Das verlorene Jahr des weltbesten Verteidigers

Donnerstag, 01.06.2017 | 10:13 Uhr
Jerome Boateng hat eine durchwachsene Saison hinter sich
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Noch vor einem Jahr war Jerome Boateng als Deutschlands Fußballer des Jahres und Teil des offiziellen Teams der EM 2016 auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Seitdem haben zahlreiche Verletzungen, die daraus resultierende Formkrise und öffentliche Diskussionen den Status des Weltstars vom FC Bayern München angekratzt. So sehr, dass Boateng sogar ein klärendes Gespräch über seine Zukunft suchte.

Es ist eine der spektakulärsten Szenen der EM 2016 in Frankreich. Und das bereits im Gruppenspiel Deutschlands gegen die Ukraine.

Andriy Yarmolenko flankt rechts im Sechzehner an den langen Pfosten. Dort hat Evgen Konoplyanka sträflich viel Platz und zieht ab. Er überwindet Manuel Neuer, der Ball prallt von Jerome Boateng ab und hüpft mit Rückwärtsdrall in Richtung Torlinie.

Was der deutsche Abwehrchef dann produziert, soll tagelang die Social-Media-Welt bestimmen: Boateng klärt das Ding mit einem artistischen Befreiungskick und fliegt selbst ins Tornetz.

Perfekte Antwort auf die Nachbar-Debatte

Es ist die perfekte Antwort auf die geschmacklose Diskussion, die AfD-Vize Alexander Gauland im Vorfeld des Turniers entfacht hatte. Die Solidarität mit dem Weltmeister war ohnehin breit.

Er selbst jedoch verzichtete auf offensive verbale Retourkutschen. Warum sich auch mit in den Schlamm ziehen lassen? Stattdessen arbeitete er hart und setzte schon im ersten Spiel das Highlight.

Auch im weiteren Turnierverlauf überzeugte Boateng mit starker Zweikampfführung, Spieleröffnung und wuchs nebenbei immer mehr in die Rolle als Führungsspieler.

Die einzigen Wermutstropfen: der ständige Kampf mit der Muskulatur, das slapstickartige Handspiel gegen Italien und das Halbfinalaus gegen Frankreich. Wer weiß, womöglich hätte Boateng gute Chancen gehabt, Spieler des Turniers zu werden, hätte das DFB-Team den Pokal gewonnen.

Boateng im Team der EM und Deutschlands Fußballer des Jahres

Pure Spekulation, aber Fakt ist: Im Sommer 2016 war Boateng auf dem Höhepunkt - sowohl auf dem seiner Leistungsfähigkeit als auch auf dem der öffentlichen Anerkennung.

"Wenn Sie die Entwicklung bei Jerome in den letzten Jahren Revue passieren lassen, ist das einfach atemberaubend. Er ist der beste Innenverteidiger der Welt, das ist einfach so", hatte der damalige Sportvorstand des FC Bayern München, Matthias Sammer, bereits im Oktober 2015 gesagt.

Nun war diese Meinung auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Die UEFA nominierte ihn ins Team des Turniers, Mitte August wählten ihn die deutschen Sportjournalisten obendrein noch zu Deutschlands Fußballer des Jahres. Er galt als legitimer Kandidat für das Kapitänsamt beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft.

Darüber hinaus war seine Popularität auch neben dem Fußballplatz auf dem Höhepunkt angelangt. Laut einer Studie der Werbeagentur Jung von Matt im September war Boateng der deutsche Fußballer mit dem höchsten Markenwert.

Boatengs schwächste Saison seit Jahren

Ein knappes Jahr später hat sich die Stimmung gedreht, die Euphorie ist zumindest abgeebbt.

War eine Trennung Boatengs und des FC Bayern vor einem Jahr noch völlig ausgeschlossen, klingen die Aussagen mittlerweile weniger präzise: "Bis jetzt sieht es so aus, dass es am 1. Juli wieder losgeht", sagte der 28-Jährige kürzlich über seine Situation.

Boateng blickt auf eine durchwachsene Saison zurück, womöglich seine schwächste im Trikot der Münchner, sicherlich aber auf die schwächste seit Jahren. Auf eine Spielzeit, in der ihm auch erstmals klubintern Wind ins Gesicht wehte.

Rummenigge entfacht Debatte

So entfachte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge im November nach einer schwachen Leistung des Innenverteidigers bei der Champions-League-Blamage gegen den FK Rostov öffentlich eine Diskussion. "Jerome muss mal wieder etwas zur Ruhe kommen. Das ist mir schon seit Sommer etwas zu viel. Es wäre in seinem Sinne und in dem des Klubs, wenn er mal wieder 'back to earth' kommen würde", kritisierte er seinen Abwehrstar scharf.

