut durch das weite Rund: "Willyyyyyyyyy!"

Sagnol: Liebling, Identifikationsfigur, Leistungsträger

Willy Sagnol war in seinen neun Jahren beim FC Bayern (2000 bis 2009) Liebling, Identifikationsfigur und Leistungsträger, gegen Ende immer häufiger sogar Kapitän. 14 Titel gewann der Franzose in seinen neun Jahren beim deutschen Branchenprimus, darunter der Champions-League-Triumph 2001 in Mailand und fünf Meisterschaften.

Zur neuen Saison könnte der mittlerweile 40-Jährige in den Klub zurückkehren, in dem er als Aktiver seine erfolgreichste Zeit hatte - als Co-Trainer von Carlo Ancelotti.

An der Seite des Mister ist im letzten halben Jahr eine Vakanz entstanden. Zuerst verließ Assistent Paul Clement im Januar den Verein, um die Chance wahrzunehmen, bei Swansea City Cheftrainer in der Premier League zu werden.

FC Bayern: Mit Gerland geht ein Herzstück

Mitte Februar verkündete der Klub zudem, dass auch Hermann Gerland dem Italiener in der kommenden Saison nicht zur Seite stehen wird. Er rücke ab Sommer auf die Position des Sportlichen Leiters im neuen Nachwuchsleistungszentrum in München-Fröttmaning.

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Der Positionswechsel des Tigers tut dem Rekordmeister nicht nur aufgrund von dessen großer Qualität im Umgang mit jungen Spielern weh. Vor allem war Gerland ein Herzstück des Vereins. Jemand, der den FC Bayern lebt.

Gerlands Abgang riss in dieser Hinsicht ein Loch. Zwar leistet Ancelottis Funktionsteam, angeführt von seinem Sohn Davide, starke Arbeit und wird von der Vereinsführung geschätzt. Die Komponente Identifikation jedoch droht, brach zu liegen.

Kein Wunder, dass sich die Gerüchte um einen neuen Chefassistenten zuletzt um klubnahe Namen wie beispielsweise Mark van Bommel verdichteten.

Sagnol ist offenbar der Auserwählte

Mit Willy Sagnol hat der Rekordmeister nun offenbar seinen Auserwählten gefunden. Medienberichten zufolge reiste dieser am Wochenende nach Kanada, um Gespräche mit Ancelotti über eine mögliche Zusammenarbeit zu führen.

Eine Verpflichtung würde in vielerlei Hinsicht Sinn ergeben.

Der Franzose ist ein Weltmann, spricht neben seiner Muttersprache fließend Deutsch, Englisch, Spanisch und auch Italienisch. In der Kommunikation mit Mannschaft und Trainerstab hätte er insofern große Vorteile.

Sagnol: Erfahrungen bei der französischen U21 und in Bordeaux

Darüber hinaus ist er kein Grünschnabel, sondern hat nach seiner aktiven Karriere bereits erste Schritte als Trainer gemacht. Ein Jahr lang trainierte Sagnol die französische U21-Nationalmannschaft. Von 2014 bis März 2016 sammelte er bei Girondins Bordeaux sogar schon zwei Jahre Erfahrung als Cheftrainer in einer der großen europäischen Ligen.

Nichtsdestotrotz sieht sich der 40-Jährige noch im Ausbildungsprozess. Er wäre sich nicht zu schade, noch einmal ins zweite Glied zu rücken: "Ich bin noch ein junger Trainer und will selbst noch dazu lernen", sagte er kürzlich zur Sport Bild.

Dafür sei die Arbeit mit dem Mister perfekt: "Von Ancelotti kann jeder junge Trainer sehr viel lernen, schließlich hat er große Erfahrungen aus allen Topligen in Italien, England, Frankreich und Spanien. Das macht ihn zu einem der besten Professoren im Fußball. Ich habe ihn zudem schon kennengelernt und weiß, dass er nicht nur ein großer Trainer ist, sondern auch ein toller Mensch."

Bayern würde Mann der klaren Worte holen

Trotz aller Bewunderung für Ancelotti würde Sagnol nach seiner Verpflichtung allerdings mit Sicherheit kein Abnicker werden. Im Gegenteil: Der Erfinder der patentierten Halbfeld-Flanke war bereits als Spieler dafür bekannt, unangenehme Wahrheiten auszusprechen und damit auch mal anzuecken.

Im letzten Jahr vor seinem verletzungsbedingten Karriereende führte dies zu einem Zerwürfnis mit dem damaligen Cheftrainer Ottmar Hitzfeld. Sagnol, mittlerweile in die Jahre gekommen und immer häufiger durch jüngere Kollegen ersetzt, kritisierte die Trainerikone wegen seiner geringen Einsatzzeiten öffentlich. Der Streit mündete in einer Suspendierung für das Halbfinale im UEFA-Cup gegen Zenit St. Petersburg.

Auch in den vergangenen Jahren schreckte Sagnol als Außenstehender nicht aus Respekt davor zurück, vermeintliche Missstände bei seinem Ex-Klub anzusprechen.

Erst vor wenigen Monaten kritisierte er im kicker die Entwicklungen bei den Bayern scharf - und damit indirekt auch Ancelotti: "Welche Kultur hat dieser Verein, welche Identität? Guardiola setzte drei Jahre die jungen Spieler immer wieder ein, Ancelotti setzt nur auf die erfahrenen Profis. Da fehlt die Kontinuität."

Sagnol: "Mannschaft ist zu alt"

Sowieso habe er seine Probleme mit der Altersstruktur im Kader: "Die Münchner Mannschaft ist zu alt, im heutigen Fußball ist mehr Intensität gefordert, die Spieler müssen mehr laufen, noch mehr im Spurt. Dieses Tempo können die Bayern nicht mehr gehen, darin bestand ein Problem. Du kannst die Champions League nicht gewinnen, wenn du vier Spieler hast, die 33 Jahre und älter sind."

Den Faktor Förderung von jungen Talenten stellte Sagnol entsprechend als Bedingung bei der Suche nach einem neuen Job: "Bei meiner Entscheidung steht für mich unabhängig von Land und Niveau im Mittelpunkt, dass es ein Projekt ist, bei dem ich Spieler und Mannschaft weiterentwickeln kann."

Die Entwicklung junger Spieler war einer der zentralen Kritikpunkte an der Arbeit Ancelottis während seines ersten Jahrs in München. Durch den Abgang von Talenteflüsterer Gerland droht in diesem Bereich eine Lücke im Trainerstab.

Sagnol hat diesbezüglich nicht nur klare Vorstellungen. Er hat durch seine Arbeit bei der französischen U21 auch Erfahrungen mit jungen Spielern und das Rückgrat, seine Ideen auch einzubringen und durchzusetzen.

Bayern und Sagnol: Freund des Vereins

Konflikte und Diskussionen innerhalb des Trainerstabs wären mit einer Verpflichtung Sagnols nicht ausgeschlossen, sogar eher wahrscheinlich. Doch womöglich ist es genau das, was die Münchner möchten. Mehr Reibung für mehr Erfolg. Zumal die Position des Sportdirektors nach dem Abgang von Matthias Sammer im Sommer 2016 noch immer nicht besetzt ist und damit das Element des erhobenen Zeigefingers fehlt.

Die wichtigste Komponente an einer Verpflichtung Sagnols wäre jedoch, dass die Münchner mit ihm wieder mehr Bayern-DNA auf die Trainerbank bringen würden. Die wichtigste Sollbruchstelle nach Gerlands Versetzung.

Sagnol war - abgesehen von seinen Differenzen mit Hitzfeld am Karriereende - immer ein Freund des Vereins mit engem Verhältnis zur Klubführung und war sowohl als Spieler als auch 2011 für einige Monate als Scout für den FC Bayern tätig.

Und auch die Fans bekämen nach dem Tiger wieder eine Kultfigur an die Seite des Cheftrainers gestellt. Anstatt "Hermann Gerland, du bist der beste Mann" zu singen, dürften sich die Anfeuerungsrufe allerdings deutlich kurzsilbiger gestalten. Genauger gesagt zweisilbig.

Willyyyyyyyyy!

Willy Sagnol im Porträt

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