Boateng selbst hielt sich bei seiner ersten Reaktion zurück: "Der Grund dafür sind nicht irgendwelche PR- oder Lifestyle-Termine. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer alles tue, um in Top-Form zu sein."

Wenige Tage später konnte er sich bei einem Fanklub-Besuch in Babenhausen (Allgäu) eine Spitze jedoch nicht verkneifen: "Darüber kann ich nur lachen. Das nächste Mal kann er mir das auch ins Gesicht sagen."

Hummels und Martinez ziehen vorbei

Ein Nebenkriegsschauplatz, den man nicht zu hoch hängen sollte. Der Grundtenor der Aussagen hatte sich im Gegensatz zu den Lobpreisungen der vergangenen Jahre dennoch verändert.

Und weil Boateng immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen hatte, häufig pausieren musste und wenn er dann spielte, keine Form und keinen Rhythmus auf den Platz brachte, war eben auch Raum für solche Nebenkriegsschauplätze.

Zumal sich in der Abwesenheit des etatmäßigen Abwehrchefs das Duo Hummels/Martinez zu einem starken Rückhalt des Rekordmeisters entwickelte und Boateng den Rang ablief.

Boateng der schwächste FCB-Innenverteidiger der Saison

Im Vergleich zu seinen Kollegen fiel Boateng in Sachen Zweikampfstärke ab. Mit 57 Prozent gewonnenen Duellen in seinen 13 Ligaspielen lag er nicht nur deutlich hinter Mats Hummels (66 Prozent) und Javi Martinez (64,2 Prozent), er rangiert nicht einmal unter den 20 besten Zweikämpfern der abgelaufenen Saison.

Sommer-Neuzugang Niklas Süle hatte dem Weltmeister und Triplesieger als zweitbester Zweikämpfer der Liga (66,7 Prozent, nur Gladbachs Andreas Christensen war stärker) ebenfalls einiges voraus.

Auch in anderen Kategorien wie der Passquote war Boateng mit 87,6 Prozent der schwächste der FCB-Innenverteidiger (Hummels 88,8, Martinez 91,6), sein Tackling-Erfolg lag bei 61,5 Prozent, während die Kollegen 75,4 (Hummels) und 76,7 (Martinez) für sich entschieden.

Wie man die Zahlen auch dreht: Der "beste Innenverteidiger der Welt" hat ein verlorenes Jahr hinter sich.

Boateng "zu lange verletzt"

Ein Jahr, das sich logisch erklären lässt: "Die Saison war alles andere als schön und erfolgreich für mich, weil ich zu lange verletzt und eigentlich zu keiner Zeit 100 Prozent fit war", resümierte der 28-Jährige.

Tatsächlich musste die Nummer 17 immer wieder Zwangspausen einlegen. Ein Muskelbündelriss, Knieprobleme, muskuläre Probleme, ein Abriss der Brustmuskelsehne und Schmerzen in den Adduktoren sorgten dafür, dass er nie längerfristig einsatzbereit war. Insgesamt 19 Pflichtspiele musste Boateng aufgrund dieser langen Krankenakte aussetzen.

Wenngleich er sich selbst darüber bewusst war, in dieser Saison nie zu seiner Topform gefunden zu haben, saß der Stachel tief, als er im Pokalhalbfinale gegen Borussia Dortmund zunächst auf der Bank Platz nehmen und Hummels und Martinez den Vortritt in der Startelf lassen musste.

Vor allem da er sich erst eine Woche zuvor angeschlagen durch die Partie im Santiago Bernabeu gegen Real Madrid geschleppt und dabei eine starke Leistung gezeigt hatte.

Niklas Süle kommt als neuer Konkurrent

Das soll nicht zum Dauerzustand werden. Nach Informationen des kicker suchte Boateng deshalb ein Perspektivgespräch mit Trainer Carlo Ancelotti. Zwar plant dieser mit Javi Martinez künftig wieder im defensiven Mittelfeld, jedoch kommt mit Niklas Süle auch einer der besten Innenverteidiger der Saison.

Gerüchteweise stand sogar ein Wechsel zur Debatte, sollte Boateng nicht mehr das 100-prozentige Vertrauen spüren. Diese Gedanken sind mittlerweile offenbar vom Tisch. Boateng will angreifen und wieder unumstrittener Stammspieler und Abwehrchef werden.

Mit seiner Spieleröffnung, seiner Schnelligkeit, seiner Antizipation und seinen Führungsqualitäten ist Boateng zweifelsohne die Benchmark für seine Position. Wenn er denn fit ist. Deswegen steht genau das ganz dick auf dem Wunschzettel des Nationalspielers für 2017/2018: verletzungsfrei bleiben, durchstarten und wieder "der beste Innenverteidger der Welt" werden.

Jerome Boateng im Steckbrief

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